Das Signal zum Aufstand

Gerhard Feldbauer. Vor 100 Jahren übten die Turiner ArbeiterInnen den Aufstand. Er wurde zum Vorspiel der revolutionären Nachkriegskämpfe. Gegen eine drohende Machtergreifung durch die revolutionären Linken entfesselten die FaschistInnen einen barbarischen Terror.

Als am 16. Februar 1917 in Turin die Nachricht von der russischen Februarrevolution eintraf, nahmen die im Gange befindlichen Lohnkämpfe rasch politische Dimensionen an. Auf einer Streikversammlung brachen die ArbeiterInnen spontan in den Ruf aus: «Fare come in Russia!» (Machen wir es wie in Russland!) Es gelang den ReformistInnen zunächst, radikale Aktionen der Antikriegsbewegung zu verhindern. Am 22. August gingen die Demonstrationen gegen die Hungersnot dann in den Generalstreik und in einen Aufstand für die Beendigung des Krieges über. Fünf Tage kämpften die ArbeiterInnen in den Vororten auf den Barrikaden gegen die Übermacht des mit Panzern und Artillerie einrückenden Militärs, welche die isolierte Erhebung im Blut erstickten und zirka 500 ArbeiterInnen umbrachten.

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Memes für den Sozialismus

Astrid Johnson. Mit Memes wirbt die Alt-Right-Bewegung im Internet. Aber es gibt auch einige erfolgreiche Meme-GestalterInnen von links. Mit linken Memes soll Klassenbewusst-sein und sozialistische Propaganda verbreitet werden.

Aufgrund ihres vielfältigen Charakters ist es schwierig, zu definieren, was Memes sind. Die bei Weitem häufigste und beliebteste Art von Meme ist diejenige mit einem lustigen Bild, oftmals zusammen mit einem Text darauf. Memes können eine grosse Reihe von Themen abdecken, sie nehmen zahlreiche kulturelle Insiderwitze auf und reichen vom wunderschön Tiefgründigen bis zum heiter Trivialen.

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«Wir skandierten Friedensparolen»

Berlin 1951: II.Weltfestspielen Blick auf den Marx-Engels-Platz während der grossen Demonstration.

Louise Stebler-Keller, eine Kommunistin aus Basel, beteiligte sich in ihrer Jugend unter anderem an Anschlägen und Sabotageakten auf Nazi-Transporte in Österreich und Tschechien. Im Folgenden gibt sie ihre Erinnerungen an die Weltfestspiele in Budapest (1949), Berlin (1951) und Bukarest (1953) wieder.

Festival Budapest 1949
Nach Kriegsende durften viele Jugendliche, StudentInnen aus den USA mit Schiffen nach Europa reisen, um Europa kennenzulernen. Linke und kommunistische StudentInnen wollten aber 1949 zum Jugendfestival nach Budapest. Das hat die amerikanische Regierung streng verboten. So haben sich 14 Jugendliche heimlich von den Reisegruppen losgelöst und sind klammheimlich in die Schweiz eingereist.

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Humanitär statt antiimperialistisch?

tai. Die russische Regierung versucht bewusst, die Weltfestspiele in Sotschi unpolitisch zu halten. Es geht ihr darum, Russlands Image international aufzubessern, mit freundlicher Unterstützung der russischen Wirtschaft. Neben Banken, Industrie- und Rohstoffunternehmen wird das Festival von drei Rüstungskonzernen gesponsert.

Die Weltfestspiele der Jugend und Studierenden haben eine lange Geschichte. Vor genau siebzig Jahren fanden sich zum ersten Mal die linksgerichtete Jugendliche aus aller Welt in Prag zusammen, um ein internationales Festival gegen Imperialismus und für Frieden durchzuführen.

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Bilder für den Krieg

Klaus Wagener/UZ. Neue Einblicke in die Akten von Pentagon und CIA zeigen, dass die US-Regierung hinter den Kulissen an über 800 grossen Filmen und mehr als 1000 TV-Titeln mitgearbeitet hat.

Muhammad Ali sollte 1967 sagen: «Meine Gewissen lässt mich nicht auf meinen Bruder schiessen. Oder auf einige farbige Menschen, oder auf einige arme hungrige Menschen im Dreck. Für das grosse, mächtige Amerika. Und erschiessen für was? Sie haben mich nie Nigger genannt. Sie haben mich nie gelyncht, sie haben nie ihre Hunde auf mich gehetzt.»
Western-Held John Wayne war da ganz anderer Auffassung. Er fand, «arme Menschen erschiessen» sei doch eine super Sache.

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¡Che vive!

Der 8. Oktober 1967 ist der letzte Tag im Leben des argentinischen Befreiungskämpfers Ernesto Che Guevara. Doch Che lebt. Durch seine konsequente und unbeugsame Haltung begeistert er noch heute gerade auch viele junge Menschen. Mit einer Fotoausstellung, einer Buchpublikation und einer Vortragsreihe mit Aleida Guevara March, Kinderärztin und Tochter des Che, machen die Vereinigung Schweiz-Cuba und Alba Suiza bekannte und weniger bekannte Etappen im Wirken des Revolutionärs Ernesto Che Guevara einem breiten Publikum zugänglich.

Auf einer Reise durch Lateinamerika wurde Ernesto Guevara als junger Medizinstudent aus bürgerlichem Haus mit den sozialen Ungerechtigkeiten seines Kontinents konfrontiert und beschloss, sein Leben fortan in den Dienst des Kampfs für die Befreiung der Völker zu stellen. In Mexiko traf er auf Fidel und Raúl Castro sowie andere Gleichgesinnte. Mit ihnen trat er in Kuba den erfolgreichen Kampf gegen die grausame Batista-Diktatur an. Nach dem Triumph der kubanischen Revolution im Jahr 1959 war Che als Chef der Zentralbank und Industrieminister massgeblich am Aufbau einer neuen Gesellschaft beteiligt. 1965 verliess er Kuba, um den Kampf für Gerechtigkeit über Kuba hinaus in Afrika und Bolivien weiterzuführen. In Bolivien wurde er von der dortigen Armee gefangengenommen und auf Geheiss des CIA am 9. Oktober 1967 ermordet.

¡Che vive! würdigt die Ideen und konkreten Bemühungen des argentinischen Revolutionärs für den Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung in Kuba und generell für eine bessere Welt. In Wort und Bild zeigt die Kampagne Ches grossen, unermüdlichen persönlichen Einsatz – ohne Privilegien und mit friedlichen Mitteln – und setzt damit einen starken Kontrapunkt zur permanenten Verteufelung, mit der ihn die Medien der Mächtigen erneut ermorden wollen.

Veranstaltungskalender

Ausstellungen unveröffentlichter Bilder aus dem Archiv der kubanischen Tageszeitung «Granma»: Che – 1959 bis 1964:

  • Basel, Restaurant Hirscheneck, 11.09. bis 15.10. 2017
  • Bern, Quartierzentrum Breitsch-Träff und Genossenschaft Brasserie Lorraine, 11.09. bis 09.10.2017
  • Biel/Bienne, «Landart», ab 11.09.2017
  • Brig, Alter Werkhof, 11.09. bis 8.10.2017, täglich 16 bis 21 Uhr
  • Fribourg, Café du Tunnel, 18.10. bis 26.11.2017
  • Genève, Hall Uni Mail, Oktober 2017
  • Lugano-Massagno, Cinema Lux, 23.09. bis 31.09.2017
  • St. Gallen, Buchhandlung Comedia, 19.10. bis 04.11.2017
  • Zürich, Photobastei, 14.09. bis 8.10.2017

Vortragsreihe mit Aleida Guevara March:

  • Montag, 18. September: Lausanne, Unil, Auditoire Erna Hamburger, 18 Uhr
  • Dienstag, 19. September: Fribourg, Cinéma Rex, 18 Uhr
  • Mittwoch, 20. September: Bern, Uni Tobler, Saal 022, 19 Uhr
  • Donnerstag, 21. September – Weltfriedenstag: Basel, Offene Elisabethenkirche, 19 Uhr
  • Freitag, 22. September: Zürich, Volkshaus, Grüner Saal, 19.30 Uhr
  • Samstag, 23. September: Lugano-Massagno, Cinema Lux, 17.30 Uhr
  • Dienstag, 26. September: Brig, Alter Werkhof, 20 Uhr

Es laden ein: Vereinigung Schweiz-Cuba, Alba Suiza und die lokalen Veranstalter

Die Mutter Courage der Künste

Hans Peter Gansner. Käthe Kollwitz prägte als engagierte antimilitaristische, antifaschistische und sozialistische Zeichnerin, Lithografin und Bildhauerin die Zeit des Ersten Weltkriegs, die Zwieschenkriegszeit und die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ein Porträt zum 150. Geburtstag.

«Ich kann nicht sterben, bevor ich das Beste aus meinem Talent gemacht habe und bis sich das letzte Korn, das in mich gepflanzt worden ist, sich bis zum letzten Halm entwickelt hat.» (Aus dem Tagebuch)

Wenn Käthe Kollwitz heute vor allem als grafische Künstlerin und wegen ihrer eindrücklichen Skulpturen bekannt ist, die bis ins Letzte das menschliche Elend, die soziale Ungerechtigkeiten und die Trauer der Kriegsopfer ausloten, so beweisen ihre Schriften auch eine Frau mit einer unglaublichen kämpferischen Energie. Nichts entgeht ihrem genauen Blick, und ihr schriftliches Werk ist umso erstaunlicher, als sie dabei nie aufgehört hat, ihre künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten zu vervollkommnen. Sie reflektiert in Texten und Bildern unablässig den Ungeist der Epoche der zwei Weltkriege, die von deutschem Boden ausgingen.

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Der Sklavenhalter-Philosoph

Künstlerische Darstellung von Konfuzius um 1770.

dab. Als weiser, menschlicher Philosoph wird der alte Chinese Konfuzius heute oft angesehen. Dabei war er ein eifriger Verteidiger der feudalen Ständegesellschaft, die durch die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung in China zu seiner Zeit bereits überholt war.

Die «weisen» Sprüche von Konfuzius, die in Hochglanzbändchen und auf Glückwunschkarten verkauft und seit einiger Zeit auf sozialen Medien herumgeboten werden, machten mich schon immer misstrauisch; es sind Selbstverständlichkeiten, die behaupten, bedeutungsschwer zu sein: «Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen.» Oder: «Die eigenen Fehler erkennt man am besten mit den Augen anderer.» Das ist platte Massenware, die viele naive BewunderInnen findet im Zeitalter, in dem Fetzen aus ganzheitlichen Welten wie Zen und Spiritualität herausgerissen und als gut verdauliche und gut verkäufliche Produkte auf den kapitalistischen Markt geworfen werden.

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«Immense Zerstörungen des Kapitalismus»

Joël Depommier. Der bekannte französische Kommunist und Philosoph Alain Badiou spricht über seine «kommunistische Hypothese», über Emanzipationspolitik und Internationalismus.

Der emeritierte Professor Alain Badiou entwickelte in seinen erfolgreichen Büchern «Das Sein und das Ereignis» und «Logiken der Welten» ein umfassendes metaphysisches System. Bekannt wurde er auch mit seinen Essays und Pamphleten wie «Wofür steht der Name Sarkozy?». Der Kommunist und maoistische Aktivist der 68er-Bewegung gab seine Überzeugung nie auf. «So blutig und verlustreich die kommunistischen Versuche waren», schrieb er leidenschaftlich in seinem Buch «Die kommunistische Hypothese», «sie können nicht verglichen werden mit den immensen Zerstörungen, den irreversiblen Massakern, den Verzweiflungen und Erniedrigungen, zu denen der Kapitalismus führt – sie dienen nicht einmal einer Idee, sondern nur dazu, die Beute reicher Gangster weiter zu vermehren und die Mechanik einer nutzlosen Kommerz-Ideologie weiter zu verbreiten».

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Der Planet Bob Dylan

Joan Baez und Bob Dylan im Sommer 1968

Hans Peter Gansner. Nebst einer aktualisierten Gesamtausgabe aller seiner Songtexte und Melodien ist jetzt auch das literarische Werk von Bob Dylan erschienen. Es bietet unter anderem eine zweisprachige Auswahl aus seinen Gedichten von den Anfängen bis 1978. Alle, die glaubten, Robert Zimmermann sei «nur» ein Songwriter, werden Lügen bestraft.

Bob Dylan sei ein Planet, den es zu entdecken gilt, schrieb Tom Waits kürzlich über den Nobelpreisträger. Ein Planet, der jetzt um ein Werk reicher ist: Mitte April ist «Planetenwellen» von Robert Zimmermann alias Bob Dylan (nach dem irischen Dichter Dylan Thomas, den er schon als junger Poet bewunderte) erschienen. Es handelt sich um eine zweisprachige Auswahl an Gedichten, Prosa, Reden und Essays von Bob Dylan im Hoffmann und Campe Verlag – übersetzt und kommentiert von Dylan-Kenner Heinrich Detering. Und es straft all jene Lügen, die nach der Verleihung des Nobelpreises motzten, Dylan sei ja gar kein Dichter, sondern «nur» ein Singer-Songwriter! Denn in seinen frühen Jahren verstand sich Bob Dylan (wie übrigens der kürzlich verstorbene Leonhard Cohen ebenfalls) hauptsächlich als Lyriker. Seinen Schallplatten gab er komplette Gedichtzyklen und lyrische Prosa bei, Langgedichte erschienen in Zeitschriften der Folk- und der Beat-Szene, das Poem «Last Thoughts On Woody Guthrie» rezitierte er im Konzert. Die Lyrik war eine Ideenwerkstatt, sie gab ihm die Möglichkeit zu Selbstkommentaren gegenüber Freund und Feind, sie verband die Poesie seiner Songs mit den literarischen Traditionen Rimbauds, Brechts, der Beat Poets.

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Materialisten gegen Propheten

dab. Überzeugt durch Präzision und Nüchternheit ebenso wie durch Spannung, Leidenschaft und Humor: «Der junge Karl Marx» des haitianischen Regisseurs Raoul Peck, Spielfilm-Koproduktion der Länder Deutschland, Frankreich und Belgien, jetzt in den Kinos zu sehen.

Im dunklen Wald, Licht fällt hoffnungsvoll herein. Aber noch herrscht Dunkelheit vor. Mausarme Menschen sammeln dürre Äste zum Kochen und Heizen vom Boden auf. Doch die preussisch-aristokratischen Gesetze erlauben dies nicht, Häscher auf Pferden sind bereits hörbar, Schrecken in den Gesichtern, versuchte Flucht, fast alle werden massakriert. Bevor das laute und in seiner Grausamkeit nur angedeutete Massaker losgeht, spricht im Off ein ruhig und sachlich gesprochener Text davon, dass das Volk oft eine andere Auffassung über Besitz und Diebstahl habe als die Herrschenden. So startet der Film. Auch mit Action, aber auch mit Reflexion. » Weiterlesen

Berichte aus der jungen Sowjetunion

Manfred Vischer. Nach der Revolution haben unzählige Gruppen aus vielen Ländern die Sowjetunion besucht. Sie standen noch ganz im Banne der Revolution und befürchteten, eine Intervention aus dem Ausland könnte den Aufbau des neuen Staates gefährden. Die Berichte von Reisenden geben Einblick in die Entwicklung des Staates – und in die Rezeption durch die Reisenden. Hier folgen Ausschnitte aus Zeugnissen, die später in Druck erschienen.

Die Solidarität mit der jungen Sowjetunion war uneingeschränkt, und die Reisenden brachten nach der Rückkehr ihre Bewunderung für das schon Erreichte zum Ausdruck. Alle Delegationen waren gut vorbereitet und hatten viele Fragen mitgebracht, auf die sie eine Antwort zu finden hofften. Im Vordergrund standen Fragen nach dem Lebensstandard, nach den Lohn- und Arbeitsverhältnissen, nach dem Rechtssystem, nach den Bürgerrechten, nach der Meinungs- und Religionsfreiheit. Die Reisenden wurden jeweils reichlich mit Zahlen und Statistiken gefüttert. Das Bedürfnis nach direkter Information war gross, wobei jedoch Fragen nach den Repressionen der 30er Jahre in den vorliegenden Berichten keinen Niederschlag fanden, sofern sie überhaupt gestellt wurden. Eine kritische Hinterfragung des Gesehenen und Gehörten, wie sie sich weiter unten im Bericht von André Gide findet, war selten. In den Berichten wurde immer wieder betont, dass die Delegierten auf ihren Reisen volle Bewegungsfreiheit hatten.

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«Den Feind demaskieren»

Hans Peter Gansner. Kurz nachdem der erste grosse biografische Dokumentarfilm über ihn ins Kino gekommen ist mit dem Titel «Der Optimismus des Willens», erscheint Jean Zieglers neues Buch «Der schmale Grat der Hoffnung» jetzt auch auf Deutsch. Reflexionen, interessante Beobachtungen rund um den Erdball und illustre Figuren zeichnen das Werk aus.

Jean Ziegler hat allen Unkenrufen zum Trotz, es gehe ihm gesundheitlich nicht besonders gut, ein äusserst wichtiges neues Buch verfasst. «Der schmale Grat der Hoffnung» heisst der Titel, und es trägt den Untertitel: «Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden.» Gerade jetzt, da der potenzielle Weltbrandstifter Donald Trump die Beiträge der USA an die Uno und natürlich – wen wundert’s – an die in Genf beheimateten Institutionen für Menschenrechte drastisch kürzen will, setzt Ziegler ein deutliches Fanal. Das Opus steht ganz im Zeichen der Maxime des italienischen Marxisten Antonio Gramsci, der in seinen Gefängnisheften schrieb: «Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.»

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Widerstand und Flucht im Fokus des Theaterspektakels

theaterspel.jpgBereits zum 37. Mal findet auf der Landiwiese das Zürcher Theaterspektakel statt. Auch in diesem Jahr glänzt das Programm durch hochpolitische Beiträge und bietet Raum für Reflexion und Auseinandersetzung.

Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert und das zeitgenössische Theater erlaubt einen kritischen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Das spiegelt sich auch im Programm des diesjährigen Zürcher Theaterspektakels.

An vielen Orten sind die Hoffnungen auf Aufbruch, Solidarität und mehr individuelle Freiheiten geplatzt und wieder in weite Ferne gerückt. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Armut, diktatorischen Regimes und religiösem Fundamentalismus. Umso wichtiger ist es den MacherInnen des Theaterspektakels, den Bühnenschaffenden und KünstlerInnen, die mutig ihre Stimme gegen die zunehmend autokratischen und nationalistischen Tendenzen differenziert und selbstbewusst ihre Stimme erheben, eine Plattform zu geben.

Formen des Widerstands

Widerstand in ganz unterschiedlichen Formen ist denn auch einer der thematischen Schwerpunkte in diesem Jahr. So handelt das Stück «Nuit blanche à Ouagadougou» des Faso Danse Théâtre vom offenen Protest gegen ein überaltertes und korruptes Regime in Burkina Faso, das jahrzehntelang die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung ignoriert hat. Ein Aufschrei und eine Abrechnung gegen die Machenschaften von Kirche und Staat ist das Solostück «Acceso» des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain. In seinem Beitrag verkörpert der bekannte Regisseur den Randständigen Sandokan, dessen Leben von Missbrauch und Vergewaltigung geprägt ist.

«Wir wollen essen! Wir wollen scheissen!» ist hingegen im Stück des jungen Autors Rogelio Orizondo Thema, das er mit dem Starregisseur Carlos Diaz und dem Teatro el publico auf die Bühne gebracht hat. Basierend auf Versen des kubanischen Nationaldichters José Marti, thematisiert das Schauspiel die aus Unterdrückung und Revolution gewachsene Lebensrealität der kubanischen Bevölkerung. In halsbrecherisch schnellen Szenenfolgen werden Heldenmythos und Heimatliebe gnadenlos zerlegt. Und gleich in mehreren widerständischen Stücken stehen Frauen im Mittelpunkt: Die Regisseurin Laila Soliman aus Kairo präsentiert etwa mit ihrem Frauenensemble die Theaterperformance «Zig Zig». Das neue Stück der jungen Ägypterin beruht auf Gerichtsprotokollen von 1919: Angeklagt waren britische Soldaten, die ein Bauerndorf in Oberägypten überfielen, die Frauen vergewaltigten und die Häuser niederbrannten. Zwölf Frauen, alle Opfer der Vergewaltigungen, hatten damals den Mut, vor Gericht als Zeuginnen aufzutreten. Im Lichte der aktuellen Situation von Frauen, nicht nur in Ägypten, erhält Solimans historische Aufarbeitung ungeahnte Brisanz. Angesichts dessen, dass Vergewaltigung und Missbrauch immer noch zu oft verschwiegen oder verharmlost werden, stellt sich unweigerlich die Fragen: Wie viel hat sich in diesen hundert Jahren verändert?

Ein weiterer Höhepunkt am diesjährigen Theaterspektakel dürfte der Auftritt der bekannten kurdischen Sängerin Aynur sein, die am 26. August auf der Seebühne spielen wird. Sie tritt inzwischen auf der ganzen Welt auf und ihre Videos werden millionenfach angeklickt. Das ist nicht selbstverständlich, den Aynur singt auf Kurdisch. Und das ist in der heutigen Türkei ein starkes Statement.

Aufbruch und Heimatverlust

Ein weiterer Schwerpunkt bilden in diesem Jahr Geschichten rund um Aufbruch, Flucht und Heimatverlust. Milo Rau zeigt mit «Empire» den Abschluss seiner Europa-Trilogie und widmet sich dabei den Biografien von Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa kamen oder ihre Heimat an den Rändern der Festung Europa haben. Und während im Stück «Clean City» die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte das Land von allem Migrantischen «säubern» will, fragen sich die beiden griechischen Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris: «Wer putzt eigentlich das Land?» In ihrem Dok-Theater berichten fünf Migrantinnen, die in Athen als Putzfrauen arbeiten, was es heisst, in Griechenland sauber zu machen. Und der palästinensische Schauspieler Khalifa Natour eröffnet in seinem Monolog überraschende Blickwinkel auf die aktuelle Flüchtlingskrise. In «I Am Not Ashamed of My Communist Past» machen sich die Theatermacherin Sanja Mitrovic und der Schauspieler Vladimir Aleksic auf die Suche nach den Werten des sozialistischen Jugoslawiens und gehen der Frage nach, was von den damals hochgehalten sozialen Errungenschaften im heutigen Europa noch übriggeblieben ist.

Dies sind nur einige der Höhepunkte in diesem Jahr. Daneben gibt es Gefilde zu entdecken, die alle auf ihre Art atemberaubend sind: Die Choreografin Ingvartsen führt uns in das Reich der Lüste, die Marokkanerin Bouchera Ouziguen macht sich mit vier traditionellen Aïtas auf, den Wahnsinn zu entdecken und der Cirque Inextremiste zeigt, was passiert, wenn einer vom Rollstuhl auf den Bagger umsteigt.

Das 37. Zürcher Theaterspektakel findet vom 18. August bis 4. September statt.

Für Tickets und mehr Infos siehe:

www.theaterspektakel.ch

Am Stammtisch der Rebellen

stammtischJahrzehnte lang lag der 520 Seiten umfassende Roman des Kommunisten Harry Gmür in seinen geheimen Schubladen. Jener Harry Gmür, der äusserlich wenig Typisches von einem Kommunisten vor sich hertrug. Doch der Schein trügte. Geschrieben wurde der Roman in den Fünfzigerjahren. Abgetippt auf der Hermes-Schreibmaschine hat er sein Werk in den Sechzigerjahren. Er musste geahnt haben, dass sich sein Werk sehen lassen konnte. Allein das nötigt heute unsere Bewunderung ab. Seinem Sohn Mario Gmür ist es nun gelungen, den Respekt heischenden dicken Schwarten beim Europa Verlag AG in Zürich heraus zu bringen. Und wir stehen nun vor einem Kosmos, der den Namen Zürich trägt. Der Kosmos zeigt uns die Altstadt, ihre Bars und Kneipen, zum Kosmos gehört auch die Welt der Gewerkschaften, seine Büezer, seine Chefs von damals, ihren Kampf um einen grossen, stadtbekannten Streik.Ein Kosmos ist aber auch das Nuttenmilieu. Und natürlich die Implikationen der Zeit: Kalter Krieg, Hochkonjunktur, Kolonialismus, Antikommunismus. Und die politische Rechtslosigkeit der weiblichen Hälfte der Gesellschaft. Keine Angst: Harry Gmür denkt nicht klischeehaft, keine Angst, seine Beschreibungen sind nie plump, eigentlich immer recht intensiv und sehr differenziert. Er ist weit von der Erzählweise eines groben Klassenkämpfers entfernt, und doch wird der Klassenkampf recht drastisch geschildert, wird ein richtiger Kapitalist geschildert und charakterisiert, der rücksichtslos seinen Egoismus auslebt und zudem immer selbstbezüglicher wird. Die für uns heute seltsam anmutende Verschweigung des Ortes, die eigentliche Ortlosigkeit, hinter welcher unsere Stadt steckt, die Geldwährung Krone, die Nichtbenennung des grossen Streiks gehören auch zu jener Zeit, in dem der Kosmos sich ständig um sich dreht, denn es herrscht auch Angst in dieser Welt, Angst, die Dinge beim Namen zu nennen.

Das Kollektiv der Gewerkschaften und Heldenfiguren

Harry Gmür erzählt dann einfühlend von der grossen Gewerkschaftsversammlung, an der 1200 Arbeiter teilnehmen. Die Meister hatten die Forderungen von 15 Cent mit dem Angebot von 2 Cent beantwortet. Wochenlang hatten sie es abgelehnt, zu einer Verhandlung zu erscheinen. Dann haben sie ihre Delegierten geschickt, mit dem Auftrag, die Begehren der Gewerkschaft schlankweg abzulehnen. Die Versammlung gab das Echo mit Wutgeschrei. Der Streik hatte dann mehrere Wochen gedauert. Die Arbeiterschaft war beinahe ausgelaugt danach. Der Sekretär berichtete, die Verhandlungen, die am Vortag vor dem Schlichtungsamt stattgefunden hätten, seien gescheitert. Nicht einmal ein halbes Glas Bier haben sie als Lohnerhöhung verlangt. Und die Meister hätten erklärt, die Kosten der Lebenshaltung seien seit einiger Zeit nicht mehr gestiegen. Doch nach Ansicht der ArbeiterInnen ist die Stadt grösser geworden, der Arbeitsweg ist länger geworden. Es sei den Malern immer seltener möglich, am Mittag nach Hause zu ihren Frauen zu gehen. Die Ferienentschädigungen seien so knapp, sie würden nie für eine zweite Woche reichen. Wochenlang hätten die Meister es abgelehnt, zu einer Verhandlung zu erscheinen. Sie hätten sich verhalten wie Prinzen gegenüber dem Volk.

Harry Gmür wusste auch, was zu einem grossen Roman gehört: eine Liebesgeschichte, eine dramatische, eine tragische ausserdem. Doris und Alf. Sie waren in Geldnöten. Doris hat sich zeitweise helfen lassen von einem Windhund. Alf, ein junger Mann, der sich als Künstler versuchte, schwieg dazu. Aber als ihm bewusst wurde, was das süsse Mädchen getan hatte, um ihnen beiden aus der Patsche zu helfen, packte er seine Sachen und ging. Das war der jähe Bruch. Das vielleicht erstaunlichste an dem Roman ist die Tatsache, dass hier das Kollektiv der Gewerkschaft erscheint, dass es aber auch eine durchgehende Heldenfigur, sowohl eine männliche wie weibliche gibt, die mit grosser Zartheit und Zärtlichkeit beschrieben werden, die jedoch zeitweise auseinander brechen.

Trinker, Zinker, Stinker und Nutten

Harry Gmür profitierte von seinen fast allabendlichen Forschungsspaziergängen im Stadt-Dschungel, von Bar zu Bar, von Beiz zu Beiz. Die Milieuschilderungen sind farbig, lebendig, teilnahmevoll, ja sogar soziologisch und sozial einsichtig. Was für ein heimliches, lange verschollenes, jetzt wieder erwecktes Meisterwerk! Das Milieu der Trinker, Zinker und Stinker wird mit Anteilnahme gezeichnet. Was die sich einbilden, diese Cadilac-Ziegen! Schau diese schmierige stockblaue Rothaarige an. Sie kann kaum mehr auf den Beinen stehen, und hat eine Gesichtsfarbe – wie frisch gekotzt! Schleimige Kröte. Billige Strassen-Flöte!

Diese obergestopfte, versoffene Drecksau! Ein Pfund musst du schütten, bis dich einer fickt. Ja, ich weiss über dein Schweineleben bescheid. Es stellt sich ein billiger Kampf ein um die Lokale, das eine war zu nobel, das andere zu distinguiert. Die billigen Nutten wurden aussortiert. Ich pfeif auf dich, du trüber Molch. Nimm das zurück, du Lumpentier, schrie eine Nutte. Totschlagen hätte man sie sollen. Walfisch-Bar. Flamingo-Bar. Miranda-Bar. Katakombe. Royal-Bar. Glitzernde Schiessbuden-Mamsell, die tragen ja ein Kilo Messing und einen halben Glaswarenladen herum. Was für eine triste Amüsierbude.

Als am Ende die junge, schöne Doris tot da liegt und von der in Tränenfluten heimgesuchten Pierina wie ein krankes Kind angesprochen wird, die sie mein Schätzchen, mein Häslein, mein Ärmstes und Liebstes nennt und ihr schwört, sie werde ihr himmeltrauriges Leben für immer ändern. Alf findet seine Doris sehr vertraut und doch fremd und fern. Sie liegt verklärt in einer Reinheit, das kam ihm ganz und gar fremd vor.

Am Ende der 520 Seiten kommen nochmals die Gewerkschaften zu Wort. Die AnführerInnen des Streiks danken der Bevölkerung für die Solidarität und für den endlich errungenen Sieg und die überwältigende Begeisterung. Der Kampf sei vorbei, nun gelte es wieder zu arbeiten, loyal und ehrlich auch mit den Meistern. Die gesamte Gewerkschaftsbewegung habe mit tatkräftiger Solidarität zu den Streikenden gehalten.

Am Stammtisch der Rebellen, Europa
Verlag Zürich, ISBN 978-3-906272-24-5

 

Aus dem vorwärts vom 12. Februar 2016 Unterstütze uns mit einem Abo!

Das Vipernnest

image_dazoomingIm soeben erschienenen Buch des vorwärts-Mitarbeiters Hans Peter Gansner wird ein Teil verschwiegener Schweizer Geschichte aus der Versenkung ans Tageslicht gehoben.

Es ist eine knallharte historische Epoche: die Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland. Wichtiges über die Schweizer Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg ist schon bekannt geworden. Sozusagen nichts aber über die SchweizerInnen, die sich unter der Drohung der Todesstrafe, die während Kriegszeiten auf Desertion steht, im antifaschistischen Widerstand engagierten. Frédéric Amsler, Eliteschütze in der Schweizer Armee, der im August 1944 auf der Place-de-Crête in Thonon am Genfersee, vor dem damaligen Nonnenkloster Sacré-Coeur unter dem «nom de guerre» Marc Dujonc, im Kampfe heroisch fiel, war einer von ihnen. In Thonon-les-Bains erinnert eine kleine konische Stele an ihn; auf der Fassade über dem Haupteingang der Mairie steht sein Name an erster Stelle auf der Erinnerungstafel an die Gefallenen der Libération, gefolgt vom Geburts- und Todesdatum sowie dem Herkunftsort in der Schweiz. Im Register des Friedhofs, wo er eine Zeitlang in einem Massengrab beerdigt war, erfährt man noch, dass er Wirtschaftsstudent an der Uni Zürich war. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt. Doch die wenigen Informationen, die der Autor hatte, inspirierten ihn zur Romanfigur des Frédéric Lauber. Die SchweizerInnen, die freiwillig in die französische Résistance eintraten und den Krieg überlebten, wurden nach Kriegsende gemäss Schweizer Kriegsrecht wegen Desertion oder/und wegen Eintritts in fremde Kriegsdienste verfolgt und bestraft. Erst 2011 wurden sie, zusammen mit den freiwilligen SpanienkämpferInnen, amnestiert. Es waren leider nicht mehr viele, welche diese verspätete Anerkennung noch erleben konnten.

Reaktionen auf den Roman

«Der Roman ‹Das Vipernnest› von H. P. Gansner ist ein grossartiger, faszinierender Roman. Der Autor versteht es meisterhaft, die Zeitgeschichte – präzis, kritisch, unbarmherzig, aber auch leuchtend (die Résistance!) – mit Tanners so turbulentem Schicksal, seiner starken, aber auch zerrissenen Persönlichkeit zu verbinden. Ein wahrhaft gelungenes Buch», schrieb Jean Ziegler. Und Helmut Vogel kommentierte: «Der Roman ist ein wichtiger Beitrag zur Schweizer Geschichte. Die Edition Signathur hat den Roman graphisch gut begleitet und die Viper erinnert an ein Hakenkreuz.» Prof. Dr. Karl Pestalozzi, emeritierter Professor für neue deutsche Literatur an der Alma Mater Basiliensis, lobte das Werk mit folgenden Worten: «Mit seinem Buch hat der Autor dank seiner langjährigen Vertrautheit mit Genf und seiner französischen Nachbarschaft eine Wissenslücke in der Deutschschweiz gefüllt. Mit grosser Spannung folgt man der Erzählung und ebenso Gegenwärtiges und Vergangenes, was das Buch davor bewahrt, ausschliesslich ein historischer Roman zu sein.» Und auch Georges Vuillomenet, langjähriges Mitglied der Werkstatt Arbeiterkultur Basel, hielt mit seinem Lob nicht hinter dem Berg: «Der Autor hat mit dem Buch einen Teil verschwiegener CH-Geschichte aus der Versenkung ans Tageslicht gehoben.» Zu hoffen ist, dass dem Autor die verdiente Anerkennung, zumindest in linken Kreisen (die Bürgerlichen foutieren sich um diesen Aspekt der Schweizer Geschichte), zuteil wird.

«Das Vipernnest» von Hans Peter Gansner,
Edition Signathur, ISBN: 3906273024

Die Mauer als Wandzeitung der Revolution

Ramy SchweizIm Rahmen eines ethnologischen Seminars der Universität Luzern zu Politik und sozialen Bewegungen in Nordafrika wurde der Dokfilm «?Art War?» von Marco Wilms gezeigt. Zuvor berichtete der ägyptische Musiker Ramy Essam von seiner Geschichte, der aktuellen Situation und wie er zum Sänger der Revolution wurde.

Neben renommierten Forschenden haben auch zwei spezielle Gäste aus dem Bereich der Kunst am 20. September am Seminar teilgenommen. Zum einen der ägyptische Musiker Ramy Essam, der durch seine Auftritte auf dem Tahrir-Platz in Kairo während der Revolution 2011 berühmt wurde. Essam Ramy sprach in seinem Vortrag über «Musik und politischer Aktivismus in Ägypten». Zum anderen war der deutsche Regisseur Marco Wilms zugegen, dessen preisgekrönte Dokumentation «Art War» gezeigt wurde. Der Film beleuchtet das Aufkommen von Graffitis, Streetart und Musik als Ausdrucksmittel des Protests während und nach der Revolution in Ägypten.

Der Sänger der Revolution

Zu Beginn erzählt Ramy Essam über sich und wie er zum Revolutionär wurde. Während sein grösserer Bruder schon zuvor aktiv war, spielte er mit der Band «Mashakel» Lieder über den Alltag und die Liebe. «Ich hängte rum, ging in Clubs und interessierte mich für nichts», erzählt Ramy. Als es am 25. Januar 2011 in Folge der tunesischen Revolution auch in Ägypten zu ersten Demonstrationen kam und für den 28. Januar der «Tag der Wut» – der Tag der Revolution – ausgerufen wurde, entschloss sich Ramy, wie viele andere auch, nach Kairo zu reisen. Nach zwei Tagen Revolte und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit hunderten Toten lag das Regime von Hosni Mubarak am Boden, die Sicherheitskräfte verschwanden aus dem Alltag, das Militär schlug sich auf die Seite der rebellierenden Strasse und überall auf den Plätzen wurde gefeiert. Ramy blieb, mit seiner Gitarre bewaffnet, auf dem Tahrir und wartete wie ganz Ägypten, dass Hosni Mubarak nach dreissig Jahren Unterdrückung und Diktatur die Macht abgibt. Er spielte in den Zelten mitten auf dem Platz und unterhielt die Anderen mit seiner Musik, nahm die wütenden Parolen der Strasse auf und baute sie in seine Lieder ein.

Doch Hosni wollte nicht gehen. In einer surrealen TV-Ansprache machte Mubarak klar, dass er keineswegs daran denke, zurückzutreten. Entsprechend niedergeschlagen war die Stimmung auf dem Tahrir, denn nun fürchteten alle noch grösseres Blutvergiessen. Ramy Essam begann zu spielen. Es war der 31. Januar, für Ramy ein Wendepunkt in seinem Leben. Sein Lied «erhal» (hau ab) wollten nun alle hören. Er wurde zuerst aufgefordert, im Stehen zu singen, dann, dass er doch auf die Bühne soll. Doch Nagib, heute ein enger Freund von Ramy, liess ihn nicht auf die Bühne. Mit den Worten: «Ja, ja, aber nicht jetzt, nicht jetzt!», wimmelte er ihn immer wieder ab. Spät in der Nacht durfte Ramy dann doch noch auf die Bühne, «aber bloss ein Song» wurde ihm zugeraunt. Als er die Bühne wieder verliess, war der Sänger der Revolution geboren und Ramy musste plötzlich überall spielen. Heute kennt in Ägypten jedes Kind seinen Namen und seine Musik.

Kunst als politische Waffe

Auch der Dokumentarfilm «Art War», widmet sich ganz der revolutionären Strasse. Der Regisseur Marco Wilms, der zwei Jahre für die Arbeit an seiner Doku die meiste Zeit in Kairo lebte, begleitete AktivistInnen der ägyptischen Kunstszene, MusikerInnen und GraffitikünstlerInnen, die mit Spraydosen, Mut und anarchistischen Agitationsformen die Revolution auf den Wänden und im öffentlichen Raum weiterführen. Marco Wilms, der sich immer wieder selbst Mitten in den Sturm begibt, begleitet Ramy Essam, die Electropop-Sängerin Bosaina und die jungen Künstler Ganzeer, Ammar Abo Bakr, Mohamed Khaled, Alaa Awad und Hamed Abdel-Samad.

«Es gibt im Grunde keine erfolgreiche und auch keine gescheiterte Revolutionen. Revolutionen sind Motoren der Geschichte. Und egal ob sie scheitern oder nicht, sie bewegen was, sie verändern was, aber langfristig», meint der ägyptisch-deutsche Schriftsteller und Politologe Hamed Abdel-Samad zu Beginn des Films, der im November 2011 einsteigt. Damals starben hunderte junge RevolutionärInnen beim Aufstand gegen den damals regierenden Militärrat (SCAF). Der Film zeigt eindrücklich auf, wie die jungen AktivistInnen ihre Kunst als politische Waffe und als Ausdruck ihres Protestes einsetzen. Wilms gelang mit seinem Film, die neu entstehenden Subkulturen mit lebendigen Bildern einzufangen und aufzuzeigen, wie Kunst als Mittel der Unterdrückten und als treibende Kraft, die noch lange nicht vollendete Revolution vorantreibt. «Die Mauer ist die Wandzeitung der Revolution, wann immer etwas passiert, übertragen wir es auf die Wand, damit es das Volk sieht» erklärt Ammar. Oder in Ganzeers Worten: «Alternative Propaganda gegen die Propaganda der Regierung». Der Film berichtet über die Geburt des ägyptischen Graffitis, darüber, wie der öffentliche Raum und die Wände zum emanzipatorischen Schauplatz werden, wo mit Spraydosen und Pinseln versucht wird, die Gesellschaft aufzubrechen und wachzurütteln. Mit seinem Film hat Marco Wilms ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen.

Eine neue Generation

Ramy Essam berichtete in Luzern aber auch von drei Jahren Kampf und von schweren Zeiten mit vielen Verlusten. «Es war ein Fehler, dass wir so früh den Tahrir verlassen haben. Das Regime gelang es, sich neu zu sammeln und die fragmentierte und unorganisierte Opposition zu spalten», erklärt Ramy. Er erzählt von der zweiten Besetzung des Tahrirs und wie diese am 9. März 2011 brutal geräumt und er mit zweihundert anderen verhaftet und während sechs Stunden im Keller des ägyptischen Museums brutal gefoltert wurde. Nur knapp überlebte er damals die Folter, brechen konnten sie ihn nicht. Und Ramy schilderte die aktuelle Situation, wie das Militär und die Mainstreammedien derzeit versuchen, die Revolution in einen islamistischen Putsch umzudeuten und wie er mit seiner Musik dagegen ansingt. Und auch über die kommende zweite Welle und dass viele in Ägypten fürchten, dass die Hungernden und Ärmsten der Armen diese Welle sein könnten. Dass dies ohne Zweifel sehr hässlich werden und es nicht um Freiheit gehen wird, die Bewegung aber trotzdem versuchen würde, diesen Aufstand mit allen Mitteln zu unterstützen. Ramy Essam hegt gleichzeitig grosse Hoffnung in die neue Generation, die anders ist. Auf die, die noch zu jung waren für die Revolution und die nun eifersüchtig, neidisch und wütend sind, dass sie kein Teil des Aufstands waren und dass sie sich in keine der Strassenschlachten werfen konnten, «um im Kampf sich selbst zu finden», wie es Hamed Abdel-Samad in «Art War» so treffend formulierte.

 

Mehr Infos zu «Art War» und Ramy Essam:  www.facebook.com/ARTWARmovie
www.ramyessam.net

 

Sócrates: Kämpfer, nicht Fussballer

PIXA-04012008-1163Das ganze Spektakel um die Fussball-WM in Brasilien hat gezeigt, dass der moderne Fussball zu einer Ware mutiert ist, bei der es in erster Linie um Geld und Profit geht. Ein Blick in die Geschichte des brasilianischen Fussballs zeigt aber, dass gerade in diesem populären Sport ein revolutionäres Potential liegt. Das Beispiel von Sócrates und der «corinthianischen Demokratie».

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira (1954 – 2011) – kurz Sócrates – sah sich nicht als Fussballer. Zu seiner Karriere sagte er einmal: «Ich wurde Profi, um mir das Benzin, das Bier, die Uni zu bezahlen. Ich wollte nicht Fussballer, sondern Arzt werden.» Als er seinen ersten Profivertrag für Botafogo aus Rio de Janeiro unterzeichnete, schloss er eine Abmachungen mit den Managern: Keine Trainings, nur Spiele. Denn die Zeit benötigte er, um Medizin zu studieren. Tatsächlich schloss er sein Studium ab und wurde nach Karriereende in São Paulo Kinderarzt. «O Doutor» (der Arzt), wie er genannt wurde, hatte Prinzipien. Er verstand sich nur insofern als Fussballer, als dass er in dieser Position den einfachen Leuten eine Stimme geben konnte. Und so kämpfe er – als Fussballer – gegen das 1964 durch einen Staatsstreich eingeführte Militärregime.

Widerstand im Militärstaat

Die blutigsten Jahre des Militärstaates waren von 1968 bis 1970, denjenigen Jahre, während denen der Staat die repressivsten Instrumente anwandte (Folter, Entführungen, Infiltrationen). All dies wurde aber demagogisch vom Erfolg des brasilianischen Teams an der WM in Mexiko 1970 verschleiert. Das Fussball-Team bildete eine soziale Institution mit grossem Einfluss bei der Bevölkerung. Sócrates sagte Jahre später: «Wenn das Nationalteam von Pelé damals etwas gesagt hätte, sich positioniert hätte, wäre die Geschichte wohl anders ausgegangen.»

Während den 70er Jahren erlebte die brasilianische Wirtschaft einen massiven Rückgang. Der gesellschaftliche Druck stieg, das Militärregime war gezwungen, mit der Repression und der Zensur zurückzufahren. Und so verwandelten sich die Fussballplätze und die Stadien zu einem politischen Laboratorium. Der Fussball wurde einer der wenigen Bereiche des Landes, in dem gewählt wurde, in dem Opposition entstand, in dem ganze Tage damit verbracht wurden, demokratisch über das Schicksal einer beschränkten Anzahl von brasilianischen Menschen zu entscheiden: Die Spieler und die ArbeiterInnen des Sport Club Corinthians Paulista bauten die «corinthianische Demokratie» auf – eine Entwicklung, die aus der heutigen Sicht des modernen Fussballs kaum denkbar ist.

Selbstverwaltung als Kampfinstrument

«Alles, was das Team angeht, wird von heute an gemeinsam und demokratisch entschieden» schlug die Nummer 8 von Corinthians vor: «Ein Mitglied, eine Stimme». Alle entschieden mit, von den wichtigsten Spielern bis zum Lagerist oder dem Masseur des Clubs, und alle hatten die Möglichkeit, sich auszusprechen. Auch der Clubleiter hatte nur eine Stimme. Ihm kam sogar die Aufgabe zu, die getroffenen Entscheidungen dem Präsidenten und dem Verwaltungsrat mitzuteilen. Dieser Mechanismus begann langsam aber sicher alle Bereiche des Clublebens zu bestimmen: Die Spielertransfers, die Clubinvestitionen, die Verteilung der Clubeinnahmen, das Sponsoring, die Löhne, die Siegprämien bis hin zur Abschaffung der Team-Besammlungen am Vortag des Spieles. Dadurch wurde die Verantwortung für das Funktionieren des Clubs und des Fussballteams gleichwertig verteilt. Der von Corinthians eingeschlagene Weg der Selbstverwaltung wurde ein Laboratorium der wiederzuerlangenden Demokratie, ein kollektives Partizipationsmodell und ein politischer Prozess, der zum Vorbild für alle Unterdrückten des brasilianischen Militärregimes wurde – also ein Kampfinstrument, das weit über den Fussballclub hinaus reichte.

Durch den gesellschaftlichen und medialen Impact gelang es der «corinthianischen Demokratie», die Leidenschaft für einen populären Sport und die Notwendigkeit des Kampfes für ein anderes Brasilien zusammenzubringen. Sie wurde gleichzeitig Orientierungspunkt der Protestbewegungen, der gewerkschaftlichen Kämpfe und der Streiks auf den öffentlichen Plätzen sowie der progressiven Kultur des Landes.

Die Flucht

Das Datum des 31. März 1983 steht für die Tatsache, wie sich der Fussball und das Politische bei Sócrates durchkreuzten. Nach dem Staatsstreich von 1964 wurde die direkte Wahl des Präsidenten abgeschafft. Nun sollte ein landesweites Referendum die Wahl des Präsidenten durch die Bevölkerung wieder einführen – also faktisch ein Referendum gegen die Diktatur. Die «corinthianische Demokratie» und Sócrates stellen sich auf den öffentlichen Plätzen auf die Seite der Protestierenden und prägten die Bewegung «Diretas Jà» (direkte Wahlen – sofort). Die politische Unterstützung symbolisierte Sócrates auf dem Feld mit kurzen, gelben Socken – der Farbe der Protestbewegung – über den weissen, langen Stulpen, die vom Reglement vorgesehen sind. Als ihn die Journalisten fragten «organisiert ihr gerade die Revolution?» antwortet er: «Nein, wir stellen nur die Dinge wieder richtig.»

Am 25. April 1984 lehnte es das Parlament ab, die direkte Präsidentenwahl wiederherzustellen. Sócrates hatte angekündigt, das Land zu verlassen, falls die Motion für das Referendum im Parlament nicht durchkomme. Die Worte des Teamführers der brasilianischen Nationalmannschaft reichten aber nicht, um die ParlamentarierInnen zu überzeugen. Und so verliess Sócrates Brasilien in Richtung Italien.

Eine WM für wen?

Sócrates bezeichnete sich weder als Krieger noch als Botschafter des Kampfes, sondern als Brasilianer, der an der Seite anderer Leute kämpfte. Er sprach kaum über Fussball, liebte es aber, sich kollektiv über Politik auseinanderzusetzen. Wenn er dann mal über Fussball redete, implizierten seine Worte auch immer politische Werte: «Der Fussball ist ein kollektiver Sport. Je grösser die kollektive Kraft, die Freundschaft, die gegenseitige Hilfe und die kollektive Verbundenheit, desto grösser sind die Chancen zu gewinnen.»

2007, als Brasilien die Fussball WM 2014 zugewiesen wurde, schrieb «O Doutor» in der brasilianischen Tageszeitung «Folha de S. Paulo»: «Was sie absichtlich ignorieren – und sie wollen, dass wir es auch ignorieren – ist das Potential dieses mit den Füssen gespielten Phänomens: Ein Potential der gesellschaftlichen Transformation. Wenn dieser Aspekt des Fussballs in seiner Deutlichkeit aufblühen würde, würde er problemlos die aktuelle Realität verändern können: Kulturen und Menschen zusammenbringen, ein Bewusstsein bilden, und sogar als Mittel für die Entwicklung und die Gleichheit aller dienen. Die WM für wen? Für diejenigen, die ihre Stimmen erheben werden, für diejenigen, die die Strassen besetzen werden und anstelle des Opiums eines Balles Gesundheit, Bildung und Transport für alle fordern werden. Das, was ich hier schreibe, habe ich schon immer gesagt, mit der geballten Faust, mit dem Lächeln, ohne je einen Schritt rückwärts getan zu haben.»

 

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