«Freiheit! Freiheit!»

Ralf Streck. Von Ermüdungserscheinungen keine Spur: Am katalonischen Nationalfeiertag strömten eine Million Menschen in Barcelona auf die Strasse. Sie setzten friedlich ein eindrückliches Zeichen für Werte wie Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Auch Gäste aus aller Welt haben vor Ort ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht.

17.14 Uhr. Stille ergreift die Menschen im Gedränge auf der «Diagonal» im katalanischen Barcelona an diesem 11. September. Sechs Kilometer entfernt rollt die Olà (die Menschenwelle, bekannt aus den Fussballstadien) los. Erst drei Minuten später kündigt ein Rauschen die Woge an, die über der grössten und breitesten Strasse anwächst, die durch Barcelona führt. Von mehr als einer Million gebildet (nach Polizeiangaben) erreicht sie das Ende der Demonstration, um sich im Fahnenmeer und dem Schrei «Llibertat! Llibertat!» (Freiheit) zu entladen. Eine Demonstration im Wortsinn eines Marsches ist unmöglich: Zu viele Menschen besetzen die «Diagonal» am katalanischen Nationalfeiertag (Diada), sie muss wegen Überfüllung geschlossen werden!
Keine Spur also von der «abbrechenden Beteiligung», die von den spanischen Medien herbeigeschrieben wurde: Die Unabhängigkeit von Spanien, die Forderung nach Freiheit der politischen Gefangenen und Rückkehr der ins Exil geflüchteten PolitikerInnen wie etwa Anna Gabriel, Ex-Sprecherin der antikapitalistischen, linksradikalen CUP, die sich in der Schweiz befindet, ist fest verankert. Die friedliche Bewegung hat an Stärke nichts eingebüsst. Allen ist klar, dass es Zeit brauchen wird, um die Mauern wegzuspülen, wie es die Welle symbolisch am Königspalast vorweggenommen hat. Es werden auch Sprechchöre für die Unabhängigkeit laut, doch es wird vor allem «Freiheit» gefordert. Laura Masvidal, die Ehefrau des inhaftierten ehemaligen Innenministers Joaquin Forn, erklärt dem vorwärts gegenüber: «Wir dürfen uns nicht beschränken lassen und die Repression in den Vordergrund rücken, sondern müssen unsere positiven Werte und Ziele wie Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund rücken.»

Anerkanntes Referendum gefordert
Am «Königspalast» sind nach einer internationalen Konferenz in diesem Jahr auch BesucherInnen aus mehr als 50 Nationen zusammengeströmt, die wie die KatalanInnen zum Teil über keinen Staat verfügen. Aus Schottland oder Québec, aus dem Baskenland oder Kalifornien, aber auch aus dem schweizerischen Jura sind sie angereist, um das Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen. In dem Palast waren am Vorabend der Diada also keine Adeligen versammelt, sondern die «ausländischen FreundInnen», um sich auszutauschen und die KatalanInnen im Kampf für «Demokratie sowie zivile und politische Rechte» zu unterstützen, wie Yves-Francois Blanchèt erklärt. Der Ex-Umweltminister aus Québec ist entsetzt, dass Spanien die katalonische Regierung abgesetzt, Mitglieder inhaftiert hat und sie für einen «bewaffneten Aufstand» (Rebellion) anklagt, weil sie über die Unabhängigkeit abstimmen liessen. Überzeugen konnten sich die Gäste, dass ein bis zwei Millionen UnabhängigkeitsfreundInnen absolut friedlich gefeiert haben, aber zwei Tage zuvor FaschistInnen, die stets an den kleinen Demonstrationen der UnionistInnen teilnehmen, erneut Menschen gewalttätig angegriffen haben. Kürzlich wurde bei einer Versammlung der rechten Ciudadanos-Partei vor laufenden Kameras sogar ein spanischer Kameramann verprügelt.
Auch Regierungschef Quim Torra nimmt sich an diesem bedeutsamen Tag, an dem stets an den Fall Kataloniens 1714 unter die spanische Krone gedacht wird, Zeit, um eingeladenen «ausländischen FreundInnen» im Regierungspalast zu empfangen. Torra bedankte sich bei seinen «BotschafterInnen in aller Welt» für die Unterstützung. Er bittet darum, die Prozesse gegen die politischen Gefangenen im Herbst weiter anzuprangern. Die weitere Internationalisierung spielt eine Schlüsselrolle im weiteren Verlauf des Konflikts und bei der Suche nach einer zivilisierten Lösung. Er meint, Verurteilungen von bis zu 30 Jahren könnten den Bruchpunkt markieren und bietet Spanien deshalb die britische und kanadische Lösung an. Er will ein «verbindliches und anerkanntes Referendum über die Unabhängigkeit» mit Spanien abstimmen.

«Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit»
Das Referendum fordert auch Albano-Dante Fachin, der Ex-Chef von Podemos in Katalonien, im Gespräch vor Ort mit dem vorwärts. Er spricht von einer nationalistischen Radikalisierung in Spanien: «Dort ist nun alles erlaubt, nicht nur gegen die Unabhängigkeitsbewegung, sondern auch gegen alle, die das Selbstbestimmungsrecht verteidigen.» Man müsse nun aufstehen, um «Demokratie und Freiheit zu verteidigen».
Klar ist praktisch allen, dass Verurteilungen die Lage massiv zuspitzen würden. Die antikapitalistische, radikal linke CUP bewegt sich längst darauf hin, jeden Dialog mit Spanien zu beenden und die katalanische Republik durchzusetzen. «Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit» ist ihr Slogan, den hier auf einer Nachdemonstration viele vertreten. Sie wird von vielen «Komitees zur Verteidigung» unterstützt, die erneut unter anderem auf massive Blockaden des Strassen- und Schienenverkehrs setzen. Das ist noch eine Minderheitsposition. Doch das kann sich schnell ändern, wie zwei grosse Generalstreiks gegen die brutale Repression beim Referendum im vergangenen Herbst gezeigt haben.

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2 Kommentare

  • Pit Zombrowski

    Danke für die Berichterstattung.

  • Inga Kossmann

    Ralf streck hat Recht. Ich war auf der diada, habe mit vielen Menschen diskutiert und konnte keine Ermüdungserscheinungen erkennen., sondern nur den Willen zur Unabhängigkeit. Im übrigen waren es mehr als 1 Million junger, mittlerer und alter Menschen, die alle friedlich demonstriert haben. Eines der eindruckvollsten Erlebnisse meines Lebens – und ich bin schon sehr lange politisch aktiv.
    Visca Catalunya !

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