Der jüngste Spanienkämpfer

Der Tessiner Eolo Morenzoni war mit seinen sechzehn Jahren vielleicht der jüngste Schweizer, der als freiwilliger Kämpfer nach Spanien zog, um die Republik vor den FaschistInnen zu verteidigen. Im Folgenden seine Erinnerungen an den Bürgerkrieg.

Am 12. November 1936 – es war gerade an meinem sechzehnten Geburtstag – bereitete ich mit dem Genossen Romeo Nesa aus Lugaggia das Letzte für unsere Abreise vor, die auf den 13. November festgesetzt worden war. Am Morgen ging ich wie gewohnt mit meiner Schultasche von zu Hause fort, nur dass sich diesmal keine Schulbücher darin befanden, sondern einige Taschentücher und ein Hemd, das ich heimlich eingepackt hatte. Alles war gut vorbereitet und ausser Romeo wusste niemand etwas von unserem Vorhaben. Statt zur Schule zu gehen, ging ich nun zum Bahnhof, wo ich mich bis zur Abfahrt des Zuges – um 11 Uhr – in der Toilette eingeschlossen versteckt hielt. Denn wäre ich herumgelaufen, hätten mich Bekannte gesehen und gefragt, was ich um diese Zeit hier machte. Sie würden sicher meine Familie verständigt haben, was ich verhüten wollte, da ich wusste, dass meine Eltern es mir verboten hätten, fortzufahren. Nicht dass sie meine Ideen verurteilten, sondern einfach, weil ich zu jung war. Als der Zug sich schliesslich in Bewegung setzte, umarmten wir uns, Romeo und ich, und wir schworen uns gegenseitig, immer treue Freunde und gute Kämpfer zu bleiben.

Zu jung?

Nun waren wir in Basel. Auf der Reise hatten wir alle erdenkliche Vorsicht walten lassen, denn wir fürchteten, dass jemand die Polizei avisieren und uns einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Romeos und mein Plan stand fest: Koste es, was es wolle, nach Spanien zu kommen, und wenn es zu Fuss sein müsste! Nachts gingen wir schwarz über die Grenze. Mit uns waren noch vier andere junge Schweizer. Als wir das Feld überquerten, stolperte ich über ein Blech, was einen unbeschreiblichen Lärm verursachte. Mein Herz wollte zerspringen, ich durfte fast nicht mehr atmen; glücklicherweise hatten die Wachen nichts gehört. Ein wenig schmutzig und noch die Angst in den Gliedern kamen wir in St-Louis an. Nun waren wir für den Augenblick gerettet. Alle lachten wieder. Die gefährlichste Etappe unserer Reise war hinter uns.

In derselben Nacht fuhren wir nach Lyon weiter, wo wir mit Battista Guggiari aus Magliaso zusammentrafen, der ebenfalls nach Spanien wollte und der von da an immer an meiner Seite blieb, bis die italienischen Kugeln uns trennten. Auch andere Schweizer Freiwillige traf ich in Lyon, unter anderem unseren Genossen und späteren Kommandanten Otto Brunner. Von Lyon machte sich unsere Kolonne auf den Weg nach Perpignan. In Perpignan waren einige tausend Freiwillige der verschiedensten Nationalitäten und Überzeugungen beieinander versammelt, Freiwillige jeden Alters und beiderlei Geschlechts. Für mich stand die Sache nicht am besten. Man sprach davon, dass Frauen und Minderjährige, die das zwanzigste Altersjahr noch nicht erreicht hatten, die Grenze nicht passieren dürften. Aber ich verlor den Mut nicht und dachte mir einen neuen Plan aus. Ich liess mir von einem Freunde einen Hut leihen und schmuggelte mich unter eine Gruppe Italiener, die unter der Leitung von Genosse Timone stand, dem ich alles erklärte. Als der mit der Musterung Beauftragte zu mir kam, prüfte er mich von Kopf bis Fuss. Er fragte mich auch wirklich, wie alt ich wäre. Ich antwortete ihm prompt: «Einundzwanzig Jahre!» Aber er liess sich nicht so schnell überzeugen. In diesem Augenblick trat, wie verabredet, mein Freund Timone vor und versicherte dem Mann, dass ich der Sohn eines italienischen Antifaschisten wäre, der im Gefängnis sässe. Es klappte; ich wurde durchgelassen.

An den Krieg gewöhnt

Von Perpignan fuhren wir mit Autocars gegen Figueras, dann im Eisenbahnzug, der uns nach Albacete führen sollte. An allen Stationen empfing uns die spanische Bevölkerung mit Ovationen und Früchtegaben, sodass der Zug oft ganz goldgelb aussah von den vielen Orangen, mit denen die Wagen beladen waren. In Albacete waren wir drei Tage im «Quartel Nacional» untergebracht, wo wir eingekleidet wurden. Von Albacete ging es dann weiter nach Tarazoma, wo wir zur Ausbildung etwa vierzehn Tage bleiben mussten. Und nun waren wir bereit, um an die Front zu gehen. Mit dem ruhmreichen Bataillon «Tschapajew» fuhren wir nach Valencia. Zur gleichen Zeit wie wir hatten sich unserem Bataillon auch der Genosse Luigi Maspoli aus Zürich (der später an der Teruel-Front fiel) und der Genosse Gaffuri angeschlossen. Sie gehörten der Mitrailleurabteilung an. Am 27. Dezember 1936 hatten wir die «Feuerprobe» zu bestehen. An diesem Morgen setzte gerade der Angriff gegen Teruel ein, der mehrere Tage dauerte. Ein Angriff folgte dem anderen.

Um die Wahrheit zu sagen: die ersten zwei Tage waren für mich eine Folter. Ich hatte Angst. Die Toten und Verwundeten hatten auf mich den grösseren Eindruck gemacht als alles andere. Nach diesen ersten tragischen Momenten gewöhnte ich mich aber an das Leben des Krieges. Ich kann mich nicht mehr erinnern, waren es zwölf oder dreizehn Angriffe, die wir an dieser Front mitmachten; ich weiss nur noch, dass es viele waren. Einige Schweizer Genossen wurden getötet, andere verwundet.

Unglück mit Handgranate

Auch Maspoli blieb dieses Los nicht erspart. Ein robuster, fester Junge, gut und diszipliniert, tat er seine Pflicht wie ein richtiger Soldat der Volksarmee. Er fiel beim Tragen von Verwundeten. An den schwierigsten Posten, überall, wo es Arbeit gab, sah man ihn mit einem Lächeln auf dem Gesicht, mitten in die faschistischen Kugeln springend. Seine ausserordentlichen Kräfte erlaubten ihm, schwere Lasten zu tragen. Deshalb näherte er sich nachts immer den feindlichen Gräben, um unsere Verwundeten zu holen. Seine Begeisterung, sich gegen die Faschisten zu schlagen, war gross; bei einem der letzten Angriffe traf ihn eine italienische Kugel tödlich. An der Teruel-Front blieben wir etwa anderthalb Monate. Dann gingen wir an die Front von Granada, wo wir durch einen siegreichen Angriff neun Ortschaften und einige Dutzend Kilometer Land erobern konnten. Die Schützengräben wurden alsdann einige hundert Meter vor Portugos und Pitres ausgehoben. Während dieser Offensive hatten wir ziemlich viel Material erobert, darunter auch Handgranaten. Da unser Genosse Romeo Nesa etwas davon verstand, ging er sofort daran, diese auf ihre Beschaffenheit zu untersuchen. Aber die Freude über die erbeuteten Waffen war nur von kurzer Dauer. Durch ein Versehen explodierte eine Handgranate und verwundete unseren Genossen derart, dass man ihm die linke Hand amputieren musste. Das waren traurige Tage, die nun folgten. Alle dachten an dieses unglückliche Ereignis. Der Genosse Romeo wurde in das Spital von Almeria überführt, dann kam er nach Albacete zurück, wo er seinen Dienst bei den Ausbildungstruppen mit Begeisterung und Disziplin versah.

«Irregeführte Soldaten»

Nach den Operationen in der Sierra Nevada brachten uns Autocars nach der Front von Pozoblanco. Die Offensive begann am 1. April gegen Valsequillo, das bald besetzt wurde. Während dieser Offensive verloren wir sehr viele Genossen, besonders in der Nähe der Eisenbahnstation, wo ein Dutzend Faschisten sich versteckt hielt. Als diese sahen, dass sie verloren waren, kamen sie mit erhobener Faust hervor und riefen: «Es lebe Russland! Wir sind Kommunisten!» Wir zwangen sie, aus dem Gebäude zu kommen, und schon bereitete ich mich vor, auf diese Verräter zu schiessen, als der Hauptmann der ersten Kompagnie sich mir näherte, den Revolver gegen mich richtete und sagte: «Wenn du schiesst, bist du ein Toter. Das sind Soldaten, die keine Überzeugung haben, die irregeführt wurden!» Der Kampf ging weiter und ich suchte den Genossen Guggiari einzuholen. Als ich etwa fünfzig Meter an diesem vorgegangen war, hörte ich plötzlich hinter mir jemanden sagen: «Jetzt hat es mich.» Ich kehrte mich um und sah, dass Guggiari an der Brust verwundet war. Ich sagte zu ihm, ich würde ihn auf den Schultern nach hinten tragen. Er aber antwortete mir nur: «Ich sterbe.» «Red’ kein dummes Zeug», erwiderte ich und verband ihn notdürftig. Als ich aufstehen wollte, traf mich eine Kugel an der linken Schulter, durchbohrte mich und dazu die Hand von Guggiari, der mich herabziehen wollte. Welcher Schmerz! Ich versuchte, das Gewehr zu heben, aber es ging nicht. Es gelang mir, zurückzugehen, um mich verbinden zu lassen.

Ein strenger, guter Kommandant

Während man mir den Verband anlegte, sah ich Genosse Otto Brunner auf mich zukommen und sagen: «Was ist passiert?» «Ich bin verwundet.» Ich bemerkte, wie Ottos Gesicht sich veränderte. Seine Augen bekamen einen sonderbaren Glanz und sein Gesicht wurde traurig. Dies gab mir zu denken. Otto war zwar ein strenger Kommandant, aber sehr gut und er liebte seine Kameraden. Fünf Tage lag ich im Spital von Villavieja und kam nachher nach Albacete, wo ich mit dem Jungsozialisten Bertini zusammentraf, der von der Front zurückkam. Nach einigen Tagen sollte ich nach Pozzorubio abreisen, um dort die Militärschule der Internationalen Brigaden zu besuchen. Kaum war der Befehl betreffend meine Verwendung da, fuhr ich nach Torrelodone, wo ich in den Dienst eines spanischen Bataillons trat. Am 6. Juli begann der Angriff auf Villanueva de la Cañada und Brunete. Am dritten Tag dieses siegreichen Angriffs befand ich mich auf einer endlosen Ebene, als drei Dreimotoren-Bomber erschienen. Ich weiss nicht mehr, wie es zuging. Ich spürte einen entsetzlichen Stoss und dann nichts mehr. Sieben Tage nachher erwachte ich in einem Feldlazarett.

Bewusste Tessiner

Nach fünf Tagen war ich wieder geheilt und es ging erneut an die Front. Doch der Wille genügte nicht. Die Kräfte fehlten. Nach den ersten fünfzig Metern fiel ich zu Boden, ohne irgendwie verwundet zu sein. Von da an wurde ich zur Verfügung des Generalstabs der 45. Division gehalten. Während dieser Dienstperiode traf ich wieder mit einigen Tessinern zusammen. Unter anderem mit Gerla, den ich nachher nie mehr sehen sollte, da er im Kampf als Held fiel. In Ausführung eines Befehls musste ich mich dann nach Quintanar begeben, um Rekruten des Reservebataillons der Garibaldi-Brigade auszubilden. Zuerst waren es nur Verwundete und Kranke, die während der Zeit ihrer Wiederherstellung instruiert wurden, dann kamen aber immer mehr neue Rekruten und zahlreiche ausländische Freiwillige. Unter ihnen auch einige Tessiner Kameraden. Auch sie zeichneten sich durch Disziplin und guten Willen, die Handhabung der Waffen zu erlernen, aus.

Wie viele Tessiner waren es, die dem spanischen Volk zu Hilfe geeilt waren? Wir wissen es nicht genau. Wenn ich mit einem von ihnen spreche, ist es interessant von ihnen zu hören, auf welchem Wege und mit welchen Mitteln jeder einzelne dieses gemarterte Stück Erde erreichte. Der eine verkaufte sein Fahrrad, ein anderer arbeitete einen Monat lang als Handlanger in einem Handwerk, das er noch nie ausgeübt hatte, ein dritter verkaufte den Rest seines Hab und Gutes. Kurz: Überall findet man ein praktisches Beispiel dafür, dass die Tessiner, die nach Spanien fuhren, bewusst gehandelt haben. Nicht wenige opferten ihr junges Leben für die Sache, die nicht nur die des von der schwarzen und weissen Invasion geplagten spanischen Volkes war, sondern diejenige aller Völker.

Aus dem vorwärts vom 28. April 2017 Unterstütze uns mit einem Abo.

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