Superreiche sind kein Unfall

lmt. Der neue Oxfam-Bericht zeigt, wie sowohl Reichtum als auch Armut explodieren. Milliardär:innen prägen die Regeln eines Systems, das Armut, Hunger und Unsicherheit reproduziert. Diese Entwicklung ist keine Naturgewalt, sie ist politisch gewollt und kann politisch gestoppt werden.

Jedes Jahr veröffentlicht die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam ihren Ungleichheitsbericht – zeitlich abgestimmt auf den Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos. Und jedes Jahr zeichnet sich darin dasselbe Bild ab: Während Regierungen von Sparzwängen sprechen und breite Teile der Bevölkerung unter steigenden Lebenshaltungskosten ächzen, beschleunigt sich die Konzentration von Reichtum weiter. Die Zahlen sind nicht nur alarmierend, sie sind ein politisches Zeugnis. Denn extreme Ungleichheit ist kein Naturgesetz, sondern das Resultat systematischer Entscheidungen.

Kluft wird tiefer
Seit der Wahl Donald Trumps im November 2024 wachsen die Vermögen von Milliardär:innen weltweit dreimal schneller als in den letzten fünf Jahren. Besonders stark profitieren Superreiche in den USA, doch auch in Europa, Asien und Lateinamerika verzeichnen sie zweistellige Zuwachsraten. Deregulierung, das gezielte Aushöhlen internationaler Steuerabkommen und die politische Verteidigung von Konzerninteressen wirken wie ein Brandbeschleuniger für die Vermögenskonzentration. Was hier geschieht, ist kein wirtschaftlicher Zufall, sondern eine politisch gewollte Umverteilung von unten nach oben.
2025 überschritt die Zahl der Milliardär:innen erstmals die Marke von 3000. Ihr Gesamtvermögen erreichte mit 18,3 Billionen Dollar einen historischen Höchststand. Im Oktober desselben Jahres wurde Elon Musk zum ersten Menschen, dessen Privatvermögen die Schwelle von einer halben Billion Dollar überschritt. Die zwölf reichsten Menschen besitzen heute mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Gleichzeitig stagniert die globale Armutsreduktion seit Jahren, in Afrika nimmt Armut sogar wieder zu. Fast die Hälfte der Menschheit lebt in Armut. Weltweit leiden rund zwei Milliarden Menschen an moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit, jeder vierte Mensch ist von Hunger bedroht. Diese Gleichzeitigkeit ist kein moralischer Widerspruch, sondern der strukturelle Kern eines Wirtschaftssystems, das Reichtum schützt und Armut verwaltet. Diese Parallelität ist kein moralisches Paradox, sondern ein ökonomisches Prinzip: Reichtum wächst nicht trotz Armut – er wächst durch sie.

Politische Macht
Oft wird Ungleichheit auf Konsum reduziert: Superyachten, Luxusimmobilien, Privatjets. Diese Bilder provozieren, aber sie verharmlosen. Das eigentliche Problem ist nicht der exzessive Lebensstil, sondern die politische Macht, die mit extremem Reichtum einhergeht. Wenn Milliardär:innen Politiker:innen finanzieren, Medien besitzen, Plattformen kontrollieren, Regierungen beeinflussen oder sich durch juristische Übermacht faktisch der Rechtsstaatlichkeit entziehen, entsteht eine neue Form von Herrschaft: Ökonomische Macht wird zu politischer Souveränität.
Was sich 2025 in den USA besonders drastisch zeigte, ist weltweit längst Realität: Die Superreichen haben nicht nur mehr Vermögen angehäuft, als sie je ausgeben könnten, sie nutzen dieses Kapital gezielt, um die Spielregeln zu ihren Gunsten umzuschreiben. Gleichzeitig erleben wir global eine Erosion ziviler und politischer Rechte: Proteste werden kriminalisiert, soziale Bewegungen delegitimiert, kritische Stimmen marginalisiert.

Bewusste Interessenvertretung
Im Oxfam-Bericht steht, dass Regierungen weltweit die falsche Entscheidung treffen. Aber Regierungen sind keine Teenager, die aus Leichtsinn eine «falsche Entscheidung» treffen. Sie vertreten bewusst die Interessen ihrer Machtträger:innen, und da diese mehrheitlich Vertreter:innen des Kapitals sind, fallen die Entscheidungen auch entsprechend aus: Statt die Interessen der Mehrheit zu verteidigen, schützen sie das Vermögen weniger. Statt soziale Sicherheit auszubauen, disziplinieren sie jene, die unter explodierenden Mieten, Energiepreisen und Lebensmittelkosten leiden. So werden die ökonomisch Reichsten zunehmend politisch mächtig, während jene mit den geringsten Ressourcen immer weiter aus dem demokratischen Prozess gedrängt werden. Nochmals: Das sind per se keine «falschen» Entscheidungen, sondern eine bewusste Interessen- und Machtdurchsetzung.
Besonders hart trifft diese Entwicklung ohnehin marginalisierte Gruppen. Frauen, rassifizierte Menschen, Menschen mit Behinderungen und queere Personen sind überdurchschnittlich häufig in prekären, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen tätig und tragen den Grossteil unbezahlter Sorgearbeit. Weltweit leisten Frauen täglich rund 12,5 Milliarden Stunden Care-Arbeit – ein Beitrag im Wert von mindestens 10,8 Billionen Dollar jährlich, der systematisch unsichtbar bleibt. Ungleichheit reproduziert sich so entlang bestehender Machtachsen und vertieft soziale Spaltungen.

Vermögensära stoppen
Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist kein Schicksal. Sie ist das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen. Regierungen könnten Vermögen stärker besteuern, Steueroasen schliessen, soziale Sicherungssysteme ausbauen und öffentliche Dienstleistungen stärken. Ein weiterer essenzieller und nötiger Schritt wäre, eine Reichtumsobergrenze festzulegen. So wie Gesellschaften eine Armutsgrenze definieren, um zu bestimmen, wann Menschen zu wenig haben, sollten sie auch eine Schwelle festlegen, ab der jemand zu viel besitzt. Dass all diese Schritte nicht umgesetzt werden, offenbart die Machtverhältnisse, die unsere Gegenwart prägen.
Doch die Geschichte zeigt auch: Extreme Macht lässt sich herausfordern. Organisierte Gesellschaften können politische Prioritäten verschieben. Gewerkschaften, soziale Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Druck haben immer wieder Fortschritt erkämpft. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Veränderung möglich ist – sondern, wie lange wir noch akzeptieren wollen, dass eine winzige Elite über die Lebensrealität von Milliarden von Menschen bestimmt.

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