Wolffs Frauen und Männer beissen zu

fczAm 26. Februar 2015 wurden in Zürich 800 Fussballfans von der Polizei eingekesselt und fichiert. Bedenklich, dass der politische Verantwortliche der massiven Polizeiaktion, AL-Stadtrat Richard Wolff, eine subjektive Sicht zur Wahrheit erklärt und dabei die Fakten ignoriert. So spricht die Zürcher Südkurve das aus, was viele Linke in der Limmatstadt mittlerweile denken.

Am Tag nach dem Zürcher Fussballderby zwischen dem FCZ und GC standen die Schuldigen laut einhelliger Meinung der Berichterstattung fest: Die gewaltbereiten Fussballfans des FC Zürich, die mit Steinen und Flaschen die Polizei angegriffen hatten. Wie immer, wenn es um massive Polizeieinsätze und Übergriffe geht, wird ein wesentlicher Teil der Tatsachen verschwiegen. Nachdem viele Direktbetroffene erzählten, was im Kessel geschah, schreibt die Zürcher Südkurve in ihrer Stellungnahme: «Je länger die Einkesselung dauerte, desto stärker fühlten sich die Fans ungerecht und unmenschlich behandelt: Wer aufs WC musste, wurde von den Polizisten genötigt, an die umliegenden Hauswände zu urinieren. (…) Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt wurden Wasserwerfer eingesetzt, Tränengas und Pfefferspray versprüht sowie mit Gummigeschossen auf Kopfhöhe gezielt. Nach mehreren Stunden wurden sämtliche 800 Fans von der Polizei fichiert. Dabei wurden ihre Personalien aufgenommen und jede Person einzeln fotografiert.» Weiter hält die Südkurve fest: «Absehbar war auch, dass sich die nicht eingekesselten Fans mit den Eingekesselten solidarisieren würden. Dass man auf einen derart unverhältnismässigen und unterschiedslosen Polizeieinsatz mit Gegengewalt reagiert, ist nachvollziehbar – umso mehr, weil auch die Gründe für den Polizeieinsatz rätselhaft sind.» Wie kann man da widersprechen?

Welche Regel, Herr Wolff?

Es gibt wie zwei Realitäten: Eine subjektive, die von den Medien, der Polizei und dem politischen Verantwortlichen Richard Wolff, und jene Realität, die auf Fakten basiert. Die Subjektive wird jetzt auf Biegen und Brechen als Wahrheit verkauft, wie das Interview im Tages-Anzeiger vom 26. Februar mit Richard Wolff beweist. Er gibt zu Protokoll: «Die übermässige Zahl von Böllern und Pyros hat die Polizei zum Handeln gezwungen.» Und: «Die Regeln sind den Fans bekannt.» Welche Regel, Herr Wolff? Steht irgendwo geschrieben, wie viele Pyros und Böller der Polizei genehm sind? Sind es 10? Oder 42 Pyros und 17 Böller? Für die Polizei waren es «zu viele», die Zürcher Südkurve hingegen hält fest, dass es «sich im Rahmen» bewegt hat. Über das «Zuviel» oder «im Rahmen» entschied der Einsatzleiter der Stadtpolizei nach seinem Empfinden und nach seinen Vorstellungen von viel und wenig. Wolff, der selber nicht vor Ort war (kein Vorwurf, aber eine Tatsache), macht diese Wahrnehmung zu seiner Meinung und eben auch zur Regel. Wie weit ist diese Regel noch von der Grenze der Willkür entfernt?

Dass die Regel etwas gar schwammig ist, scheint auch Wolff bewusst zu sein. Er präzisiert: «Fanmärsche werden toleriert, solange die öffentliche Sicherheit und Dritte nicht gefährdet sind. Am Samstag ist dieser Rahmen deutlich überschritten worden.» Über «massiv» und «deutlich überschritten» kann man sich streiten, da es erneut subjektive Wahrnehmungen sind. Abgesehen davon ist an jedem 1. August die öffentliche Sicherheit durch Feuerwerkskörper in viel grösserer Gefahr. Fakt ist, dass der Fanmarsch der FCZ-AnhängerInnen seit Jahren vier Mal jährlich stattfindet. Dabei gab es noch nie Sachschäden! Menschen kamen nur zwei Mal zu Schaden: Vor gut einem Jahr und eben am Samstag, 26. Februar, beide Male durch die Gewalt der Polizei und die Opfer waren friedliche, junge Fussballfans.

Eine glatte Lüge?

Fast unmöglich zu glauben ist die Behauptung der Polizei, der Einsatz sei nicht geplant gewesen. Betroffene berichten einstimmig darüber, dass die nötige Infrastruktur für die ganze Fichierungsaktion kurz nach der Einkesselung zur Verfügung stand. Hinzu kommt, dass der Fanmarsch etwa 500 Meter vor dem Stadion eingekesselt wurde. Konkret: Zehn Minuten später wären alle Fans vor dem Stadion gestanden und der Marsch somit beendet gewesen. So hält die Zürcher Südkurve fest: «Die Taktik der Einkesselung mit anschliessender kollektiver Fichierung scheint eine Spezialität der Stadtpolizei Zürich zu sein, wird sie von ihr doch immer wieder angewandt. Dass diese rechtsstaatlich höchst fragwürdige Praxis auch unter dem neuen Polizeivorstand Richard Wolff fortbesteht, ist vor dessen persönlichen und politischen Hintergrund umso bedenklicher.» Die Südkurve schreibt das, was viele Linke, die Wolff gewählt haben, denken und ihn deshalb nicht mehr wählen werden.

Aus der Printausgabe vom 13. März 2015. Unterstütze uns mit einem Abo

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