Mit Marx in die Zukunft

Fabian Perlini. Am 2. Dezember feierte die Partei der Arbeit 200 Jahre Karl Marx. Im Zürcher Volkshaus kamen rund 100 GenossInnen und FreundInnen der Partei zusammen, um sich marxistisch weiterzubilden, Musik zu geniessen und mitzusingen. Der Höhepunkt bildete ein lehrreiches Musiktheater über das Hauptwerk des bärtigen Mannes, der die Geschichte der Menschheit prägte und dies auch in Zukunft tun wird.

Für die Einen ist Marx eine Popikone, für Andere ein Vorbild der Ewiggestrigen. Wer heute noch glaubt, von Marx etwas lernen zu können, wird nicht selten belächelt, öfters angegriffen. Denn den alten Rauschebart zu stilisieren oder zu verurteilen ist tatsächlich viel einfacher, als sich seinen komplexen Gedanken zu widmen. Wir von der Partei der Arbeit haben uns jedoch nie gescheut, dort genauer hinzublicken, wo andere die Nase rümpfen und sich abwenden. So kamen wir zusammen, um den 200 Geburtstag von Marx zu feiern und uns darin zu bekräftigen, auch zukünftig zu hinterfragen, dazuzulernen und vorwärts zu schreiten.

Der Verdienst von Marx
Karl Marx war Philosoph und Wissenschaftler. Was wäre angemessener gewesen, als die Feier mit einem wissenschaftlichen Vortrag zu starten? Dies taten wir mit Genosse H. Wendt, Redaktor der Marxistischen Blätter aus Deutschland. Zuerst stellte er klar, dass es sozialistische und kommunistische Ideen bereits vor dem bärtigen Mann gab. Wendt erinnerte beispielsweise an Thomas Morus’ Utopia. Doch auch zentrale marxistische Begriffe wie «Mehrwert» oder «Arbeitswerttheorie» sind älter als Marx. Der vor allem von sogenannt Liberalen gerne zitierte Adam Smith hatte bereits anhand dieser Begriffe gearbeitet. Selbst der Klassenkampf war bei ihm bereits positiv konnotiert, was gerne verkannt wird. Einer der grossen Verdienste von Marx liegt nicht in der Erfindung von Begriffen, sondern darin, diesen Ideen eine wissenschaftliche Grundlage gegeben zu haben. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Schattenseiten des Kapitalismus offenkundig zu Tage treten, bedarf es einer wissenschaftlichen, marxistischen Herangehensweise, die es ermöglicht, die Ursachen der Missständenbeim Namen zu nennen und fortschrittliche Lösungsmöglichkeiten für die Zukunft zu erarbeiten.

500 Millionen Mal mehr
Dass es problematisch ist, wenn Nicht-ArbeiterInnen (um die Bourgeoisie mal so zu nennen) zehn- bis hundertmal mehr verdienen, als die ihnen angestellten ArbeiterInnen, monierte bereits Adam Smith – und dies schon im 18. Jahrhundert. Heute besitzen die acht reichsten Männer mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, sprich 500 Millionen Mal mehr als die ihnen unterstellten ArbeiterInnen. «Gleichzeitig sterben jedes Jahr eine halbe Million Kinder, weil sie zu wenig sauberes Trinkwasser haben», erinnerte Genosse Wendt die Anwesenden und fügte hinzu: «Hierbei hilft es wenig, wasserschonende Toiletten zu produzieren, wie dies etwa Bill Gates vorschlägt.» Und es ist bei weitem nicht so, dass heute zu wenig Wasser vorhanden wäre oder zu wenig Lebensmittel produziert würden. Auch Wirtschaftskrisen und Hungersnöte gab es schon immer. Neu ist aber, dass im heutigen globalen Kapitalismus Menschen verhungern und gleichzeitig ein gewaltiger Überschuss an Nahrung produziert wird;während die einen den Hungertot sterben, schmeissen die anderen Tonnen von Esswaren weg, weil sie auf dem kapitalistischen Weltmarkt keinen Absatz finden. Um dies zu ändern, hilft es wenig, den Begüterten ins Gewissen reden zu wollen. An Vernunft und Güte zu appellieren ist naiv, auch dies lehrt uns Marx.
Marx erkannte die kapitalistische Akkumulationsdynamik. Eine erste Annäherung an dieses komplexe Thema kann mit der Einsicht beginnen, dass die Produktion von Waren nicht etwas Zwingendes, sondern ein Ergebnis historischer Prozesse ist. Vor der Neuzeit war die Herstellung von Produkten als Handelswaren eine Ausnahme. Heute werden fast ausschliesslich Güter produziert, um sie als Waren feilzubieten. Dass die Möglichkeit, diese Waren (beispielsweise Trinkwasser) zu konsumieren, nun vom Einkommen abhängt, ist eine logische Konsequenz. Doch wer heute eine Ökonomie fordert, in der sich die Menschen in einem Kollektiv organisieren, um die Produktion von Gütern zu bestimmen und planen, damit diese gerecht verteilt werden können, gilt als weltfremd.

Kommunistische Liedermacherin
Dass Marx‘ Gedanken gerade auch junge Menschen inspirieren zeigte uns die Zürcherin Salomé Voirol mit Ihren Mitmusikerinnen aus Neuseeland und den Philippinen. Als sich das Licht im Saal verdunkelte und sie ihre kraftvolle Stimme anhob, breitete sich unser Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung aus, von den Köpfen in die Herzen. Die revolutionäre Liedermacherin hat schon mehrfach Aufmerksamkeit erregt, weil sie ihren marxistischen Blick auf Missstände in unserer eigenen Gesellschaft vor Ort richtet. Im Lied «Ostermarsch» reimt sie: «Das ganze Jahr hindurch wurden Menschen massakriert. Die Waffen dafür wurden auch bei uns produziert.» Und weiter mit einem ironischen Unterton: «Aber natürlich sind wir unparteiisch und ganz neutral. Wie pflegen doch jede Beziehung, hat sie nur Kapital.» Und was diese Haltung der Schweiz aktuell für Leid mitverantwortet, besingt sie mit Hinblick auf den Jemen: «Millionen leiden Hunger und sind unterernährt. Höchste Zeit, dass die Öffentlichkeit mehr davon erfährt. Blockaden zum Meer hin, Angriffe aus der Luft. Zwischen Menschenrecht und Jetzt herrscht eine Riesenkluft. Wir fordern mit dem Imperialismus zu brechen, keinen Handel mit kriminellen Kriegsverbrechern!»

Kämpferische Stimmung
Auch das Leid der Tiere lässt Salomé Voirol nicht kalt. Im Song «Tell me how I’m different» verleiht sie diesen ihre Stimme, wenn sie singt (übersetzt auf Deutsch): «Erklär mir, auf welche Weise ich anders bin! Sag mir, weshalb ich deine Liebe nicht verdiene! Weshalb rechtfertigt dich dein Geschmack, mir das Leben zu nehmen, meine Kehle mit dem Messer zu schlitzen?» Die Texte wurden auf der Leinwand eingeblendet und alle Generationen sangen mit. «Die Stimmung gefällt mir sehr gut, sie ist entspannt und gleichzeitig kämpferisch », schwärmte ein Zuschauer, «.» Und jemand anderes meinte: «Es freut mich zu sehen, dass es die Partei geschafft hat, an die neue Generation anzuknüpfen. Eine Generation, die nicht nur klassenkämpferisch auf die Strasse geht, sondern auch eine künstlerische Ader besitzt.» Wer sich Stücke von Salomé Voirol anhören möchte, kann dies auf dem Youtube-Kanal der Kommunistischen Jugend Schweiz tun

Frau Kapital und Dr. Marx
Musikalisch ging es dann mit dem Höhepunkt der Geburtstagsfeier für Karl Marx weiter, mit dem Musiktheater «Frau Kapital und Dr. Marx.» Das Stück von Christa Weber und Christof Herzog wurde eigens zum 200-Jahre-Marx-Jubiläum geschrieben. Es handelt sich um eine performative Umsetzung des ersten Bands von Karl Marx’ Das Kapital. Mit Leichtigkeit, Humor und Slapstick werden zentrale Punkte seines Hauptwerks gekonnt vor Augen geführt. Das Kapital, genial personifiziert von Christa Weber als «Frau Kapital», macht sich dabei gerne lustig über Marx: «Mein Lieber Doktor, du musst zugeben, dass du dich mehrfach gründlich in mir geirrt hast!» Und fügt neckisch hinzu: «Du hast doch nicht geglaubt, dass ich mich auf Dauer so lange halten könnte!» Doch Marx, verkörpert von Christoph Herzog, entgegnet höflich: «Ich habe immer betont, wie kreativ und produktiv Sie sind.» Worauf Frau Kapital frivol lächelnd ergänzt, dass sie auch ganz schön potent sei, und dabei Marx über sein Knie streichelt. Dieser entzieht sich ihr sogleich und verbessert: «Sagen wir, Sie sind flexibel.» Und weiter spottet sie: «Keiner deiner Proleten kapiert doch, um was es dir eigentlich in deinem dicken Schinken geht!» Und tatsächlich weiss der Mann am Klavier, der den Arbeiter spielt und von Frau Kapital an der Leine geführt wird, nichts anzufangen mit Begriffen wie «Akkumulation» oder «Mehrwert». Doch Marx hält der reichen Dame entgegen, dass das Kapital, genauso nichts zu verstehen scheint und beginnt ihr mit viel Geduld, das kleine Einmaleins der wirtschaftlichen Zusammenhänge beizubringen.

Was kostet der Mehrwert?
In einer Reise durch die Geschichte wird ein Kaninchen gegen einen Tintenfisch getauscht, danach ein Eisbärenfell gegen schöne Muscheln. Als ganz besondere Tauschware kommt später die menschliche Arbeitskraft als «variables Kapital» ins Spiel. Durch seine musikalischen Einlagen trägt der Mann am Klavier (Martin Orth), also der Arbeiter, zwar zu einem echten «Mehrwert» bei, Frau Kapital zeigte sich jedoch sehr unwillig, diesen gerecht zu entlohnen. Am liebsten würde sie gleich den ganzen Kerl einsacken. Marx muss sie wiederholt daran erinnern, dass sie lediglich seine Arbeitskraft erstehen könne, wofür er 60 Euro die Stunde vorschlägt. Frau Kapital erschrickt, denn ihr scheint er höchstens 8 Euro 85 Cents die Stunde wert zu sein. So erklärt ihr Marx: «Um arbeiten zu können braucht er doch Lebensmittel, Kleidung, Wohnung, Elektrizität usw. So wie wir auch den Wert jeder anderen Ware festlegen, nach dem Zeit und dem Aufwand ihrer Herstellung gemessen, wird die Ware Arbeitskraft danach gemessen, wie viel benötigt wird, um die Verausgabung an Kraft, Muskeln, Schweiss, Hirn und Knochen wieder herzustellen.» Es wird verhandelt, doch bei 10 Euro bleibt Frau Kapital hart, worauf zum Singen angestimmt wird: »Wie viel einfacher wäre es, könnten wir Gras fressen! Doch um Leben zu können musst du arbeiten, im Schweisse deines Angesichts. Wie der Bauer, der zum Markt geht, um sein Vieh zu verkaufen, bist zu gezwungen, dich feil zu bieten. Du bist dein eigener Sklavenhändler!» Und weiter: «Zwischen den Giganten tobt ein heftiger Markt um Absatzmärkte. Nur wer billigst produziert, Rohstoffe am Schnellsten zu Tage fördert und die Erde am verheerendsten ausblutet, gewinnt die Schlacht.»

Danke, Karl!
Und trotzdem hält Frau Kapital stur an ihren Ausreden vom «Risiko» und von der «Konkurrenz» fest, bis sie gegen Ende des Stücks in eine endgültige Überproduktionskrise geworfen wird. Sie landet auf der Couch bei Dr. Marx, der ihr gut zuredet, während sie vom Arbeiter in eine rote Fahne gehüllt wird. Als sie sich wieder herausschält, ist sie verwandelt. Das Kapital wird so endlich zu einer Kraft, die allen Menschen dient. Das Schlusslied wurde angestimmt und diesmal sang auch der Mann am Klavier tüchtig mit: «Lasst und endlich alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes Wesen ist!» Der Refrain lieferte Marx selbst.
Das Stück weckte die Zuversicht, dass sich auch heute noch etwas bewegen lässt. Was es dafür braucht, schälte sich aus der Diskussion mit dem Ökonomen Holger Wendt heraus: die marxistische Wissenschaft dafür nutzen, die Funktionsweise der heutigen Ökonomie zu durchschauen und die Interessen der VerliererInnen dieses Systems eins zu eins zu vertreten. Danke, Karl!

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