In die Gleichberechtigung katapultiert

sah. Mit der russischen Oktoberrevolution kamen die Frauenrechte praktisch über Nacht: Scheidung und Abtreibung wurden legal, Krippen, Kindergärten und Gemeinschaftsküchen wurden eingerichtet. Die Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse passierte langsamer.

«Friede und Brot» sollen die Proletarierinnen Anfang 1917 im Chor gerufen haben – Schulter an Schulter durch die Strassen Petrograds (heute: St. Petersburg) gehend. Nicht ernst genug hatte die Regierung rund um den Zaren die Demonstrationen zum «Internationalen Frauentag» genommen: Die Massen sammelten sich, SoldatInnen weigern sich, Repression anzuwenden, und innerhalb weniger Tage blieb dem Zar nichts weiter übrig, als zurückzutreten. Reale Stärke zeigte die ArbeiterInnenklasse schon 1905, mit dabei kämpften grosse Gruppen von Frauen und Jugendlichen. In den Streik getreten waren unter anderem über 140 000 ArbeiterInnen in Petrograd – ein grosser Teil der Industriearbeiterschaft war weiblich. Forderungen wie höhere Löhne oder einen Achtstundentag sollten im Rahmen eines friedlichen Protestmarsches überbracht werden. Doch endete dieser Aufbruch blutig: SoldatInnen schossen auf kurze Distanz in die Menge. Folgende Monate Massenstreiks und Vorbereitungen für den bewaffneten Kampf waren «Generalprobe», es formierte sich eine starke Bewegung der ArbeiterInnenklasse. Mit dabei auch die BäuerInnen: es gab Landbesetzungen und die Enteignung von LandbesitzerInnen. Nicht gescheitert war der Aufbruch in den Jahren um 1905, sondern nur vertagt. Wie die spätere Geschichte zeigt, wird die Kommunistische Internationale auch die Befreierin der Frau sein.

Kein Nebenwiderspruch
Die Konterrevolution hatte die proletarische Revolution nur angetrieben und die Frauen beteiligten sich von Anfang an daran – denn die Revolution befreite sie und öffnete Wirkungsfelder. Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung wurden innerhalb der ArbeiterInnenbewegung zwar schon länger diskutiert – marxistische AutorInnen wie Friedrich Engels, Clara Zetkin oder August Bebel hatten dazu gearbeitet. Erst die Revolution und der Sturz des Zarenregimes mit einem ersten Beginnen der Überwindung der Klassengesellschaft machten radikale Reformen direkt möglich. Erneute Aufbrüche seit 1905 in Form der Februar- und Oktoberrevolution gaben den Frauen die Möglichkeit, sich politisch zu artikulieren, mitbestimmen zu können, und in den folgenden Kriegswirren wurden Frauen in den praktischen Kampf gegen den imperialen Krieg – der bis 1921 dauerte – integriert. Die Frauenfrage war wichtig und keineswegs ein Nebenwiderspruch: Am ersten Gesamtrussischen Arbeiterkongress wurde beschlossen, jede Einschränkung der Rechte der Frauen aufzuheben.

Situation der russischen Frauen
«Die wahre Befreiung der Frau, der wahre Kommunismus, wird erst dort und dann beginnen, wo und wann ein Massenkampf (…) gegen diese Kleinarbeit der Hauswirtschaft oder, richtiger, ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Grosswirtschaft beginnt», schrieb Lenin. Seine Analysen zur Unterdrückung der Frau und deren Befreiung präsentierte er im März 1919 am 8. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands. Meist würde die Frau als «Haussklavin» ihr Leben fristen, ungeachtet der bisherigen kleinen Weiterentwicklung des Familienrechts. Im vormodernen russischen Dorf herrschte das Patriarchat, bei dem der Hausvater die Autorität über die ganze Familie hatte. Rechtlich nicht gleich gestellt war die Frau dem Mann – sie musste ihm gehorchen. Doch diese patriarchalische Ordnung hatte auch Grenzen: für Fortpflanzung und die Wirtschaft war die Frau unersetzlich. Ihr Arbeitsbereich mit Weben, Spinnen, Viehwirtschaft oder kleinen Erntearbeiten und dem Familienhaushalt existierte weitgehend autonom vom männlichen Tätigkeitsfeld. Erste «Schutzgesetze» geboten nach der Geburt eine Arbeitspause und es gab rechtliche Bestimmungen gegen die Ehrbeleidigung der Frau. Über die Mitgift konnte die Frau verfügen, wenn sie im Falle einer Scheidung darauf zurückgreifen musste. Adlige Frauen konnten als Vertretung ihrer Männer oder als Witwen eigenständig wirtschaftliche oder administrative Entscheide fällen. Im Land selber gab es kaum frauenspezifische Hexenverfolgung, Ideen der Frauenemanzipation beschäftigte Teile des Adels. Seit Mitte des 19. Jahrhundert organisierte sich eine gemässigte Frauenbewegung, die für soziale Themen und Bildungsmöglichkeiten kämpfte. Frauen aus der Elite erhielten Zugang zu Gymnasien und zu «höheren Frauenkursen» an den Hochschulen. Russinnen studierten im Ausland. Mit diesem Hintergrund gliederten sich Teile der emanzipierten Frauen in die revolutionäre Bewegung ein, ihr Prozentsatz in den Gruppen und Parteien wurde immer grösser. Vera Figner oder Sofija Perowskaja sind bekannte Vertreterinnen.

Neue Freiheiten und Rechte
Hauptaufgabe der proletarischen Frauenbewegung war nicht primär die formale Gleichheit, sondern die ökonomische und soziale Gleichheit der Frau. Nach der Analyse folgte die Tat. Noch blieb der Frau die Kleinarbeit der Hauswirtschaft – vor allem in der Küche und dem Kinderzimmer. Emanzipation findet sich nur in einem doppelten wirtschaftlichen Prozess: durch die Schaffung staatlicher und kollektiver Dienstleistungen in der sozialistischen Grosswirtschaft und durch die Befreiung der Frau von der veralteten Hausarbeit. Lenin strich gezielt die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder heraus. Hausarbeit und Kinderbetreuung sollten keine individuelle, private Aufgabe der Frauen in der Familie sein, sondern vergesellschaftet und öffentlich vom Staat gewährleistet werden. Erste Keime sprossen: Kindergärten, öffentliche Gemeinschaftsküchen, öffentliche Wäschereien und Krippen. Nicht nur die ökonomischen Verhältnisse mussten anders werden, sondern auch das Bewusstsein der Männer und Frauen. «Um die Lebensbedingungen zu ändern, müssen wir lernen, sie mit den Augen der Frauen zu sehen», meinte Leo Trotzki später 1924. Rückständige und reaktionäre Einstellungen gegenüber Frauen konnte man überwinden; dass es in so kurzer Zeit nicht gelingen kann, konservative Rollenbilder vollständig abzulegen, war klar. So legte sich der Fokus pragmatisch zuerst eher auf die rechtliche und dann die wirtschaftliche Freiheit der Frau. Neuerungen folgten aber prompt: 1917 wurde die zivile Ehe eingeführt, jede Frau hatte das Recht sich scheiden zu lassen. Konkubinat war möglich, Frauen erhielten die Möglichkeit, legal und kostenlos einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, Vergewaltigung in der Ehe wurde strafbar und «gleicher Lohn für gleiche Arbeit» wurde eingeführt. Aktives und passives Wahlrecht erhielten die Frauen, Vertretung in den Sowjets (regionalen Räten) und freier Berufszugang folgten in kürzester Zeit. Bezüglich Arbeitsschutz verbesserte sich die Situation soweit, dass 16 Wochen bezahlter Mutterschutz möglich waren, Frauen das Recht auf Stillpausen hatten und nur vier Tage die Woche arbeiten sollten. Allerdings bewirkte die revolutionäre Gesetzgebung nur langsame und kleine Änderungen der faktischen Gegebenheiten.

Einsatz in allen Feldern
Ob die Frauenfrage in einer eigenen Organisation oder im Rahmen der Gesamtpartei bearbeitet werden soll, war lange offen. Im August 1919 stimmte die Parteiführung zu, dass eine separate Parteiabteilung zum Thema Arbeit und Frau mit spezifischen Agitations- und Organisationsformen geschaffen wurde. Leiterin des Frauenamtes war Inessa Armand. Sie hatte schon von Beginn an alle Hände voll zu tun. Wichtig war, die Frauen zu mobilisieren und sie im nach der Revolution folgenden imperialen Krieg einsetzen zu können. Aufgaben fanden sich direkt an der Front, bei der Pflegearbeit bei verwundeten GenossInnen oder auch in der Industrie, wo Arbeiterinnen die Plätze von fehlenden GenossInnen einnahmen.
Dem Ruf «rote Schwestern an die Front» folgten viele: Arbeiterinnen und Bäuerinnen beteiligten sich bei der Krankenpflege in der roten Armee. Ausgebildet wurden sie in zweimonatlichen Ausbildungskursen, historische Quellen sprechen von 50 000 Schwestern und 25 000 Pflegerinnen. Eine Vorbereitung war wichtig, denn im Krieg wurde den Helferinnen viel abverlangt. In Schichten Tag und Nacht arbeitend trugen sie Verwundete und Tote unmittelbar von der Front weg, leisteten Hilfe in Lazaretten oder beerdigten Gefallene. Dies war aber nur ein Bereich; eine kleinere Anzahl von Frauen beteiligte sich mit der Waffe direkt an den Kämpfen in den Kompanien und sehr selten in einer Leitungsfunktion. Frauen organisierten Suppenküchen, nähten Winterkleider oder überwachten als Telegrafistinnen und Telefonistinnen die Leitungen. Arbeiten zur Befestigung der Städte, Polizeiarbeit oder im Transport und Versorgungswesen wurden auch übernommen. Einige zeichnete man mit dem Revolutionsorden «Rote Fahne» aus, andere fielen im Kampf.
Neben dem möglichen Tod auf dem Schlachtfeld bei Kämpfen oder Hilfeleistungen fielen rote Schwestern auch Epidemien wie Typhus oder der Ruhr zum Opfer, die sich infolge des Mangels von Sauberkeit rasant verbreiteten. Unter diesen Umständen schien es denkbar schwierig, zu grundlegenden Themen der Frauenfrage überhaupt arbeiten zu können. Um die Diskussion auch in der Distanz zu erhalten, erschien eine eigene Monatszeitschrift: die Kommunistika (Kommunistin). Trotz grossen Plänen war die Parteiarbeit erschwert, in Moskau wie auch in den Provinzen fehlten Frauen, um mitzuhelfen – in dieser stürmischen Zeit waren Zeit- und Kraftreserven bald erschöpft und der Hunger gross. Die Schwerpunkte lagen anders: bald wurden Frauen ab 16 Jahren im Gebrauch der Waffe ausgebildet. Solange in anderen Ländern noch kapitalistische Regierungen bestanden, konnten russische ArbeiterInnen sich nicht friedlicher Arbeit widmen.

Ein kollektives Ziel
Es ist allerdings nicht so, dass in der russischen Frauenbewegung eine einheitliche Tendenz vorgeherrscht hätte. Vor allem Aleksandra Kollontai – nach 1917 in der Leitung des Ministeriums für soziale Fürsorge, übernahm später den Vorsitz der Frauenabteilung beim Zentralkomitee – stellte radikale Forderungen bezüglich dem Umdenken der menschlichen Beziehungen und der «freien Sexualität». Durch das Finden von Gemeinsamkeiten konnten Protagonistinnen wie Inessa Armand, Klavdija Nikolaevna, Konkordija Samoilowa und viele andere zusammenarbeiten: Die Befreiung der Frau war ein kollektives Ziel geworden.

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