Sein wie der Che

Aleida Guevara

Martin Schwander. Vom 18. bis 26. September weilt die kubanische Kinderärztin Aleida Guevara March in der Schweiz und wird aus Anlass des 50. Todestages ihres Vaters Ernesto «Che» Guevara an verschiedenen Veranstaltungen zu hören sein. Das Interview wurde schriftlich geführt, in der Zeitung «Unsere Welt» veröffentlicht und für den vorwärts leicht gekürzt.

Aleida Guevara, als Mitarbeiterin des Studienzentrums über Che Guevara und als Tochter: Können Sie den immer währenden Hype um Ihren Vater nachvollziehen oder stört er Sie manchmal?
Ich begreife die Liebe und den Respekt gegenüber einem Menschen wie meinem Vater. Hingegen stört mich, wenn sein Bildnis ohne Respekt und aus reiner Gewinnsucht verwendet wird.

50 Jahre nach seinem Tod ist der Che weltweit omnipräsent. Warum hat er in all diesen Jahren nicht an Bedeutung verloren?
Weil er als Mensch sehr kohärent war: Er sagte immer, was er dachte, und machte, was er sagte. Niemals hat er von jemandem etwas verlangt, das er nicht selbst hätte umsetzen können. Er war mutig, ehrlich und gefühlsvoll. Was mehr kannst du von einem Menschen verlangen? Wenn man ihn kennt, ist man versucht, ihm nachzueifern und es ist sehr schön, den Respekt und die Bewunderung zu spüren, die ihm entgegengebracht werden, vor allem, wenn es Jugendliche sind.

Ihr Vater hat sich und seiner Familie Privilegien stets verbeten. In einem unter dem Titel «Der Sozialismus und der Mensch in Kuba» bekannt gewordenen Brief an Carlos Quijano schrieb er: «In unserem Fall haben wir den Standpunkt verfochten, dass unsere Kinder dasselbe besitzen und entbehren sollen, was die Kinder der gewöhnlichen Menschen besitzen und entbehren, und unsere Familie muss es begreifen und dafür kämpfen.» Wie weit waren Sie sich als Kind und später als Jugendliche bewusst, Tochter eines Revolutionsführers, wichtigen Ministers und Helden zu sein?
Meine Kindheit verlief sehr schön und ruhig und ich war von Liebe umgeben. Bis zu dem Tag, als mein Vater ermordet wurde, hatte ich keine Ahnung davon, wie immens er als Persönlichkeit war. Obwohl ich ihn im Alltag nicht mehr sehen konnte, sprach meine Mutter von ihm, als ob er sich in der Nähe befinden würde. Erst als Teenagerin begann ich, ihn wirklich zu vermissen und mich zu fragen, warum ich ihn derart gern hatte, obwohl ich doch nur wenig Zeit mit ihm hatte verbringen können. Ich kramte in den Erinnerungen, die mir von ihm geblieben waren, und ich war mir sicher, dass er mich auch geliebt hatte, ich begann, seine Schriften zu lesen, und ich war erfüllt von einem gewaltigen Stolz, seine Tochter zu sein. Vermutlich waren es aber seine Bescheidenheit, seine Zuneigung zu uns und zu unserer Mutter, die mir am meisten Respekt und Bewunderung abforderten. Er war nach andern Ländern aufgebrochen, um sein Bestes zu geben, und liess dafür die Frau zurück, die er liebte, und seine eigenen Kinder. Er wollte eine gerechtere Welt für alle und er wollte niemanden darum bitten, diesen Traum für ihn an seiner Stelle zu verwirklichen.

Sie wurden Kinderärztin und arbeiten als Spezialistin für pädiatrische Allergologie am William Soler Spital von Havanna. Was hat Ihre Berufswahl beeinflusst?
An erster Stelle sicher mein Vater: Er ist und bleibt für mich das Beispiel, dem ich folgen möchte. Den Ausschlag gegeben hat aber mein Volk, das mir immer mit viel Zuneigung begegnet ist. Wie konnte ich ihm einen Teil dieser Zuneigung zurückgeben? Das kubanische Gesundheitswesen, das für unsere Bevölkerung vollkommen kostenlos ist, erlaubt mir, meinem Volk näher zu sein und ihm etwas von dem zurückzuvergüten, was es mir geschenkt hat. Ich mag Kinder sehr, ich habe mit ihnen viel Spass und lerne von ihnen auch immer etwas dazu, zudem ist die Allergologie eine Fachrichtung, die viel mit meinem Alltag zu tun hat. Einerseits leide ich selbst seit meiner frühsten Kindheit an Asthma, andererseits sind Allergien allgemein stark verbreitet in meiner Heimat. So denke ich, dass ich meinem Volk und auch andern gegenüber nützlich sein kann.

Die Blockade der USA, der Wegfall der sozialistischen Verbündeten nach 1989: Wie schwierig war es in jener Zeit, das kubanische Gesundheitswesen, die gesundheitliche Versorgung aller KubanerInnen aufrecht zu erhalten und erst noch im Ausland zu helfen?
Das war sehr schwierig. Nur unserem System, dem Sozialismus, ist es zu verdanken, dass wir trotzdem vorwärts gehen konnten. Geholfen hat uns auch die riesige Solidarität, die wir von allen Ecken dieser Welt erfahren durften, verbunden natürlich mit dem unbestreitbaren Willen unserer Bevölkerung, das zu bewahren, was wir unter so vielen Opfern errungen hatten. Fidel und die ganze Führung unseres Landes vermittelten uns das Vertrauen in unsere eigenen Kräfte. So haben wir zum Beispiel Methoden der grünen Medizin und überliefertes Wissen unserer Vorfahren in das gesamte Gesundheitssystem überführt, die Krankheitsprävention intensiviert und mit wenigen, aber gezielt und zum Wohle aller eingesetzten Mitteln die wissenschaftlichen Forschungszentren ausgebaut.

Im Abschiedsbrief, den Ihr Vater Ihnen und Ihren Geschwistern hinterlassen hat, schrieb er, die schönste Fähigkeit eines Revolutionärs sei es, jede Ungerechtigkeit gegenüber irgendjemandem irgendwo auf der Welt bis ins tiefste empfinden zu können. Welche Aspekte seiner Persönlichkeit haben Sie in Ihrem Leben am meisten angespornt?
Durch meine Mutter und durch seine FreundInnen und GenossInnen habe ich meinen Vater als jenen kompletten Menschen kennengelernt, der er war, und als solcher hat er mein gesamtes Leben beeinflusst.

Im bereits erwähnten Brief an Quijano skizzierte Ihr Vater den Menschen des 21. Jahrhunderts, der sich nicht in erster Linie von materiellen Anreizen und Interessen treiben lässt, sondern von seinem revolutionären Bewusstsein. Wie weit zeichnet sich dieser «neue Mensch» in Kuba bereits ab? Wo sehen Sie im heutigen Kuba die Spuren Ihres Vaters und wo hat sich Kuba anders entwickelt?
Der Neue Mensch wird nie ein fertiges Produkt sein: Immer, wenn wir die Gesellschaft entwickeln, müssen wir auch als Personen wachsen, um wiederum die Gesellschaft weiter zu verbessern. Aber die Konturen des Menschen, den unsere Revolution am Erschaffen ist, sind in meinem heutigen Kuba bereits sichtbar. An wen hat sich die Weltgesundheitsorganisation gewandt, als es darum ging, den Ebola-Virus zu bekämpfen? An Kuba, und es waren unsere Fachleute, die nach Afrika gefahren sind, ihr Leben riskierten und erreichten, dass sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten konnte. Warum hat die WHO Kuba und nicht ein anderes Land um Hilfe gebeten? Weil unser Gesundheitspersonal zum Respekt und zur Liebe gegenüber den Mitmenschen erzogen worden ist und weil wir schon vor langer Zeit gelernt haben, dass es jedes Opfer eines Einzelnen oder eines Volkes wert ist, wenn das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht. Das sind die Frauen und Männer, die wir schmieden.

In seiner Botschaft an die Völker der Welt, die im April 1967 von der Zeitschrift «Tricontinental» veröffentlicht wurde, schrieb Che Guevara, es sei absolut richtig, jedes unnütze Opfer zu vermeiden. Deshalb sei es so wichtig, die effektiven Möglichkeiten auszumachen, die das abhängige Amerika habe, um sich auf friedlichem Wege zu befreien. Er selbst jedoch schätzte diese Möglichkeiten als gering ein und schien überzeugt, dass es nicht möglich sei, die Freiheit zu erringen, ohne mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Das chilenische Volk hat wenige Jahre später den friedlichen Weg beschritten und wurde mit Waffengewalt auf grausamste Weise zurückgebunden, auch in Venezuela sind die demokratischen Errungenschaften und die Souveränität durch Infiltration und gewalttätige Einmischung von aussen bedroht. Sehen Sie in der heutigen Entwicklung in Lateinamerika die Zweifel Ihres Vaters bestätigt?
Die Worte meines Vaters sind nach wie vor von höchster Aktualität. Nehmen Sie diese Botschaft an die Trikontinentale und ersetzen Sie das Wort Vietnam durch Irak, dann haben Sie genau das, was heute geschieht. Der Che warnt uns ohne Unterlass vor dem Imperialismus der Yankees und ihrem Bestreben, mit Manipulationen und Erpressungen die Welt zu kontrollieren. Er sagt uns aber auch: «Und wenn wir alle es fertigbrächten, uns zu einen, damit unsere Schläge kräftiger und sicherer würden, damit die Hilfe jeglicher Art für die kämpfenden Völker wirkungsvoller würde, wie gross wäre dann die Zukunft und wie greifbar!» Die Zeiten ändern sich, aber die Grundbedürfnisse der Völker sind dieselben geblieben: Souveränität, Freiheit, Unabhängigkeit, die Möglichkeit in Frieden zu leben, und zwar in Würde. Um diese Grundbedürfnisse zu befriedigen, braucht es tiefgreifende Veränderungen in den alten Gesellschaften, und um diese Veränderungen zu erreichen, müssen wir kämpfen.

Aleida, Sie sind aktiv im Weltsozialforum und 2010 wurden Sie von der Antifaschistischen Organisation Bulgariens für Ihren Kampf um den Weltfrieden geehrt. In Basel werden Sie am 21. September, am Uno-Weltfriedenstag, an einer Veranstaltung der Schweizerischen Friedensbewegung zum Thema «Kein Frieden ohne Gerechtigkeit» sprechen. Was verbindet Sie mit der Weltfriedensbewegung, mit dem Friedenskampf?
Ich bin Ärztin, ich wurde erzogen, Leben zu schützen, ich bin Mutter und verteidige das Lächeln meiner Kinder: Dazu brauche ich den Frieden, aber einen Frieden in Würde, wo das menschliche Wesen als solches anerkannt wird, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung, wo uns allen die Achtung entgegengebracht wird, die wir verdienen, wo wir das Recht haben, im Krankheitsfall unabhängig von unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten mit allem unterstützt zu werden, was die Wissenschaft im Dienste des Lebens bietet, wo wir alle dieselben Chancen haben, uns auszubilden und uns für die Gesellschaft nützlich zu machen: Das ist der Frieden, den wir brauchen, und für diesen Frieden werde ich bis zu meinem Lebensende kämpfen.

Veranstaltungsreihe mit Dr. med. Aleida Guevara March:

Lausanne, 18. September; Unil, Auditoire Erna Hamburger, 18.00 Uhr
Fribourg, 19. September; Cinéma Rex, 18.00 Uhr
Bern, 20. September; Uni Tobler, Saal 022, 19.00 Uhr
Basel, 21. September; Offene Elisabethenkirche, 19.00 Uhr
Zürich, 22. September; Volkshaus Zürich, Grüner Saal, 19.30 Uhr
Lugano-Massagno, 23. September; Cinama Lux, 17.30 Uhr
Brig, 26. September; Alter Werkhof, 20.00 Uhr

 

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