Afrin: Der Kampf geht weiter!

Nikol Uçar. Nach 58 Tagen erbitterten Widerstand gegen den Angriffskrieg des türkischen Staates, evakuierten die YPG/YPJ die Bevölkerung der Stadt Afrin und erklärten am 18. März, dass der Kampf in einer neuen Phase getreten ist. Ein Gespräch über die aktuelle Lage mit Kerem Schamberger, der sich zurzeit in Rojava befindet.

Am 18. März liess die Türkei verlauten, dass sie Afrin vollständig eingenommen hätten. Doch die demokratische Autonomieverwaltung von Afrin korrigierte gleich bei einer Pressekonferenz in Anwesenheit der Frauen- und Volksverteidigungseinheiten YPJ und YPG: «Afrin ist nicht gefallen! Der Kampf geht in eine neue Phase». Ist es nur Propaganda, um eine Niederlage schön zu reden? Um diese Ereignisse besser zu verstehen, führte der vorwärts am Dienstag, 20. März, ein Interview mit Kerem Schamberger, Kommunikationswissenschaftler und Mitglied der marxistische Linke in München. Im Rahmen seiner Forschung zum Mediensystem Kurdistans befindet er sich zurzeit in Rojava/Nordsyrien und hat daher Informationen aus erster Hand.
Kerem Schamberger sprach mit Mustafa Bali, der Pressesprecher der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Mustafa Bali erklärte, dass mit der neuen Phase ein Guerillakrieg gemeint sei. «Insgesamt muss man natürlich schon von einer gewissen taktischer Niederlage sprechen», sagte Kerem Schamberger an und fügte hinzu: «Im Gegensatz zu allen anderen Konfliktparteien wollten die YPG/YPJ beziehungsweise der SDF nicht, dass die Stadt komplett zerstört wird. Sie wollten, dass für die Zukunft eine Grundlage erhalten bleibt, die es Menschen ermöglichen wird, wieder zurückzukehren. Ausserdem haben die YPG/YPJ in den letzten Tagen ihren Fokus nicht auf den Kampf gelegt, sondern vielmehr auf die Evakuierung der Menschen. Sie haben beispielsweise ihre Fahrzeuge dazu genutzt, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen.»

Kämpferische Atmosphäre
Wie wurde die Nachricht von den Menschen vor Ort aufgenommen? Schamberger: «Die Menschen haben zweigeteilt reagiert. Sie waren zum einen entsetzt und bedrückt. Es ist ein heftiger Schlag gegen die Revolution in Rojava, ein Rückschritt im Kampf für demokratische Rechte nicht nur für KurdInnen sondern für alle Minderheiten, die in dieser Gegend Leben. Aber die zweite Reaktion war: der Kampf geht weiter!». Das betonen die verschiedensten Leute, mit denen Schamberger gesprochen hat. Viele zitieren Salih Müslim, ehemaligen Ko-Vorsitzender der PYD, der schrieb, dass man sich aus einem Kampf zurückziehen könne, dies jedoch nicht bedeute, dass man den Krieg verloren habe. «In Afrin selbst, militärisch und politisch, aber auch in ganz Rojava, ist der Kampf nicht zu Ende und es gibt keinen Grund jetzt zu resignieren. Insgesamt also eine kämpferische Atmosphäre und interessanterweise haben die Menschen ihre Lachen auch nicht verloren.»
Die kurdische Bewegungen zeigt es immer wieder eindrücklich: Leben und Tod, Trauer und Freude liegen nahe beieinander – und die Freude gibt Kraft und Hoffnung. Dies ist ganz besonders am Newroz zu spüren, das Jahrtausende alte Neujahrsfest, das an die Auflehnung des Schmieds Kawa gegen ein despotischen König erinnert und seit Jahrzehnten zum Symbol des politischen Widerstands der KurdInnen geworden ist. Den widrigsten Umstände trotzend, strömen Menschen zu riesen Feiern, wo sich politische Reden mit Konzerte abwechseln, wo viel getanzt und an die Gefallenen erinnert wird. Die Menschen von Afrin konnten dieses Jahr nicht in ihrer Stadt feiern ? dafür stand das Fest überall auf der Welt im Zeichen Afrins.

Die Türkei als Fluchtursache
Fast die gesamte Bevölkerung von Afrin ist geflohen, inklusive die vielen Menschen aus anderen Teilen Syriens, die in den letzten Jahren in der Enklave Zuflucht suchten. «Dieser Safe-Space für Hunderttausende Geflüchtete in Afrin ist vorbei, ist zerstört worden von der türkischen Aggression und den sie unterstützenden Djihadisten», so Schamberger. Mehrere Hunderttausende Menschen mussten letztes Wochenende fliehen. Dazu Schamberger: «Eigentlich ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass die Türkei Geld dafür behält, das sie Menschen vom Flüchten aufhält, aber genau jetzt den Hauptproduzent von Flüchtlingen in der Region ist.» Die meisten flohen in die ?Heba-Region, das ist der jüngste Kanton der demokratischen Föderation Nordsyriens: «Die Situation ist momentan katastrophal. Die Menschen schlafen in Autos oder unter Bäumen, in Moscheen oder Werkstätte.» Die Ärztin Dilge? Kerkûkî, die für dem kurdischen Roten Halbmond arbeitet, bestätigte dies am 22. März gegenüber der Nachrichtenagentur ANF: «Es gibt kein Essen, keine Unterkunft, kein sauberes Wasser und keine Milch für die Kinder. (…) Wir können keine medizinische Versorgung leisten, weil es weder Medikamente noch Material und Gesundheitspersonal gibt. Wo sind die Ärzte ohne Grenzen, die UN, die Weltgesundheitsorganisation? Alle wollten, dass die Zivilbevölkerung aus Efrîn [kurdisch für Afrin] evakuiert wird, aber niemand kümmert sich darum, was jetzt aus den Menschen werden soll.»
ANF berichtet in einem anderen Beitrag, dass die Hilfsmittel, die der Bevölkerung von Afrin aus anderen Kantone geschickt wurden, die Geflüchteten nicht erreichen, da das syrische Regime nur ein kleiner Teil der Hilfsgüter durchlässt. Nicht destotrotz arbeiten die Selbstverwaltungen der Kantone Heba und Afrin auf Hochtouren, um die Menschen so gut wie möglich zu unterstützen. Ey?e Hisên, vom Volksrat der Ortschaft Ehrez sagte zu ANF: «Die Menschen Efrîns werden für eine gewisse Zeit hier bei uns sein. Wir alle müssen gemeinsam den Bewohner*innen von Efrîn zur Seite stehen. (…) Wir sind stolz auf den Widerstand von Efrîn und werden die Stadt niemals dem türkischen Staat überlassen.»ì

Mit europäischen Waffen
Als Verbündete bei der Invasion und Besatzung von Afrin setzt die Türkei auf sogenannte «moderate Rebellen der Freie Syrische Armee (FSA)». Doch schaut man genauer hin, sind diese Rebellen alles anderes als moderat. Schamberger hat die FSA genau analysiert: «Ich sehe die FSA schon in der Gründungzeit sehr kritisch und nicht fortschrittlich, aber jetzt ist es offensichtlich. Es sind vor allem Djihadisten, wie zum Beispiel die Al-Zenki, die 2016 dadurch berühmt wurde, dass sie einem palästinensischen Jungen bei lebendigem Leib den Kopf mit einem stumpfer Messer abgeschnitten hat. Es sind also Verbrechern, die sich das Label FSA aufgeklebt haben. Es sind Berichte zu Folge ganz viele ehemalige IS-Kämpfer, die nach dem Fall von Raqqa in die Türkei geflohen sind, dort aufgenommen wurden und nun unter dem Name FSA sich an die KurdInnen rächen wollen.»
Der türkischen Staat und die Djihadisten haben ein gemeinsames Ziel, das Mustafa Bali Schamberger gegenüber treffend zusammengefasst hat: «Mit Hilfe deutschen Panzer, mit Hilfe europäischen Waffen wird in Afrin ein islamisches Kalifat errichtet». Und Schamberger weist auf Jarabulus, eine Stadt nahe an der türkischen Grenze, die 2016 vom IS kampflos der Türkei überlassen wurde und wo bereits der Unterricht geschlechtergetrennt stattfindet und die Frauen mit schwarzen Tücher ihre Haare, Hände und Gesicht verdecken müssen.

Solidarität ist dringender denn je!
Der Kampf ist also nicht vorbei und deshalb ist unsere Solidarität dringend gefragt. Dazu Schamberger: «Wir können erstmal politischen Druck aufbauen, indem wir auf die Strasse gehen. Sehr wichtig sind auch Aktionen des zivilen Ungehorsams. Wir können in Europa die Rüstungsstätte markieren, von denen den Krieg von Europa nach Afrin getragen wird. Italienische, französische, Schweizer und vor allem auch deutsche Waffen kommen in Afrin in Einsatz. Deshalb müssen wir deutlich machen, dass der Krieg in Europa beginnt.» Wie auf ANF zu lesen ist, haben am 19. März AktivistInnen in Basel den Eingang von Novartis gesperrt: «Schweizer Firmen profitieren direkt vom türkischen Regime und vom regionalen Konflikt. (…) Was in Afrin zurzeit passiert, geht alle etwas an. Wer vom türkischen Regime profitiert, macht sich zum Komplizen. Überall ist Afrin, überall ist Widerstand!»

Zur Stellungnahme der PdAS

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