Elternzeit ist kein Luxus

lmt. 14 Wochen für Mütter, zwei Wochen für Väter – so die Regelung der Elternzeit. Die Schweiz nennt das Fortschritt. In Wahrheit zementiert diese Regelung ein System, das Frauen ökonomisch abhängig hält. Eine neue Initiative fordert 18 Wochen für beide Elternteile – doch selbst das greift zu kurz.

Wer in der Schweiz ein Kind bekommt, erhält keinen «Urlaub». Der Begriff ist zynisch. Elternzeit bedeutet Heilung von Geburtsverletzungen, Schlafmangel, Verantwortung rund um die Uhr – und für viele Frauen den Beginn eines strukturellen Abstiegs im Erwerbsleben. Die heutige Regelung ist kein Zufall, sondern politischer Ausdruck eines Systems, das Care-Arbeit systematisch entwertet. 14 Wochen Mutterschaftszeit bei 80 Prozent Lohn und lächerliche zwei Wochen für Väter schreiben fest, wer zuständig ist: Frauen. Die Konsequenzen sind bekannt – und politisch in Kauf genommen. Frauen reduzieren ihr Pensum, steigen später oder gar nicht wieder in die Berufswelt ein, verdienen weniger und haben tiefere Renten. Gleichzeitig profitieren Unternehmen und Staat von dieser unbezahlten Arbeit. Gleichstellung wird rhetorisch beschworen, aber strukturell verhindert.

Fortschritt mit blinden Flecken
Die aktuelle Initiative für 18 Wochen Elternzeit pro Elternteil ist ein wichtiger Schritt. Sie anerkennt, dass Betreuung nicht alleinige Aufgabe der Mutter ist. Sie schafft bessere Voraussetzungen für eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit und stärkt die Rolle der Väter. Doch auch diese Lösung bleibt halbherzig. Denn sie wird politisch sofort relativiert – etwa durch Modelle, in denen ein Teil der Zeit gleichzeitig bezogen werden darf oder implizit wieder bei den Müttern landet. Und vor allem: 18 Wochen reichen nicht.
Wenn heute Mütter im Schnitt ein halbes Jahr zu Hause bleiben, dann zeigt das nicht Grosszügigkeit – sondern eine Lücke im System, die privat gefüllt werden muss. Wer es sich finanziell leisten kann, verlängert. Wer es sich nicht leisten kann, geht früher zurück. Gleichstellung wird zur Klassenfrage, genauer: ist Klassenfrage.

Sechs Monate sind das Minimum
Eine Elternzeit von mindestens sechs Monaten pro Elternteil ist keine radikale Forderung, sondern entspricht der Realität von Geburt, Erholung und frühkindlicher Entwicklung. Studien zeigen klar: Längere Elternzeit verbessert die Gesundheit von Müttern und Kindern, reduziert Frühgeburten und stärkt die Bindung. Sie ermöglicht längeres Stillen und senkt das Risiko psychischer Belastungen. Auch Kinder profitieren nachweislich kognitiv und emotional – insbesondere, wenn beide Elternteile früh Verantwortung übernehmen.
Und selbst aus ökonomischer Perspektive ist die Argumentation eindeutig: Elternzeit erhöht die Erwerbstätigkeit von Frauen, reduziert Fachkräftemangel und stärkt langfristig die Wirtschaft. Bereits eine minimale Erhöhung der Erwerbsquote würde die Kosten decken.
Dass dennoch ständig mit Kosten argumentiert wird, zeigt: Es geht nicht um Wirtschaftlichkeit – es geht um Prioritäten. Und es zeigt eben auch, welche Arbeit als wertvoll gilt – und welche nicht. Unbezahlte Care-Arbeit hält die Gesellschaft am Laufen. Sie produziert Gesundheit, Stabilität und zukünftige Arbeitskräfte. Und doch taucht sie in keiner volkswirtschaftlichen Rechnung auf. Stattdessen wird argumentiert, längere Elternzeit sei, durch Studien bewiesen, «zu teuer». Gemeint ist: zu teuer für den Staat – nicht für jene, die die Kosten heute tragen. Diese «Studien» sind kein neutraler Befund, sondern Ausdruck eines bestimmten Blicks auf die Gesellschaft. Ein Blick, der Care-Arbeit nur dann anerkennt, wenn sie Profit generiert.
Die Realität ist eine andere: Die Schweiz verliert heute massiv an qualifizierten Arbeitskräften, weil
Mütter aus dem Erwerbsleben gedrängt werden. Sie zahlt später über Ergänzungsleistungen, weil Frauen zu wenig Rente haben. Sie trägt die gesellschaftlichen Kosten
eines Systems, das kurzfristige Einsparungen über langfristige Stabilität stellt. Elternzeit ist kein Kostenfaktor. Sie ist eine Investition – in Gesundheit, Gleichstellung und wirtschaftliche Nachhaltigkeit.

Gleichstellung entsteht nicht von selbst
Warum hält die Politik an einer Regelung fest, die nachweislich Ungleichheit produziert? Weil sie funktioniert – für jene, die vom bestehenden System profitieren. Unbezahlte Care-Arbeit, geleistet mehrheitlich von Frauen, ist eine zentrale Säule der Wirtschaft. Sie hält das System am Laufen, ohne dass sie entschädigt wird. Gleichzeitig sichert sie bestehende Machtverhältnisse: ökonomische Abhängigkeit, geringere politische Einflussmöglichkeiten, strukturelle Benachteiligung. Elternzeit ist deshalb keine rein sozialpolitische Frage. Sie ist eine Machtfrage. Wer sie ausweitet, verschiebt Verantwortung, Ressourcen und Einfluss. Wer sie klein hält, stabilisiert ein System, in dem Gleichstellung zwar versprochen, aber nie vollständig umgesetzt wird.
Die Schweiz versteht sich gern als fortschrittlich. Doch beim Thema Elternzeit zeigt sich, wie hartnäckig Ungleichheit politisch organisiert wird. Es reicht nicht, minimale Anpassungen vorzunehmen und sie als Fortschritt zu verkaufen. Solange Care-Arbeit unsichtbar bleibt, solange sie überwiegend von Frauen getragen wird und solange politische Entscheidungen diese Realität stabilisieren, bleibt Gleichstellung eine leere Versprechung. Eine echte Veränderung beginnt dort, wo diese Strukturen infrage gestellt werden. Elternzeit ist kein Randthema. Sie ist ein Gradmesser dafür, wie viel Gleichstellung eine Gesellschaft tatsächlich zulässt. Solange ein System Frauen nach 98 Tagen zurück in die Erwerbsarbeit drängt, während es gleichzeitig auf ihre unbezahlte Arbeit angewiesen ist, bleibt jede Gleichstellungsdebatte unvollständig.
Es braucht politische Entscheidungen, die Realität von Geburt, Care-Arbeit und Abhängigkeit ernst zu nehmen. Alles andere ist kein Fortschritt – sondern die Fortsetzung eines Systems, das auf Kosten von Frauen funktioniert.

 

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