Eric Hobsbawm

Eric Hobsbawm war einer der wichtigsten marxistischen Intellektuellen der Welt. Auch, weil sich bei ihm auf einzigartige Weise Biographie und Wissenschaft verbinden. Nun ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Aus dem vorwärts vom 12. Oktober 2012.

Wie kein anderer verband Eric Hobsbawm kritische Analyse und Intervention mit Zeugenschaft. Nicht nur die schiere Menge von Material, Statistik und Themen, über die der britische Historiker bis in sein hohes Alter hinein virtuos verfügte, sondern auch die Tatsache, dass Hobsbawm die entscheidenden weltgeschichtlichen Ereignisse am eigenen Leib erfuhr, verleiht seiner publizistischen und politischen Tätigkeit eine Autorität, die ihres Gleichen sucht. Hobsbawm war ein engagierter Intellektueller und er war ein linker Intellektueller. Aber seine politische Parteinahme war nicht einfach das, was man  weltanschaulich nennt. Von Erfahrung gesättigt und motiviert war sie ebenso wie sie den Ausdruck wissenschaftlicher Einsicht und Anstrengung bedeutete. Die Gewissenhaftigkeit von Hobsbawms umfassenden historischen Darstellungen und theoretischen Einsätzen ist von seinem Selbstverständnis als marxistischem Autor nicht zu trennen.

Dass die Welt sich nicht vergesse

Aber auch die unbeirrbare Orientierung am Konzept einer Weltgeschichte bestimmte in Hobsbawms Arbeit die Aufgabe des historischen Materialisten zur politischen Tätigkeit. Man kann hinter dem Konzept der Weltgeschichte eine genuin marx’sche Einsicht am Werke sehen: Weltgeschichte ist keine a priori gegebene Idee, sondern von historischer Materialität, eine Möglichkeit, die der Kapitalismus als globalisierendes und globalisiertes Phänomen zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte realisiert. Diese Reflexion gibt der Aufgabe des Historikers erst ihre Form; sie mit Inhalt zu füllen, ohne den Ideologemen erfundener Traditionen, Mythenbildungen oder eurozentrischer Chauvinismen zu erliegen, ist ihr Probierstein. Vor ihm zu bestehen, hat Hobsbawm sich bemüht. Das ergibt die Breite seiner Darstellungen: Er konfrontierte die grossen Persönlichkeiten mit den kleinen, die wenigen Privilegierten mit den Massen, die Ökonomie mit den Entwicklungen in Kunst und Kultur und die erste Welt mit derjenigen, die jene auf sich zu reduzieren versucht. Und über alldem thront der kategorische Imperativ  geschichtlichen Erzählens: Dass die Welt sich nicht vergesse.

Dem Vergessen sah Hobsbawm vor allem die radikale Ideologie des sich selbst genügsamen Marktes zuarbeiten. Dagegen brachte er reale Geschichte in Anschlag. Er hatte sie alle kommen und gehen sehen, die Weimarer Republik, als liberale Hoffnung, das tausendjährige Reich der Faschisten, das diese ablösen sollte, den Aufbau der Nachkriegsordnung mit ihrer Verschränkung von Sozialdemokratie und Nationalstaatlichkeit und schliesslich die neoliberalen Angriffe darauf.  Der Antrieb, zu erinnern, ist die leibhaftige Reaktion auf die Welt. Hobsbawm hat sich selbst als einen Schöngeist beschrieben und im gleichen Atemzug  die Urszene seiner Politisierung: Eine Jugendlicher, der sich in der untergehenden Weimarer Republik dem Sozialistischen Schülerbund anschliesst und 1933 am letzten Marsch der Arbeiterbewegung durch Berlin teilnimmt. Als Jude und Linker gleich doppelt vertrieben und im konservativen England als aufstrebender Akademiker der Arbeiterbewegung verschrieben: Hobsbawms Engagement verschränkt Individuellstes und Allgemeinstes.

Bis zuletzt Mitglied der Kommunistischen Partei Englands

So lässt sich die übliche Nachrede und Kritik am Wissenschaftler Hobsbawm vielleicht umdrehen: Nicht seine Weltanschauung hat seine wissenschaftliche Tätigkeit verunreinigt, vielmehr hat seine Forschung ihn dazu gebracht, die Welt als Bereich analytischer Intervention wahrzunehmen. Und die  Verantwortung, begreifend zu erinnern, bedeutete ihm nicht nur, in die Kommunistische Partei Englands einzutreten, sondern auch, ihr bis zuletzt – dem Untergang der Sowjetischen Alternative – angehörig zu bleiben. Nichts hat Hobsbawm mehr Kritik, Häme und Unverständnis eingetragen als das; nichts hat mehr psychologistische oder politische Diffamierungsversuche provoziert. Dabei war auch die Zeit, in der das autoritäre Sowjetmodell als realistische politische Option von Hobsbawm ernst genommen wurde, begrenzt. Bald nach dem Krieg setzte er seine Hoffnungen und Bemühungen auf eine Erneuerung von Labour oder fungierte als Vordenker des Eurokommunismus. Was er aber nicht tat, war sich von der Tatsache zu distanzieren, dass ihm und seinen ParteigenossInnen der gewaltsame und gewalttätige Aufbau einer Alternative als einzige politische Antwort auf den Zusammenbruch des  kapitalistischen Westens und seine faschistischen Krisenerscheinungen vor Augen stand. Für einen Augenblick historischer Erfahrung besass die sowjetische Option Aktualität.

So steht Hobsbawm beim zweiten Blick besser da als viele Linke und ihre KritikerInnen. Er war unizeitgemäss. Und dies ist er noch bis kurz vor seinem Tod. Nicht erst seit der Grossen Rezession im Ausgang der Finanzkrise, aber ab dann im medialen Fokus, warnt er vor dem Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten und verbindet seine Warnungen immer mit Einsichten in die strukturelle Beschaffenheit des Kapitalismus. Als Katastrophen-Eric verliehen die Medien ihm die Konturen einer Kassandra. Aber auch als Nichtspezialist in einer Welt von SpezialistInnen, wie er sich einmal nennt, hat er den Nimbus des Hervorragenden. Auch dies ein Gesetz, das die Sache ihm auferlegt. Auch dies eine politische Stellungnahme. Ein institutioneller Aufstieg erfolgt erst spät in der akademischen Karriere, nachdem dem Marxisten seine Publikationen und Lehraufträge bereits zu grosser Bekanntheit verholfen haben. Und erst im hohen Alter sieht sich Hobsbawm an Ehren und Auszeichnungen hochdekoriert. Seine letzten  Publikationen – ein Nachruf auf seine Kollegin Dorothy Wedderburn und eine Aufsatzsammlung zu  Marx und darüber, wie die Welt zu verändern sei – bezeugen als Kerngeschäft die akribische Pflege des politischen Erinnerns. Wie die Welt zu verändern sei – oder vielmehr: Dass. Denn ein Utopist ist einE MarxistIn in Hobsbawms Augen nie, sondern einE kritischeR AnalytikerIn der bestehenden Zustände, die nun einmal die des globalisierten Kapitalismus sind. So gross ist mit dem Verlust des 95-jährigen Historikers der Verlust für alle, die dieses Anliegen teilen. Nur zu erahnen der Verlust derer, die ihn kannten und um die er sich kümmerte. Eric Hobsbawm ist in der Nacht auf den 1. Oktober in einem Londoner Spital verstorben.

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