100 Jahre Sozialistische Frauenkonferenz

sciopero_generale_04Vor hundert Jahren fand in Bern die Sozialistische Frauenkonferenz statt. Anlässlich des Jubiläums fanden sich FeministInnen am 14. und 15. November in Bern zu den ersten Feministischen Diskussionstagen ein.

Während zwei Tagen wurde ein Blick zurück auf vergangene Kämpfe geworfen, Themen des heutigen feministischen Diskurses aufgegriffen sowie Zukunftsvisionen entworfen.

Zum Jubiläum trafen sich FeministInnen im Hotel Bern, um sich über die feministische Bewegung sowie deren künftige Ausrichtung auszutauschen. Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, brachten sich an der «Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz» Frauen aus acht Ländern, darunter auch Vertreterinnen der verfeindeten Staaten Frankreich und Deutschland, in den Diskurs ein. Der im Jahr 1914 ausgebrochene Stellungskrieg zwang die internationale Sekretärin Clara Zetkin, die Konferenz anders als geplant nicht in Wien, sondern im neutralen Bern durchzuführen. Der Weltkrieg war das bestimmende Thema der dritten Sozialistischen Frauenkonferenz. Das Anti-Krieg-Manifest, das aus der Konferenz hervorging, forderte die Zusammenarbeit der ArbeiterInnen aller Länder gegen den Burgfrieden, welcher die Einbindung von Gewerkschaften und SozialdemokratInnen in die nationale Politik vorsah und angesichts der äusseren Bedrohung innere Konflikte ruhen lassen wollte. Weiter wurden die Auswirkungen des Krieges auf die Lage der Frauen thematisiert, denn Inflation und Unterversorgung verschärfte ihre oft bereits prekäre Situation. Da durch den Krieg Arbeiter wegfielen, übernahmen Frauen Aufgaben, unter anderem auch in der viel kritisierten Rüstungsindustrie. «Wem nützt der Krieg? Nur einer kleinen Minderheit in jeder Nation. Zunächst den Fabrikanten von Flinten und Kanonen, von Panzerplatten und Torpedobooten, den Werftbesitzern und den Lieferanten des Heeresbedarfs. Im Interesse ihres Profits haben sie den Hass unter den Völkern geschürt und so zum Ausbruch des Krieges beigetragen. Der Krieg nützt des Weiteren den Kapitalisten überhaupt» (Manifest der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz, 1915, Bern.)

Kritik an den kapitalistischen Machtverhältnissen

War die internationale Solidarität im Angesicht des aufkommenden Nationalismus das bestimmende Thema der Sozialistischen Frauenkonferenz vor hundert Jahren, so war Kritik an den bestehenden kapitalistischen Machtverhältnissen ein wesentliches Thema der Feministischen Diskussionstage. Durch die heute vorherrschenden neoliberalen Prinzipien rückt der Einfluss struktureller Macht auf die Geschlechterverhältnisse in den Hintergrund und zugleich wird der Individualismus betont. So wachsen Menschen in dem Glauben auf, sie könnten ihre eigene Biographie gänzlich unabhängig gesellschaftlicher Macht schreiben, wenn sie sich denn nur ausreichend anstrengten. Dieses auf Individuen fokussierte Leistungsprinzip steht einer starken sozialen Bewegung im Wege, da strukturelle Probleme durch bestehende gesellschaftliche Machtstrukturen verkannt und als selbstverschuldet angesehen werden. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass bestehende Geschlechterstereotypen und damit einhergehende Ungleichheiten im Zugang zu Ressourcen wie Zeit, Macht oder Geld reproduziert werden bei gleichzeitiger Betonung, es handle sich dabei um komplett freie individuelle Entscheidungen. Simone de Beauvoirs Ausspruch, dass man nicht als Frau geboren ist, sondern es wird, steht im kompletten Gegensatz zur heutig vorherrschenden suggerierten kompletten Autonomie des Individuums von gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Zwängen. So wird Frauen unterstellt, dass sie weniger Lohn verdienen, da sie weniger bezahlte Arbeit leisten, sich in Lohnverhandlungen zu wenig forderten oder in Niedriglohnbranchen arbeiten – niedriger Lohn wird damit der individuellen Entscheidung von Frauen angelastet. Gerne vergessen werden dabei gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Belastungen durch unbezahlte Arbeit, fehlende Betreuungsangebote, Abstrafung bei geschlechterinadäquatem Verhalten etc.

Nach angeregten Diskussionen kristallisierten sich thematische Schwerpunkte für den künftigen Kampf heraus. Einerseits ist Sexismus stark in unserer Gesellschaft verankert, was sich besonders in Werbung oder medialer Berichterstattung zeigt. Damit einhergehend werden Geschlechterrollen reproduziert, welche wiederum als freie individuelle Entscheide missverstanden werden. Diese gilt es zu durchbrechen. Weiter ist die ökonomische Unabhängigkeit aller Geschlechter noch immer eine Vision, welche unter anderem die gleiche Bezahlung der Erwerbsarbeit bzw. der Bezahlung der Reproduktionsarbeit umfasst. Um sich dieser und weiterer Themen anzunehmen, wurde die Gründung eines feministischen Netzwerkes beschlossen sowie die Weiterführung der Feministischen Diskussionstage im halbjährlichen Rhythmus.

 

Aus dem vorwärts vom 15. Januar 2016 Unterstütze uns mit einem Abo!

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