Von Hollywood nach Pankow

07_eisler_2Der musikszenische Abend zu Hanns Eisler verknüpft Briefmaterial mit Liedern, in dem über die Persönlichkeit Eislers hinaus die Geschichte des 20.Jahrhunderts erfahrbar wird. Ab Mitte Januar im Cabaret Voltaire in Zürich.

Hanns Eisler gilt als Protagonist politisch engagierter Musik im 20. Jahrhundert, als Komponist, der seine sozialistische Position auch in zahlreichen Aufsätzen und Manifesten äusserte. Über den privaten Hanns Eisler war bis vor kurzem wenig bekannt. Nun ist der erste Band seiner Briefe erschienen. Drei weitere Bände mit insgesamt über 1 500 Briefen sind in Vorbereitung und stehen für dieses Projekt als Material erstmals und exklusiv zur Verfügung. Darin lernen wir Eisler von einer ganz anderen Seite kennen: als äusserst spontanen, ebenso liebevollen wie in seinen Depressionen obsessiven Menschen. Vor den Nazis in die USA geflüchtet, schreibt er in Hollywood fast täglich einen Brief an seine Frau Lou, die vorerst in New York geblieben ist. Zurück in Berlin ist es seine spätere Frau Steffy in Wien, die er mit Liebesbriefen umwirbt. Die scharfsinnige Analyse der gesellschaftlichen Zustände findet sich auch in den Briefen, sie ist jedoch in Beziehung gesetzt zur eigenen Befindlichkeit. Die Kluft zwischen den eigenen Idealen und der rauen Wirklichkeit, sei es die der Kulturindustrie Hollywoods oder die der Funktionärskultur der DDR, trieb Eisler immer wieder in eine Verzweiflung, die sich in seinen Briefen ungefiltert mitteilt.

Das Private ist politisch

Eisler war dreimal verheiratet. Seine Frauen haben auf ganz verschiedene Weise sein Werk und sein Leben geprägt. Die erste Frau, Charlotte geboren Demant, war Sängerin und gehörte zum Schönberg-Kreis; musikalisch stand sie ihm am nächsten. Steffy, zwei Jahrzehnte jünger und musikalisch wie politisch hoch sensibel, half ihm durch die letzte Lebensphase. Jedoch die Wichtigkeit von Lou dürfte sich sogar mit der von Brecht und Schönberg messen lassen. Mit Lou war Eisler während des gesamten Exils zusammen. Sie löste die lebenspraktischen Probleme, fungierte als Sekretärin, Managerin; und vor allem war sie seine Diskussionspartnerin.

Im Musiktheater «Von Hollywood nach Pankow werden Briefe von Eisler an seine Frauen in Beziehung gesetzt zu Vertonungen von Liebeslyrik, beginnend mit den Heiratsannoncen aus den «Zeitungsausschnitten», über Brecht-Vertonungen wie «Die Spaziergänge» aus «Kuhle Wampe» («Das Spiel der Geschlechter erneuert sich jedes Frühjahr») bis zu den resignativen späten Liedern nach Heine («Verfehlte Liebe, verfehltes Leben») und Altenberg («Und endlich stirbt die Sehnsucht doch»). Bei einem so gesellschaftskritischen Menschen wie Eisler ist das Private immer auch politisch, und so sind auch seine Liebeslieder alles andere als unpolitisch. Wie in den Liedern durchdringen sich in den Briefen Privates und Politisches und ergeben ein widerspruchsvolles Porträt von Hanns Eisler. Es spiegelt sich in ihnen nicht nur die Persönlichkeit des Komponisten, sondern darüber hinaus die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die er durchlebte.

Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, 8001 Zürich

Prämiere 11.1, 20.00 Uhr
17.1; 18.1; 24.1; 25.1 jeweils 20.00 Uhr
20.1 und 27.1 jeweils 18.00 Uhr
Eintritt: 35.00 / 25.00 Franken
Vorverkauf: Notenpunkt, Froschaugasse 4, 8001 Zürich
Tel. 043 268 06 45; Email: zuerich@noten.ch
Weitere Infos: www.christoph-keller.ch/de/termine.php
 
Musik und Politik: Zur Biographie Hanns Eislers

Der Komponist und Schriftsteller Hanns Eisler (1898–1962) hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts hautnah erlebt, und von ihren grossen Ereignissen war er oft in übler Weise persönlich betroffen. Der «Karl Marx der Musik» hat aber die Unbilden der Welt nicht bloss ertragen, sondern sich mit scharfem Verstand gegen sie zur Wehr gesetzt – und mit seiner Musik.

Es begann damit, dass Eisler bereits als 18jähriger als Soldat in die K. und K.-Armee eingezogen wurde und im 1. Weltkrieg an der italienischen Front dienen musste. Aus dieser Zeit datieren seine ersten erhaltenen Kompositionen; so vertonte er im August 1917 das Klabund-Gedicht «Der müde Soldat», eine Absage an den Krieg, die mit den Worten endet: «Ich will mich unter Blumen schlafen legen und kein Soldat mehr sein.» Nach Kriegsende begann er ein Musikstudium am Neuen Wiener Konservatorium, was er aber bald aufgab zugunsten von Privatstunden bei Arnold Schönberg, der anfangs Jahrhundert das hergebrachte tonale System revolutioniert hatte und deswegen in der konservativen Musikhochburg Wien zum Aussenseiter geworden war.

Gemeinsam mit Bertolt Brecht

Schönberg war von Eislers Begabung so überzeugt, dass er den mittellosen jungen Mann unentgeltlich unterrichtete. Für Eisler waren die vier Jahre Lehrzeit bei Schönberg fundamental. Erst bei ihm habe er überhaupt musikalisches Verständnis und Denken gelernt, bekannte Eisler später, als er sich ästhetisch längst von ihm entfernt hatte. Dank Schönbergs Fürsprache erschien 1924 bei der renommierten «Universal-Edition» (UE) seine 1. Klaviersonate, und 1925 schloss die UE einen Fünfjahresvertrag mit ihm ab.

Doch das Komponieren für eine gebildete Elite befriedigte Eisler nicht. Er war davon überzeugt, dass Musik eine Gemeinschaftskunst ist, und diagnostizierte bei der zeitgenössischen Musik just den Verlust dieser Bindung an eine Gemeinschaft. «Trotz aller technischen Finessen läuft sie leer, denn sie ist ideenlos und gemeinschaftslos. Eine Kunst, die ihre Gemeinschaft verliert, verliert sich selbst», schrieb er 1927 in einem Artikel in der KPD-Zeitung «Die Rote Fahne». Zu dieser Zeit hatte er für sich selber bereits die Konsequenz gezogen und war nach Berlin übergesiedelt, wo er sich er der Arbeiterbewegung anschloss. Statt Klaviersonaten und Kunstlieder schrieb er nun Chöre für Arbeitergesangsvereine und Songs für die Agitproptruppe «Das Rote Sprachrohr». Legendär wurden seine Auftritte mit dem Sänger-Schauspieler Ernst Busch in Kneipen und an politischen Veranstaltungen. 1930 begann die intensive Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, dem er bis zu dessen Tod 1956 eng verbunden blieb. 1930/31 entstanden die Lehrstücke «Die Massnahme» und «Die Mutter» sowie der Film «Kuhle Wampe», für den auch das «Solidaritätslied» (mit Ernst Busch als Sänger) geschrieben wurde – wie das «Einheitsfrontlied»  eines jener Brecht-Eislerschen Lieder, die bis heute populär geblieben sind.

Im Exil in der USA

1933 musste Eisler (wie auch Brecht) wegen des Naziregimes Deutschland verlassen. In den ersten Jahren des Exils war er in vielen Ländern unterwegs – «öfter die Länder als die Schuhe wechselnd», wie es in Brechts Gedicht «An die Nachgeborenen» heisst. Nachdem er bereits 1935 eine Lehrtätigkeit an der «New School for Social Research» in New York ausgeübt hatte, war er von 1938 bis 1942 wiederum an diesem Institut tätig, wobei er wegen abgelaufener Visa zeitweilig nach Mexiko ausweichen musste. Im Zentrum dieser Tätigkeit stand das «Film Music Project», in dem Eisler theoretisch und praktisch Alternativen zur Filmmusik à la Hollywood erarbeitete. Daraus gingen das zusammen mit Adorno verfasste Buch «Komposition für den Film» hervor, sowie die «14 Arten den Regen zu beschreiben» als Musik zum Experimentalfilm «Regen» von Joris Ivens. Nach dem Auslaufen des Filmmusikprojekts blieb Eisler nichts anderes übrig, als sich just jener Filmindustrie von Hollywood anzudienen, deren stupide Musik Objekt seiner Kritik gewesen war. Seine Bemühungen, eine Dozentenstelle zu finden, um der Filmprostitution zu entgehen, blieben erfolglos, und so musste er des Geldes wegen Musik für «idiotische Schinken» (so Eisler) wie den Piratenfilm «The Spanish Main» machen. Dennoch entstanden auch im USA-Exil bedeutende Werke, denn «zur Vertreibung der Langeweile» – wie er selber sagte –  schrieb Eisler viele Lieder auf Gedichte von Brecht, die im «Hollywooder Liederbuch» zusammengefasst sind. Das war damals alles für die Schublade, stösst aber heute auf stets noch wachsendes Interesse, und hat auf jeden Fall die Zeit überdauert.

Gespanntes Verhältnis trotz Nationalhymne der DDR

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs geriet Eisler im Zuge des aufkommenden Kalten Krieges in die Fänge des «Ausschusses für unamerikanische Umtriebe». In den Verhören vor diesem Ausschuss des Repräsentantenhauses wurde er als «Karl Marx der Musik» bezeichnet und schliesslich 1948 des Landes verwiesen. Dies obwohl sich renommierte Künstler wie Charlie Chaplin und Thomas Mann für ihn eingesetzt hatten. So musste er zum zweiten Mal das Land, in dem er gelebt und gewirkt hatte, gezwungenermassen verlassen. Im zerstörten Europa Arbeit zu finden, war nicht einfach. Er war zunächst in Prag und Wien tätig, aber als sich daraus keine längerfristige Perspektive ergab, übersiedelte er 1950 nach Berlin-Pankow. In Berlin übernahm er eine Professur an der Musikhochschule sowie eine Meisterklasse an der Akademie der Künste. Doch trotz dieser prominenten Stellung, und obwohl er 1949 die Nationalhymne für die neugegründete DDR komponierte hatte, war sein Verhältnis zur regierenden SED gespannt. Nicht nur, weil Rückkehrer aus dem westlichen Exil in den vom Stalinismus geprägten sozialistischen Staaten Osteuropas grundsätzlich suspekt waren, sondern auch, weil erhebliche Differenzen ästhetischer Art bestanden. Im Falle Eislers lassen sie sich darauf zurückführen, dass er als Schüler Schönbergs eine Richtung vertrat, die als «formalistisch» bekämpft wurde. Als er das Textbuch zu einer Faust-Oper vorlegte, die statt an Goethe am mittelalterlichen Puppenspiel anknüpfte, warf man ihm vor, das klassische Erbe zu besudeln. Offensichtlich hatte es Eisler in der DDR mit Machthabern zu tun, deren Kulturverständnis höchst spiessbürgerlich war.

Kunst kann versöhnen

Einmal mehr war er vom Regen in die Traufe geraten. Politisch hielt er zwar der DDR bis zu seinem Tod im Jahr 1962 die Treue. Eisler erklärte, er könne sich seinen Platz als Künstler nur in dem Teil Deutschlands vorstellen, wo die Grundlagen des Sozialismus aufgebaut würden. Doch nach der Faust-Debatte zog er sich zeitweilig resigniert nach Wien zurück. Von dort schrieb er an den in Berlin gebliebenen Brecht, er wolle zu Charlie Chaplin, um sich «von den Unbilden der Welt zu erholen durch etwas Gelächter». Und im November 1956, als Sowjettruppen Ungarn besetzt hatten, schrieb er an seine Ex-Frau Lou: «Hohe Kunst kann im guten Sinn versöhnen und unsere Sache anziehend machen, auch dann wenn es die Politiker nicht mehr können». So traute der Komponist, der seine Musik in den Dienst des Sozialismus stellen wollte, am Ende der hohen Kunst mehr zu als der Politik.

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