Die unsichtbare Hand wird es nicht richten

flo. Legt man einen strengen Standard an – und der wird mit jedem Jahr nötiger – und betrachtet, was Bund, Kantone und Gemeinden konkret für den Hitzeschutz und gegen Dürren unternommen haben, ist die Ausbeute erbärmlich. Die Folgen sind fatal.

Man fragt sich, wie wohl die Bundesratssitzungen ablaufen, in denen über das Nacheinander von drei grossflächigen Rekordhitzewellen diskutiert wurde. Man hat den Eindruck, dass es nicht mehr fünf vor zwölf, sondern Schlag zwölf ist. Da dürfte man doch mit konkreten und weitreichenden Massnahmen rechnen.

Hungersteine tauchen auf
Aber die berechtigte Hoffnung, dass der Bund nun doch endlich verstanden hat, dass es an der Zeit ist, gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen vorzugehen, wird leider von der etablierten Politik zunichtegemacht. Böse gesagt: Man kann sich irgendwie vorstellen, wie die Mitglieder unserer obersten Exekutive die Betonköpfe zusammenstecken und ausrufen: «Stimmt! Das ist wirklich schlimm! Wieso macht eigentlich nicht irgendwer was dagegen???» Wirklich greifbare Massnahmen kommen aus Bundesbern nämlich kaum. Zugegeben: Wenn es wenig kostet, kann man auf eine Massnahme hoffen. So wurde 2025 ein nationales Trockenheits-Frühwarnsystem geschaffen. Aber Menschen vor Trockenheit zu warnen, ist nicht dasselbe, wie die Ursachen von Dürren zu bekämpfen oder ihre Auswirkungen zu lindern.
So herrschte dieses Jahr Rekordtrockenheit. Mehrereorts in Europa tauchten sogenannte Hungersteine wieder auf. Auf ihnen warnen seit Jahrhunderten Inschriften bei grosser Trockenheit vor drohenden Hungersnöten. Dass sie wieder sichtbar wurden, ist angesichts von Rekordtiefstständen bei Schweizer Seen und Flüssen, ausgetrockneten Flussbetten und sogar Landwirt:innen, die nun über den Klimawandel klagen, ein übles Omen für das, was noch kommen könnte. Zwar besteht für die meisten Regionen der Schweiz die berechtigte Hoffnung, dass wir das Elend mit den Hitzetagen für dieses Jahr überstanden haben. Es ist aber nur eine vergleichsweise kurze Verschnaufpause. Die Schäden, die der Hitzesommer 2026 angerichtet hat, sind in vielen Fällen nicht reversibel. Auch wenn sich die Natur teilweise erholen könnte, können wir ihr zumindest Gelegenheit dazu geben – die Zehntausenden Hitzetoten, die wir während zweier
voller Monate im Land hatten, kann niemand zurückholen. Allein zwischen dem 18.Juni und dem 30.Juni sollen in Europa mehr als 20 000 Menschen durch die Hitzewelle ums Leben gekommen sein.

Ein Tropfen auf den heissen Stein
Die Auswirkungen des Katastrophensommers 2026 waren derart weitreichend und deprimierend, dass man erwarten würde, dass der Bund allein schon aus Selbsterhaltungstrieb etwas unternehmen müsste. So existiert zwar das bereits erwähnte Frühwarnsystem für Trockenheit, die nationale Wassermanagement-Strategie wird aber erst erarbeitet und soll voraussichtlich Ende 2027 verabschiedet werden. Der Bund will scheinbar lieber beobachten und koordinieren, als wirklich etwas zu unternehmen. Teilweise werden lokale Projekte unterstützt. Ein nationales Umbauprogramm aber, um Schweizer Städte, Agglomerationen und auch ländliche Gebiete für kommende Hitzewellen fit zu machen, fehlt. Denn mittlerweile ächzen nicht nur die städtischen Hitzeinseln unter den hohen Temperaturen. Dabei können kommende Hitzesommer noch schlimmere Ausmasse annehmen.
Und viele Gemeinden und Kantone scheinen sich die Untätigkeit und Inkompetenz unserer nationalen Regierung zum Vorbild zu nehmen. So belegte eine im März vorgestellte gesamtschweizerische Erhebung, dass erst acht Kantone einen Hitzeaktionsplan hatten. Es wäre wohl auch zu optimistisch, von den Kantonen Massnahmen zu erwarten, wenn der Bund lieber nichts macht. Und wie immer, wenn sich politische Gremien hinter dem Föderalismus verstecken, um ja nichts Sinnvolles machen zu müssen, müsste man eigentlich die Gemeinden in Bewegung setzen.
Doch auch hier gibt es mehr als nur eine faule
Larifari-Strategie. Die Massnahmen, die bereits ergriffen wurden, werden vollmundig angepriesen, auch wenn sie völlig ungenügend sind. Einzelne Baumpflanzungen– zum Teil als Ausgleich für Bäume, die für Bauprojekte gefällt wurden oder durch die Hitze starben – oder Entsiegelungsprojekte machen Sinn. Ohne koordiniertes, grossräumiges Vorgehen bleiben sie jedoch ein Tropfen auf den heissen Stein.

Zu wenig weit
So hatte Winterthur im August 2026 noch keinen Hitzeplan. Man hatte erst im letzten Herbst damit
begonnen, einen zu erarbeiten. Stattdessen gibt es als Marketing-Gag eine «interaktive Karte kühler Orte». Die Bevölkerung muss der Stadt die Arbeit abnehmen und kühle Orte angeben. Prompt werden die Töss und andere Orte genannt, die man laut Wildschutz eben nicht aufsuchen sollte, da sich von der Hitze gebeutelte Tiere dorthin zurückziehen.
Auch Bern schafft sich gerade erst einen Rahmenplan. Ein zynisch grosser Teil des Vorgehens besteht hier aus Untätigkeit in Form von Ratschlägen à la «Was können Berner selber machen?», die an die Bevölkerung gerichtet werden. Wie in Winterthur sind Begrünungs- und Schwammstadtprojekte in Planung. Aber eben – in Planung, obwohl sie eigentlich schon in den letzten Jahren hätten umgesetzt werden müssen.
Etwas besser steht Zürich da, wo die Konzepte bereits weiter fortgeschritten sind. Auch in Genf und Basel geht man interventionistischer vor, ist aber bislang nicht ansatzweise dort, wo man inzwischen sein müsste. Dort wird bereits entsiegelt. Kühlanlagen im öffentlichen Raum, besonders für vulnerable Menschen, bestehen teilweise schon. Diese Beispiele müssten Schule machen. Doch es muss uns klar sein: Auch sie gehen nicht weit genug.

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