«Dritte Revolution» im Sudan?

Der Sudan wird derzeit von einer Protestwelle erschüttert. Es sind die grössten Demonstrationen seit 20 Jahren. Das alte Regime von al-Baschir kämpft ums Überleben, ob es sich halten kann, oder es wie in Nordafrika zu einem Volkstaufstand kommt, werden die nächsten Wochen zeigen.

Seit Mitte Juni finden in der sudanesischen Hauptstadt tagtäglich Proteste statt. Ausgehend vom Campus der Universität Khartoum haben sich die Proteste unterdessen auf das ganze Land ausgeweitet. Während anfangs vor allem StudentInnen auf die Strassen gingen, haben sich mittlerweile auch «einfache» Menschen den Protesten angeschlossen. Die Sicherheitsorgane reagieren nervös und brutal auf die Demos. Immer wieder wird das Internet und Mobilfunknetz abgestellt, hart gegen Medienschaffende vorgegangen, werden Zeitungen beschlagnahmt und es kommt zu zahlreichen Verhaftungen. Hintergrund des aktuellen sozialen Aufstands sind die massiven Erhöhungen für Lebensmittel und Benzin, welche in den vergangenen Monaten förmlich explodierten. Alleine im Mai betrug die Inflation 31,8 Prozent. Seit sich der Südsudan faktisch im Krieg mit dem Sudan befindet, sind die Öleinnahmen ausgeblieben. Jahrzehnte eines ausufernden Klientelsystems haben den Sudan an den Rand eines Staatsbankrottes getrieben.

Tief gespaltene Opposition

Gemäss verschiedensten Quellen lassen sich die aktuellen Proteste im Sudan nur bedingt mit denjenigen in anderen arabischen Ländern vergleichen. Zwar hat die Jugendbewegung «Girifna» (wir haben genug), welche 2010 als Basisbewegung gegen al-Baschir und seine «National Congress Party» (NCP) gegründet wurde und dessen Sturz fordert, unterdessen durchaus einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung. Trotzdem scheint im Sudan die Kluft zwischen privilegierten StudentInnen aus der Mittel- und Oberschicht und dem «einfachem Volk» noch ausgeprägter zu sein als in anderen arabischen Ländern. Erschwerend kommt hinzu, dass die sudanesische Opposition heillos zerstritten und bei weiten Teilen der Bevölkerung über keinerlei Glaubwürdigkeit verfügt. Der allgemeine Tenor der verschiedenen AnalystInnen ist deshalb eher verhalten, wobei dies auch schon vor Beginn des «arabischen Frühlings» der Fall war. Der Wunsch nach Stabilität und Sicherheit sei bei allen Widrigkeiten im Sudan immer noch weit verbreitet und die Furcht vor einem Regimewechsel entsprechend gross. Zwar hat dieser Widerspruch in den vergangenen Jahren grössere Demonstrationen verhindert, trotzdem gewinnt die Bewegung, welche den Sturz der Regierung fordert, immer mehr an Dynamik. So haben die Proteste in den vergangenen Tagen das erste Mal von den Universitäten auf die Moscheen übergegriffen.

Geld aus Katar und Saudi-Arabien

Unterdessen versucht al-Bashir die Situation zu entschärften. So wurde der sudanesische Pfund abgewertet. Hintergrund dafür ist, dass Millionen von SudanesInnen aus der Diaspora harte Währungen nach Hause schicken und das Regime dadurch versucht, die urbane Bevölkerung zu besänftigen. Und al-Bashir kann auch weiterhin mit finanzieller und ideeller Unterstützung aus den Golfstaaten rechnen. So bekam der Sudan unlängst eine kräftige Finanzspritze aus dem Katar und Saudi-Arabien und es kann davon ausgegangen werden, dass die Golfstaaten ihren islamistischen Verbündeten um jeden Preis halten wollen. Und auch Al-Jazeera hat bis jetzt eher zögerlich über den sozialen Aufstand im Sudan berichtet. Volksaufstände haben im Sudan eine lange Tradition. Bereits 1964 und 1985 führten Massenproteste zum Sturz der damaligen Militärdiktaturen, also lange vor dem «arabischen Frühling», wie der eine oder andere sudanesische Aktivist zu Recht mokiert. Nutzniesser waren letztendlich immer die islamistischen Kräfte. Ob sich im Sudan und anderswo die Geschichte wiederholt, wird die Zukunft zeigen.

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