Ein überfälliges Bündnis

Athanasios Karathanassis. Kapitalistische Produktion basiert auch auf der Ausbeutung der Tiere. Warum Tierbefreiung und Kapitalismuskritik zusammengehören. Anmerkungen zum Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung.

Warum es das vom Menschen massenhaft verursachte Leid der Tiere im Kapitalismus gibt, ist eine zentrale Frage, die sich das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung (BMT) zunächst mit einer Kritik an dominierenden politisch-theoretischen Auffassungen stellt.
Während die moralische Verurteilung der Vorstellung der Höherwertigkeit der menschlichen Gattung auf einer Kritik der Ideologie der Ungleichwertigkeit basiert, allerdings ohne diese herzuleiten, zielt die im Thesenpapier thematisierte Rechtskritik darauf ab, dass die Behandlung der Tiere nur als Rechtsobjekte, nicht aber als Rechtssubjekte das Resultat der normativen Setzung der Tiere als Eigentum sei, womit der institutionalisierten Ausbeutung der Tiere qua ökonomischer Verfügungsgewalt der Weg geebnet werde. Mit dieser juristischen Festschreibung wird es legal, Tiere als (Privat-)Eigentum zu «behandeln» und Profit aus ihnen zu ziehen.

Moral, Recht und Ideologie
Die antispeziesistische Herrschaftskritik sieht den Speziesismus als das Ergebnis einer dualistischen Konstruktion von Gesellschaft und Natur bzw. Mensch und Tier. Diese schreibt «der Gesellschaft» jene Eigenschaften zu, die dem menschlichen Zivilisationsprozess förderlich waren – wie z.B. Wille und Rationalität, während zugleich die Seite «der Natur» mit alledem konnotiert wird, was in diesem Prozess verdrängt und zurückgelassen wurde, wie z.B. Triebhaftigkeit und Affektivität.
Das speziesistische Denken über die Tiere ist aber – so das BMT – nicht die Grundlage der Tierausbeutung, sondern vielmehr deren ideologischer Reflex. Den Ursprung dieser Ideologie oder ihre Funktion herleiten kann die antispeziesistische Herrschaftskritik nicht, womit sie (ebenfalls) phänomenologisch bleibt. So erscheint Tierausbeutung als Ergebnis eines verblendeten speziesistischen Bewusstseins – eine Sichtweise mit fatalen Konsequenzen in Bezug auf ihre praktisch emanzipatorischen Möglichkeiten: Eine auf die Befreiung der Tiere gerichtete politische Praxis ist dann primär eine Frage des richtigen Denkens, der moralischen Haltung und der Rechtsnormen, was heisst, dass z.B. FleischproduzentInnen und -konsumentInnen «nur» ihr speziesistisches Denken ablegen müssen, damit Tiere befreit werden können. Gesellschaftliche Praxis ist hier vor allem eine Frage des gesellschaftlichen Bewusstseins.
So bleiben die Kritiken der Moralphilosophie, der Rechtstheorie und auch die antispeziesistische Herrschaftskritik moralistisch, ideologisch oder juristisch-normativ, und verharren auf der phänomenologischen Ebene, wodurch sie nicht ausreichend erklären können, wie das ideologische Denken über Tiere oder ihr Eigentumsstatus in die Welt gekommen ist und vor allem, warum und in wessen Interesse Tiere in der kapitalistischen Gesellschaft ausgebeutet werden.

Das Tier im Kapitalismus – eine materialistische Kritik
Wie andere Naturstoffe werden Tiere unter anderem als Produktionsmittel, z.B. zur Produktion von Eiern und Fleisch, sowie als Arbeitsgegenstände, z.B. als Leder, angeeignet. Unter dem Kommando des Kapitals sind es LohnarbeiterInnen, die diese Art der Mehrwertproduktion ausführen, zu der in der Tierindustrie das millionenfache Töten sowie das Durchführen von Tierversuchen gehört. Das bedeutet, im kapitalistischen Produktionsprozess werden Tiere zum blossen Verwertungsmaterial, zur versachlichten Ware. So erkennt das BMT Gemeinsamkeiten: Die Profitproduktion basiert nicht nur auf der Ausbeutung der LohnarbeiterInnen, sondern auch auf der der Tiere. Mehr noch: Bei allen qualitativen Unterschieden zwischen der Ausbeutung von Menschen und Tieren ist auch die Leidensfähigkeit eine Eigenschaft, die Menschen und Tiere in ihrer Unterordnung unter das Kapital miteinander teilen. Der «Kampf für die Aufhebung dieser Verhältnisse muss daher den Kampf fu?r die Befreiung von Tieren und Natur einschliessen», womit ein emanzipatorisches Bündnis zumindest zwischen ArbeiterInnen-, Umwelt- und Tierbefreiungsbewegungen auf der Hand liegt.

Graduelle Differenzen
Der Mensch, der wie Tiere, natürliche Bedürfnisse wie Essen, Schlafen usw. befriedigen muss, unterscheidet sich – nach dem BMT – nicht absolut, sondern graduell vom Tier, was das Ergebnis eines Zivilisationsprozesses, einer politisch-ökonomischen sozialen Praxis ist, in der sich der Mensch aus der Natur herausarbeitet und damit einen Unterschied zu (anderen) Tieren selber «produziert». Neueste Ergebnisse der Tierverhaltensforschungbestätigen zwar den Subjektstatus zumindest einer Reihe komplexerer Lebewesen, womit graduelle Unterschiede auch aus dieser Richtung untermauert werden. Die graduellen Differenzen zwischen Tier und Mensch müssen allerdings spätestens in Bezug auf die Möglichkeiten ihres Verständnisses von Unterdrückungsverhältnissen und der daraufhin möglichen emanzipatorischen Praxis entscheidend relativiert werden. Das leistet das BMT, insbesondere um zu verdeutlichen, wer zur Befreiung der Tiere aktiv werden muss.
Menschen können im Gegensatz zu Tieren die gesellschaftlichen Bedingungen analysieren durch die sie zu Ausgebeuteten und Unterdrückten werden und daraus Schritte zur eigenen Befreiung ableiten. Menschen können daher das Subjekt ihrer eigenen Befreiung sein; Tiere – so das BMT – nur Objekt der Befreiung. Das erfordert allerdings Empathie und eine mit zutreffenden Argumenten bestückte, radikale Kritik, die konstruktiv sein muss. Das heisst, sie muss das Verbindende suchen, statt das Trennende hervorheben, damit endlich «die Produktivkräfte nicht weiter für Gewinne (…) weniger, sondern zum Nutzen aller entwickelt und angewandt werden», und damit durch ein «Bündnis zur Befreiung der Unfreien» diese Verhältnisse letztlich überwunden werden. Hierzu bedarf es keiner traditionellen politischen Parolen an exponierten Stellen des Thesenpapiers, die leicht als Rückfall in einen bzw. Apologetik eines obsoleten politischen Kampfmodus interpretiert werden könnten. Eine Abgrenzung zu traditionellen Konnotation wäre daher meines Erachtens sinnvoll.

Kapital-Tier-Beziehungen
Das Verständnis insbesondere über Ursachen der Mensch-Tier-Beziehungen im Kapitalismus ist ohne die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie nicht möglich. Die Darlegung bzw. Begründung dessen ist eine grosse Leistung des BMT-Papiers, wobei hier ein nicht unwichtiger Unterschied hervorgehoben werden sollte: Marxismus ist nicht gleichzusetzen mit der Marxschen Kritik der Politische Ökonomie. Während letztere durch ihre Qualität besticht, Hintergründe und Funktionsweisen der kapitalistischen Ökonomie und somit auch die Rolle des Tieres im Kapitalismus sowie Ursachen alltäglicher naturdestruktiver Verhältnisse aufdecken zu können, ist Marxismus oftmals eine historisch-politisch stark aufgeladene und weit interpretierbare Kategorie, die zumindest zur Gesellschaftsanalyse weniger geeignet und daher problematisch ist. Denn den Marxismus gibt es ebenso wenig wie die Deutschen oder die Männer, und die «Geschäftsgrundlage» selbsterklärter MarxistInnen ist (leider) zu oft weder eine materialistische Geschichtsauffassung noch die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie.
Nichtsdestotrotz liefert dieses sehr gut strukturierte und verständliche Thesenpapier unerlässliche Erkenntnisse zum tieferen Verständnis der Mensch-Tier-Beziehungen oder treffender der Kapital-Tier-Beziehungen, ohne die eine nachhaltige politisch-emanzipatorische Stossrichtung der Tierbefreiung kaum möglich sein wird.

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