Hinter der Fassade

Martin Hesse. In Mexiko zerstören Windparks die Umwelt und ruinieren BäuerInnen. Jugendliche suchen Arbeit und geraten in die Fänge von MenschenhändlerInnen. Eine Reportage aus dem Südosten Mexikos gibt Einblick in die Realität eines «besetzten Landes».

Da war ich also gelandet in Cancún, dem TouristInnen-Epizentrum in der mexikanischen Karibik. Im Bus vom Flughafen in die Stadt komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er meint, er wolle jetzt mal Mexiko kennenlernen und schauen, ob es wirklich so gefährlich sei. In Bahrain sei er auch schon gewesen und da sei es nicht so schlimm, wie alle sagen. Bis jetzt sehe es ja gar nicht mal so übel aus, sagt er, während wir an endlosen Reihen Werbetafeln für die TouristInnenmassen vorbei in die Stadt fahren. Vielleicht wundert er sich, dass es in der ersten Stunde noch zu keiner Schiesserei kam oder er nicht ausgeraubt wurde. Die fetten Schlagzeilen, die uns auf der anderen Seite des Atlantiks erreichen, könnten so etwas vielleicht möglich erscheinen lassen. An seine Aussage würde ich in den nächsten Monaten jedenfalls noch einige Male denken, wann immer die Fassaden des schönen «Urlaubmexikos» aufbrechen …

Kontaminiertes Land
Etwa eine Woche später sitze ich einer Aktivistin und einem Aktivisten gegenüber, die sich gegen Windparks engagieren. Wir befinden uns in der Stadt Juchitán de Zaragoza, im Isthmus von Oaxaca. Transnationale Firmen haben in der Region in den letzten Jahren etwa 1900 Windräder für die «grüne Stromproduktion» errichtet. Dafür wurden den BäuerInnen Pachtverträge mit lächerlichen Konditionen für ihr Land angeboten und falsche Versprechen gemacht. Die versprochenen Arbeitsplätze auf den Windparks und die Gewinnbeteiligung am verkauften Strom wurden aber nicht Realität. Stattdessen wurde das Land unter den Turbinen durch auslaufendes Öl kontaminiert, und es versteppt fortlaufend, weil die Fundamente der Windräder Grundwasserflüsse beeinträchtigen. Einige Windparks stehen in unmittelbarer Nähe von Siedlungen, die Grenzwerte für Geräuschpegel werden dort überschritten und führen zu Kopfschmerzen und Stress. Dies sind nur wenige der problematischen Punkte.
Als sich unter den Betroffenen Widerstand gegen diese Verhältnisse zu formieren begann, wurden alle Register gezogen, um diesen einzudämmen. Vom Kauf von Loyalität der Betroffenen über Diffamierungskampagnen bis zu offener Gewalt. Es sprudelt nur so aus den beiden AktivistInnen heraus. Ich merke, wie nötig die Psychohygiene des Erzählens für sie ist. Sie werden immer wieder bedroht, es gab Mord- und Entführungsversuche. Ein Jobverlust und keine Aussicht auf eine Wiederanstellung im öffentlichen Bildungssystem führen zusätzlich zu finanziellen Schwierigkeiten.
Später sind wir zu Fuss auf der Strasse unterwegs. Es fährt ein Auto mit komplett dunklen Scheiben einen Moment lang im Schritttempo neben uns her, verschwindet dann aber. Ich bekomme weiche Knie. Es ist mir schwer vorstellbar, wie es sein muss, ständig in dieser Situation zu leben. Wenigstens ist es möglich, dass unsere Soligruppe einen kleinen Betrag zur Unterstützung leistet. Ein Handy und Laptop können weiter zur Sicherheit beitragen und es ist für sie nicht mehr nötig, für alle Korrespondenz in ein Internetcafé zu gehen – auch dort kam es schon zu Drohungen.

Auf einer Früchteplantage
Ein paar Wochen später in San Cristóbal, Chiapas. Hier absolvierte ich ein Praktikum bei der Organisation Melel Xojobal, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. Oft stammen sie aus Familien, die seit ein bis zwei Generationen in der Stadt leben. Aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen den vielfältigen Konfliktlagen in Chiapas suchen sie dort ihr Glück. Gerade kam ich von der Arbeit nach Hause, meine Mitbewohnerin und eine Freundin sitzen in der Küche und wirken sehr besorgt. Der Anruf einer Nichte hat sie erreicht. Diese stammt aus einem Dorf in der Nähe von  San Cristóbal und ging in den Norden, um Arbeit zu finden. Nun ist sie irgendwo im mexikanischen Bundesstaat Sonora auf einer Früchteplantage. Die nächste ihr bekannte Ortschaft ist ein paar Autostunden entfernt. Seit einigen Tagen wird sie immer mehr kontrolliert, darf nur noch unter Aufsicht ihr Handy benutzen, und sich von der Plantage zu entfernen, wird ihr versagt. Nun konnte sie heimlich telefonieren und ihrer Tante über die Situation berichten. Meine Freundinnen versuchen jetzt, einen Kontakt zu finden, der die Nichte suchen könnte.

Tausende vermisst
Bei unseren jugendlichen Bekannten kommt es immer wieder wieder zu ominösen Jobangeboten in den grossen Städten im Zentrum Mexikos oder in den nördlicheren Bundesstaaten. Vom Versprechen auf ein besseres Einkommen gelockt, meist von Personen, deren Hintergrund kaum bekannt ist, reisen junge Menschen los – und man hört plötzlich nichts mehr von ihnen. Ob Zwangsprostitution, sklavenähnliche Feldarbeit auf legalen oder illegalen Plantagen oder «Verschwindenlassen» durch Polizei oder Militär – wenn der Kontakt einmal abgebrochen ist, wird es sehr schwierig, jemanden wiederzufinden.
Da die Organisation Melel Xojobal diesbezüglich Sensibilisierungsarbeit leistet, hoffe ich, dort einige nützliche Informationen zu bekommen. Eine Mitarbeiterin gibt mir eine Adresse, wo wir anrufen könnten. Für das Ausmass des Problems, so sagt sie, gebe es leider nur sehr wenige Leute, an die man sich wenden könne. Ein Hauptgrund dafür sei, dass es sehr gefährlich sei, seine Nase in diese Netzwerke des Menschenhandels und der Ausbeutung zu stecken. In Mexiko gelten ungefähr 27 000 Personen als vermisst. Die Nichte meiner Freundinnen wird aber nicht dazugehören. Durch einen riesigen Glücksfall konnte ein engagierter Herr erreicht werden, der sie lokalisieren konnte und sich traute, sie am nächsten Tag auf der Plantage abzuholen, was dann auch klappte.

Krankheiten und Parasiten
Es sind wieder drei Monate vergangen. Wir springen von der Ladefläche eines Pick-ups, die wir zwei Stunden mit verschiedenen Leuten und deren Markteinkäufen geteilt haben. Ein Adios, dann machen wir uns auf zum Eingang des Caracol «La Garrucha»; es ist eines der fünf Verwaltungszentren der zivilen Basis der ZapatistInnen am Rande des lakandonischen Urwalds. Dort befindet sich eine Klinik. Die anwesende Ärtzin, die aus Mexiko-Stadt kommt und hier ihren Servicio social absolviert, zeigt uns die Räumlichkeiten. Sie kümmert sich um PatientInnen, die oft an Infektionskrankheiten, Parasiten oder Machetenschnittwunden von der Feldarbeit leiden. Auch Nicht-ZapatistInnen nutzen manchmal dieses Angebot. Die staatliche Gesundheitsversorgung ist, wenn überhaupt vorhanden, oft unzureichend. An der Wand hängt ein Plakat mit Informationen in Tzeltal, der hiesigen indigenen Sprache. Die Sprachbarrieren sind immer wieder eine Herausforderung für die junge Ärztin, ganz abgesehen von den anderen Umgangsformen und Gepflogenheiten. Für diese sprachlichen und kulturellen Übersetzungsleistungen sind die Gesundheitsbeauftragten eine wichtige Hilfe. Diese sind ZapatistInnen, die für eine bestimmte Zeit in der Klinik arbeiten, ein medizinisches Basiswissen erwerben und dieses dann später auch in ihren Dörfern anwenden können.

Wichtiges Ultraschallgerät
Die Frauenklinik beherbergt zurzeit keine Patientinnen, so können wir auch diese Räumlichkeiten in Ruhe anschauen. Ein wichtiges Instrument ist das Ultraschallgerät, das unter anderem mit Unterstützung unserer Soligruppe aus dem Kaffeeverkauf in der Schweiz angeschafft werden konnte. Die Möglichkeit, Schwangerschaften genau zu überwachen, ist ungemein wichtig, gerade bei Komplikationen, die eine bessere medizinische Ausrüstung erfordern. Da das nächste Krankenhaus zwei Autostunden entfernt liegt, sind frühe Diagnosen umso wichtiger. Allgemein sind die Wege von den umliegenden Dörfern zur zapatistischen Klinik manchmal sehr weit und die Ambulanz, welche neben der Klinik steht, ist bei Notfällen eine wertvolle Hilfe. Später kommt Guadalupe über die Wiese auf uns zu. Sie ist zwanzig Jahre alt und Teil des «Rates der guten Regierung», der höchsten zivilen Regierungsinstanz der ZapatistInnen. Dort erläuterten wir vorher das Anliegen unseres Besuchs. Guadalupe bittet uns zum Kaffee, bei dem sie und einige Freundinnen uns von ihrem Bäckerinnenkollektiv erzählen. Sie sind neugierig, ob wir ihnen ein paar Rezepte geben könnten. Was wir in der Schweiz mit ein paar Klicks im Internet finden würden, ist hier keine Selbstverständlichkeit.

Ein Funke Hoffnung
Um nochmals zum Anfang zurückzukommen, als «gar nicht so übel» kann man Mexiko mit Blick auf die Realität beim besten Willen nicht bezeichnen. Auch wenn es einem als UrlauberIn leicht gemacht wird, vieles auszublenden. Für den Profit aus dem Tourismus wird viel daran gesetzt, eine schöne Fassade aufrechtzuerhalten. Wenn die Regierung in San Cristóbal eine Kampagne gegen Kinderarbeit macht, geht es eigentlich vor allem darum, StrassenverkäuferInnen aus dem aufgewerteten Zentrum zu vertreiben. Die dahinterliegende Armut soll die Gedanken der BesucherInnen nicht stören. Genau wie die dahinterliegende Gewalt die Weltbank offenbar nicht stört, wenn sie das «grüne» Windenergieprojekt in Oaxaca unterstützt. Bei der Präsentation des Jahresberichtes des Menschenrechtszentrums Frayba in San Cristóbal sagt einer der RednerInnen, dass er Mexiko für ein besetztes Land halte. Besetzt vom Militär, von der Polizei und vom organisierten Verbrechen, die keine Interessen des Volkes vertreten, sondern nur diejenigen des Kapitals. Aber solange es auch nur kleine Türen in der Mauer des Gefängnisses gäbe, so sei die Gefangenschaft doch nicht komplett. Deswegen sei jeder noch so kleine Ausgang, der aus diesem Desaster führe, schützenswert und ein Funke Hoffnung. Gerade auch aktive Solidarität mit denen, die dafür einstehen.

Martin Hesse ist Mitglied der direkten Solidarität mit Chiapas

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