Karl Marx: Grundlagen seines Denkens

André Rauber. Marx ist immer noch, 200 Jahre nach seiner Geburt, lebendig. Seine historischen Analysen und ökonomischen Theorien, seine dialektisch-materialistische Philosophie sind ein Werkzeug für die Überwindung des Kapitalismus. Vieles, was Marx schrieb, und viele gesellschaftliche Gesetze, die er entdeckte, behalten ihre Richtigkeit noch heute.

Karl Marx war Philosoph, Ökonom und politischer Aktivist. Er studierte Recht, Philosophie und Geschichte in Bonn und Berlin. Ab 1842 arbeitete Marx bei der liberalen «Rheinischen Zeitung» und wurde bald zum Chefredakteur ernannt. Hauptsächlich wegen seine polemischen Texte wurde die Zeitung am 31. Januar 1843 verboten. Seine journalistische Aktivität liess Marx die politischen und ökonomischen Debatten seiner Epoche besser verstehen. Dies brachte ihn dazu, die Philosophie von Friedrich Hegel neu zu denken. Hegel stellte fest, dass im Universum alles in Bewegung ist. Als Folge davon entwickelte er ein dialektisches Denken, da der Prozess der Entwicklung des Gedankens und des Seins sich auf die Überwindung der Gegensätze ausrichtet (These, Antithese, Synthese). Mit seiner Theorie hatte Hegel einen grossen Einfluss auf den jungen Marx. Doch Hegel war philosophisch ein Idealist. Er war überzeugt, dass der Geist (Gott oder eine überirdische Macht) die Materie schafft. Marx hingegen folgte Ludwig Feuerbach, auch ein Anhänger Hegels, wandte sich vom Idealismus ab und wurde zum Materialist.
Marx kritisierte aber auch den Materialismus von Feuerbach, weil dieser den Mensch ausserhalb aller sozialen und gesellschaftlichen Verbindung betrachtete. Marx entwickelte den Materialismus von Feuerbach weiter. Auf dieser Basis und auf der dialektischen Methode Hegels erarbeitete Marx seine eigene Philosophie, die später dialektischer Materialismus genannt wird. Auf dieser Grundlage entstand ein neues Konzept, das einen zentralen Platz in der Lehre von Karl Marx einnimmt: der historische Materialismus, was in der Summe die Anwendung der Dialektik auf das Studium der menschlichen Gesellschaft und Geschichte ist.
Teils gezwungen aus Not wegen der Schliessung der «Rheinischer Zeitung» und teils aus Interesse an den sozialistischen Ideen emigrierte Marx im 1843 nach Paris. Hier lernte er Friedrich Engels kennen, den Sohn eines reichen Baumwollfabrikanten aus Deutschland. Engels wurde sich durch seine Stellung im Familienbetrieb der Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse bewusst. Sein Werk «Die Lage der arbeitenden Klasse in England» im Jahr 1848 war eine der ersten Kritiken an der politischen Ökonomie seiner Zeit. Ein tiefe Freundschaft, eine enge Zusammenarbeit und eine materielle Unterstützung der Familie Marx durch Engels würde die beiden Männer ein Leben lang begleiten und verbinden.

Entfremdete ArbeiterInnen
Im Exil in London vertiefte Marx seine Studien der Ökonomie. Sie waren für ihn unabdingbar, um seine philosophischen und politischen Theorien zu vervollständigen. 1867 veröffentlichte Marx den ersten Band seines Hauptwerks «Das Kapital», in dem er das Funktionieren des kapitalistischen Systems aufdeckte. Die weiteren Bände wurden nach seinem Tod 1883 veröffentlicht.
1845 bis 1846 erarbeitete Marx in der Schrift «Die deutsche Ideologie» sein Konzept der Entfremdung. Im Kapitalismus gehört den ArbeiterInnen ihr Arbeitsprodukt nicht. Sie haben nur eine Ware, nämlich die eigene Arbeitskraft, die sie den KapitalistInnen verkaufen müssen, und aus der die KapitalistInnen ihren Profit schöpfen. Sie können einerseits ihre Arbeit nicht als Ausdruck ihre kreativen Kapazitäten erleben, andererseits wird ihnen das Produkt ihrer Arbeit enteignet. Die Produktion ist den ArbeiterInnen also entfremdet und wird ihnen fremd im Prozess der Produktion. Das kapitalistische System, das durch die Konkurrenz und die Teilung der Arbeit gekennzeichnet ist, distanziert jede einzelne ArbeiterIn von ihren ArbeitskollegInnen.
Gemäss Marx werden die sogenannten ProletarierInnen, die Mitglieder der ArbeiterInnenklasse, zu der alle gehören, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, von der Produktion, von ihrem vollständigen menschlichen Potenzial und den anderen ArbeiterInnen entfremdet. In der Folge sind die ArbeiterInnen nicht, das was sie sein könnten, ihre Persönlichkeit ist deformiert. Diese Situation kann nur durch die Überwindung des Kapitalismus, durch eine neue Gesellschaft, die nicht auf finanzieller Rentabilität beruht, die aber allen Menschen ermöglicht, sich allseitig in ihrer Arbeit und Existenz zu realisieren. Marx hält folgerichtig fest, dass dieser Umstand nur durch das Proletariat selber aufgehoben werden kann. Und zwar dadurch, dass es die eigene gesellschaftliche Kraft erkennt und organisiert sowie die gesellschaftlichen Widersprüche erkennt und aufhebt.

Analyse des bürgerlichen Staats
In dieser Zeit begann Marx zusammen mit Engels, auch die Anlyse über den bürgerlichen Staat zu vertiefen. Der Staat ist für Marx und Engels die organisierte Macht der herrschenden Klasse, um die Ausbeutung der unterdrückten Klasse zu ermöglichen. Im Unterschied zu den AnarchistInnen, welche die sofortige Abschaffung jeglicher Form des Staates fordern, und dem Grossteil der utopischen SozialistInnen, sind Marx und Engels der Ansicht, dass der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft bestimmte Voraussetzungen hat: Die Eroberung der Staatsmacht durch die ArbeiterInnenklasse, die Zerstörung des alten bürgerlichen Staatsapparats sowie die Gründung eines proletarischen Übergangstaats, dessen Ziel die Zerstörung des alten ausbeuterischen Produktionssystems ist.
Diese Übergangsphase der Klassengesellschaft zur klassenlosen Gesellschaft setzte für Marx und Engels die Diktatur des Proletariats voraus, eine Form der Machtausübung, die für Marx und Engels ein demokratischer Akt ist. Denn sie bedeutet, dass die Mehrheit (das Proletariat) über die Minderheit (die KapitalistInnen) herrscht. Erst wenn die Produktion in den Händen des Proletariats ist, werden die Klassen verschwinden und die politische Macht seine Bedeutung verlieren. Für Marx und Engels wird das Ende der Staatsmacht einhergehen mit der Errichtung der klassenlosen Gesellschaft, und die Herrschaft über Menschen wird zur Verwaltung der Dinge.

Das kommunistische Manifest
Marx und Engels skizzierten im «Manifest der Kommunistischen Partei» die Grundsätze ihrer neuen Wissenschaft, des historischen Materialismus. Die Geschichte wird darin als die Abfolge von Produktionsweisen, die von der einen in die andere übergehen, verstanden, nicht einfach als eine Reihe von empirischen Fakten. Das Manifest entstand im Auftrag des «Bundes der Kommunisten» und übertraf mit seiner Bedeutung den eigentlichen Zweck. Ursprünglich sollte das Manifest die Positionen und das Programm der Organisation festhalten. Marx und Engels gingen jedoch viel weiter: Sie erarbeiteten eine erste theoretische Analyse der historischen Entwicklungstendenzen in der Gesellschaft: «Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.»
Marx und Engels zeichnen im Manifest die geschichtlichen Umbrüche nach, die zum Aufstieg der Bourgeoisie als herrschende Klasse der heutigen Zeit geführt haben. Diese Entwicklung ging auf der ökonomischen Ebene einher mit der Entstehung der Grossindustrie. Durch die Auflösung der feudalen Ideologie, die die Realität der gesellschaftlichen Beziehungen verschleiert hatte, stellte die bürgerliche Wissenschaft aber auch die Mechanismen ihrer Herrschaft bloss.
Marx und Engels zeigten unter anderem anhand der Überproduktionskrise die eklatanten Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise auf, die sich ihrer Meinung nach in einer zugespitzten Phase befand: Auf der einen Seite die zunehmende Produktion von Reichtum, auf der andere die ungleiche Verteilung desselben. Davon ausgehend beschreibt das Manifest die ökonomische und soziale, sowie die politische und ideologische Rolle des revolutionären Proletariats, das sich zunehmend bewusst wird. Die ArbeiterInnen sind die «Totengräber» der Bourgeoisie, hervorgebracht von ihr selbst. Das Proletariat bildete sich selber, wird sich seiner selbst bewusst durch den politischen und ökonomischen Kampf für die menschliche Emanzipation: «An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.» Unter diesen Umständen ist das, was Marx kommunistische Partei nennt, die organisierte Kampfform des Proletariats.

Notwendige Ungleichheit
Die Geschichtswissenschaft lässt sich nach Marx und Engels auf die Theorie der Produktionsweisen zurückführen. Im Vorwort der Kritik der politischen Ökonomie präzisiert Marx diesen Gedanken: «In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, auf der sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und dem bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.» Denn wenn man glaubt, dass die Geschichte das Werk der Menschen ist, die nach ihrem Willen und ihren Ideen handeln, muss die Frage beantwortet werden, woher diese Ideen kommen, die technisch gesehen eine Funktion des Gehirns sind. Und wenn das menschliche Gehirn eine Bedingung für die Entstehung von Ideen ist, erklärt dies nicht, weshalb man genau diese und nicht andere Ideen hat. Die Ideen hängen von den Lebensumständen ab: ProletarierInnen denken proletarisch, Bürgerliche denken bourgeois.
Allerdings ist dieses Denken nicht rein und nicht gefeit vor Veränderungen des Bewusstseins. Das ist heute in der hochentwickelten Gesellschaft, die durch die Medien einer Dauerberieselung der herrschenden Gedanken ausgesetzt ist, so wahr wie nie zuvor. Tatsächlich ist alles in dieser kapitalistischen Gesellschaft darauf ausgelegt, den Arbeiter-Innen ein falsches Bewusstsein zu vermitteln. Man bringt sie beispielsweise zum Glauben, dass sich Ungerechtigkeit nicht beseitigen lassen. Nach dem Untergang der sozialistischen Staaten und dem Aufschwung der konservativen Rechten im Westen wird sogar die Tatsache, dass alle Menschen gleich sind, zunehmend verleugnet und den Leuten wird weisgemacht, dass gesellschaftliche Ungleichheit etwas Natürliches sei wie die Selektion der Arten (was man Sozialdarwinismus nennt) und dass dies notwendig sei für den Fortschritt der Wirtschaft und damit der Gesellschaft. Die kapitalistische Gesellschaft ist aber keine natürliche Ordnung. Ihr gingen andere Gesellschaftsformen voraus, die ihrerseits den Leuten als natürlich, ewig und gut verkauft wurden. Man denke an das Verhältnis von Sklave und Meister in der antiken Sklavenhaltergesellschaft. Es ist aber wahr, dass soziale Ungleichheit unabdingbar ist für das Funktionieren des Kapitalismus, weil er diese Ungleichheit braucht. Die Menschen sind dadurch gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, wenn sie leben wollen. Und sie müssen sie an diejenigen verkaufen, die die Produktionsmittel besitzen, und sich mit dem abfinden, was sie bekommen können. Sie stehen schliesslich in Konkurrenz mit allen anderen ArbeiterInnen.

Waren und Wert
An diesem Punkt müssen wir uns mit dem Hauptwerk von Marx auseinandersetzen, mit dem «Kapital»: «Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‹ungeheure Warensammlung›, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.» Marx unterscheidet den Gebrauchswert der Waren von ihrem Tauschwert. Der Kern des Wertes ist die «abstrakte» Arbeit – unabhängig vom eigentlichen Zweck –, die mit der «Verausgabung menschlicher Arbeitskraft» in Verbindung steht.
Der Wert ist damit keine natürliche Eigenschaft der Waren, sondern eine gesellschaftliche Beziehung. Marx analysiert danach die Warenzirkulation innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft: Die Umwandlung von Geldkapital in produktives Kapital erlaubt den KapitalistInnen, mehr Geldkapital herauszuholen, als sie ursprünglich eingesetzt hatten. Diese Schöpfung von «Mehrwert» wäre unmöglich ohne eine ganz spezifische Ware: die Arbeitskraft, die die ArbeiterInnen den KapitalistInnen verkaufen müssen. Im gegenwärtigen ökonomischen Verständnis wäre Mehrwert eine Wertsteigerung einer Ressource oder eines Vermögens, die ohne Gegenleistung erlangt wurde. Zum Beispiel durch Zinsen oder Finanzspekulation. Für Marx stammt der Mehrwert allerdings auch aus dem Mehrprodukt: Die Arbeiter-Innen schaffen Produkte im Wert von dem, was sie zum Leben brauchen, aber auch einen bestimmten Teil mehr. Die KapitalistInnen zahlen den ArbeiterInnen aber nur so viel Lohn, wie sie etwa zum Leben brauchen. Das überschüssige Produkt, das Mehrprodukt, eignen sich die KapitalistInnen an. Das Verhältnis zwischen Mehrwert und Lohn nennt Marx die Ausbeutungs- oder Mehrwertrate.

Fall der Profitrate
Um ihre Profite zu steigern, können die KapitalistInnen die Löhne senken, die notwendige Arbeitszeit für die Produktion verringern oder die Arbeitsintensität erhöhen. Die ArbeiterInnen können hingegen für die Verbesserung ihrer Situation kämpfen, indem sie die Erhöhung der Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. Marx erklärt, dass sich die BesitzerInnen der Produktionsmittel die «Mehrarbeit» der ArbeiterInnen aneignen durch eine vertragliche Lohnbeziehung, die eine Ausbeutungsbeziehung ist. Das Ziel der KapitalistInnen ist, sich Mehrwert anzueignen, weil dieser ihren Profit und ihre Profitrate bestimmt.
Der Mehrwert hängt neben der Ausbeutung der Arbeit auch von der Zusammensetzung des Kapitals zusammen: Marx unterscheidet konstantes Kapital (Maschinen) und variables Kapital (Arbeitskraft), aber nur letztere kann Mehrwert schaffen. In der Dynamik der Akkumulation des Kapitals ergibt sich eine zunehmende Produktivität der Arbeit, einerseits durch die Parzellierung der Tätigkeiten (bspw. Fordismus), andererseits mit der Ersetzung von ArbeiterInnen durch Maschinen (bspw. Digitalisierung). Die direkte Konsequenz dieses Prozesses ist aber die Verringerung der Profitrate, weil eben nur die ArbeiterInnen Wert schaffen. Dieser tendenzielle Fall der Profitrate, den die KapitalistInnen durch die Ausdehnung der Märkte oder die Intensivierung der Ausbeutung zu entgegnen versuchen, verschärft den inneren Widerspruch des Kapitalismus, der zu seinem Untergang führt, oder genauer an seine Überwindung heranführt.

«Keine Zukunft ohne Marx»
Was sagt uns Marx heute, mehr als 150 Jahre nach dieser Prophezeiung? Der Kapitalismus ist heute noch quicklebendig, während der Grossteil der Gesellschaften, die seinen Lehren gefolgt sind, untergegangen sind. Gleich wahr ist aber auch, dass der Geist von Marx uns noch immer heimsucht, wie das Gespenst des Kommunismus noch immer umgeht. Vieles, was Marx schrieb, und viele gesellschaftliche Gesetze, die er entdeckte, behalten ihre Richtigkeit noch heute.
1993, vier Jahre nach dem Fall der Mauer und zwei Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion, veröffentlichte der französische Philosoph Jacques Derrida ein Werk mit dem Titel «Marx’ Gespenster», in dem er zeigt, wie Marx wieder auflebt im Kampf gegen Krieg und ethnische und rassistische Gewalt, gegen Ausschluss, Ungleichheit, Hunger, wirtschaftliche Unterdrückung etc. Derrida schrieb gegen diejenigen, die Marx auf den Mülleimer der Geschichte werfen wollen: Es gebe wenige Texte in der philosophischen Tradition, «deren Lehren mir dringender erscheinen», und es gebe «keine Zukunft ohne Marx». Auch in der Welt der Kunst ist Marx lebendig. Buchstäblich so im Theaterstück «Marx in Soho», worin sich Howard Sinn vorstellt, was Marx zum heutigen New York sagen würde: «Auf dem Weg hierhin bin durch die Strassen Ihrer Stadt gelaufen. Ich bin über stinkenden Abfall hinweggeschritten, neben den Körpern von Männern und Frauen, die auf dem Trottoir schlafen, eng aneinander, um gegen die Kälte zu kämpfen. Von einem Jungen hörte ich: ‹Ein bisschen Geld, bitte, für eine Tasse Kaffee.› Das nennen Sie Fortschritt, weil Sie motorisierte Fahrzeuge haben und Telefone und Flugmaschinen und tausend Parfüms, um gut zu riechen? Und die Menschen, die auf der Strasse schlafen? Marx wird wütend: Ich hatte Unrecht, als ich 1848 dachte, der Kapitalismus läge im Sterben. Meine Überlegungen waren vielleicht verfrüht, vielleicht um 200 Jahre, sagt er mit einem Lächeln, aber es wird sich ändern. Alle gegenwärtigen Systeme werden sich ändern. Die Menschen sind keine IdiotInnen. Täuschen Sie sich nicht! Es ist schon passiert und es kann sich wiederholen. Der Kapitalismus schaufelt sein eigenes Grab. Sein unstillbarer Hunger nach Profit – mehr, mehr, mehr! – gebiert eine Welt des Chaos. Er verändert alles – Kunst, Literatur, Musik, die Schönheit selbst, wird zur käuflichen Ware. Er verwandelt die Menschen selbst in Waren. Aber nicht nur die ArbeiterInnen am Fliessband, auch die ÄrztInnen, WissenschaftlerInnen, JuristInnen, DichterInnen, KünstlerInnen – alle müssen sich verkaufen, um zu überleben.»

Das Erbe von Marx
Die Basis von Marx’ ökonomischen Analysen bleiben auch heute grösstenteils gültig, weil sich das kapitalistische System in seiner Gier nach Profit nicht grundsätzlich geändert hat. Der «Sieg» des Kapitalismus über die sozialistischen Staaten hat keinesfalls seine Widersprüche verschwinden lassen. Oft liegt für die Individuen der einzige Ausweg aus der sozialen Verzweiflung und der ökonomischen Not in der Flucht in Anarchismus, Individualismus, Nihilismus oder in der Religion. Der Philosoph Georges Labica meint, man müsse Vertrauen in die Geschichte haben, die nicht zur ewigen Bewegungslosigkeit verdammt ist. Dies zeige sich bei den Errungenschaften der sozialen Bewegungen zeigt, die sich ständig erneuern. Vielleicht muss man sich der vielfältigen Quellen des Sozialismus rückbesinnen, sich in ein reicheres, freieres und schillernderes Denken vor dem Einschlafen des Marxismus zurückversetzen, auch wenn dies eine ganze Reihe Naivität und unrealistische Ideen mit sich bringen würde. Dies hätte zumindest den Vorzug, auf das Erbe der Menschenrechte und der Freiheit zurückzugehen. Oder vielleicht braucht es eine moderne Rekonstruktion der «Kapitals», in welchem die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft fortgesetzt wird. Man sieht jedenfalls, dass es heute keine grössere Wahrheit gibt, die sich nicht mit dem Erbe von Marx befassen muss.

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