Der Sklavenhalter-Philosoph

Künstlerische Darstellung von Konfuzius um 1770.

dab. Als weiser, menschlicher Philosoph wird der alte Chinese Konfuzius heute oft angesehen. Dabei war er ein eifriger Verteidiger der feudalen Ständegesellschaft, die durch die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung in China zu seiner Zeit bereits überholt war.

Die «weisen» Sprüche von Konfuzius, die in Hochglanzbändchen und auf Glückwunschkarten verkauft und seit einiger Zeit auf sozialen Medien herumgeboten werden, machten mich schon immer misstrauisch; es sind Selbstverständlichkeiten, die behaupten, bedeutungsschwer zu sein: «Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen.» Oder: «Die eigenen Fehler erkennt man am besten mit den Augen anderer.» Das ist platte Massenware, die viele naive BewunderInnen findet im Zeitalter, in dem Fetzen aus ganzheitlichen Welten wie Zen und Spiritualität herausgerissen und als gut verdauliche und gut verkäufliche Produkte auf den kapitalistischen Markt geworfen werden.

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«Immense Zerstörungen des Kapitalismus»

Joël Depommier. Der bekannte französische Kommunist und Philosoph Alain Badiou spricht über seine «kommunistische Hypothese», über Emanzipationspolitik und Internationalismus.

Der emeritierte Professor Alain Badiou entwickelte in seinen erfolgreichen Büchern «Das Sein und das Ereignis» und «Logiken der Welten» ein umfassendes metaphysisches System. Bekannt wurde er auch mit seinen Essays und Pamphleten wie «Wofür steht der Name Sarkozy?». Der Kommunist und maoistische Aktivist der 68er-Bewegung gab seine Überzeugung nie auf. «So blutig und verlustreich die kommunistischen Versuche waren», schrieb er leidenschaftlich in seinem Buch «Die kommunistische Hypothese», «sie können nicht verglichen werden mit den immensen Zerstörungen, den irreversiblen Massakern, den Verzweiflungen und Erniedrigungen, zu denen der Kapitalismus führt – sie dienen nicht einmal einer Idee, sondern nur dazu, die Beute reicher Gangster weiter zu vermehren und die Mechanik einer nutzlosen Kommerz-Ideologie weiter zu verbreiten».

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Der Planet Bob Dylan

Joan Baez und Bob Dylan im Sommer 1968

Hans Peter Gansner. Nebst einer aktualisierten Gesamtausgabe aller seiner Songtexte und Melodien ist jetzt auch das literarische Werk von Bob Dylan erschienen. Es bietet unter anderem eine zweisprachige Auswahl aus seinen Gedichten von den Anfängen bis 1978. Alle, die glaubten, Robert Zimmermann sei «nur» ein Songwriter, werden Lügen bestraft.

Bob Dylan sei ein Planet, den es zu entdecken gilt, schrieb Tom Waits kürzlich über den Nobelpreisträger. Ein Planet, der jetzt um ein Werk reicher ist: Mitte April ist «Planetenwellen» von Robert Zimmermann alias Bob Dylan (nach dem irischen Dichter Dylan Thomas, den er schon als junger Poet bewunderte) erschienen. Es handelt sich um eine zweisprachige Auswahl an Gedichten, Prosa, Reden und Essays von Bob Dylan im Hoffmann und Campe Verlag – übersetzt und kommentiert von Dylan-Kenner Heinrich Detering. Und es straft all jene Lügen, die nach der Verleihung des Nobelpreises motzten, Dylan sei ja gar kein Dichter, sondern «nur» ein Singer-Songwriter! Denn in seinen frühen Jahren verstand sich Bob Dylan (wie übrigens der kürzlich verstorbene Leonhard Cohen ebenfalls) hauptsächlich als Lyriker. Seinen Schallplatten gab er komplette Gedichtzyklen und lyrische Prosa bei, Langgedichte erschienen in Zeitschriften der Folk- und der Beat-Szene, das Poem «Last Thoughts On Woody Guthrie» rezitierte er im Konzert. Die Lyrik war eine Ideenwerkstatt, sie gab ihm die Möglichkeit zu Selbstkommentaren gegenüber Freund und Feind, sie verband die Poesie seiner Songs mit den literarischen Traditionen Rimbauds, Brechts, der Beat Poets.

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Materialisten gegen Propheten

dab. Überzeugt durch Präzision und Nüchternheit ebenso wie durch Spannung, Leidenschaft und Humor: «Der junge Karl Marx» des haitianischen Regisseurs Raoul Peck, Spielfilm-Koproduktion der Länder Deutschland, Frankreich und Belgien, jetzt in den Kinos zu sehen.

Im dunklen Wald, Licht fällt hoffnungsvoll herein. Aber noch herrscht Dunkelheit vor. Mausarme Menschen sammeln dürre Äste zum Kochen und Heizen vom Boden auf. Doch die preussisch-aristokratischen Gesetze erlauben dies nicht, Häscher auf Pferden sind bereits hörbar, Schrecken in den Gesichtern, versuchte Flucht, fast alle werden massakriert. Bevor das laute und in seiner Grausamkeit nur angedeutete Massaker losgeht, spricht im Off ein ruhig und sachlich gesprochener Text davon, dass das Volk oft eine andere Auffassung über Besitz und Diebstahl habe als die Herrschenden. So startet der Film. Auch mit Action, aber auch mit Reflexion. » Weiterlesen

Berichte aus der jungen Sowjetunion

Manfred Vischer. Nach der Revolution haben unzählige Gruppen aus vielen Ländern die Sowjetunion besucht. Sie standen noch ganz im Banne der Revolution und befürchteten, eine Intervention aus dem Ausland könnte den Aufbau des neuen Staates gefährden. Die Berichte von Reisenden geben Einblick in die Entwicklung des Staates – und in die Rezeption durch die Reisenden. Hier folgen Ausschnitte aus Zeugnissen, die später in Druck erschienen.

Die Solidarität mit der jungen Sowjetunion war uneingeschränkt, und die Reisenden brachten nach der Rückkehr ihre Bewunderung für das schon Erreichte zum Ausdruck. Alle Delegationen waren gut vorbereitet und hatten viele Fragen mitgebracht, auf die sie eine Antwort zu finden hofften. Im Vordergrund standen Fragen nach dem Lebensstandard, nach den Lohn- und Arbeitsverhältnissen, nach dem Rechtssystem, nach den Bürgerrechten, nach der Meinungs- und Religionsfreiheit. Die Reisenden wurden jeweils reichlich mit Zahlen und Statistiken gefüttert. Das Bedürfnis nach direkter Information war gross, wobei jedoch Fragen nach den Repressionen der 30er Jahre in den vorliegenden Berichten keinen Niederschlag fanden, sofern sie überhaupt gestellt wurden. Eine kritische Hinterfragung des Gesehenen und Gehörten, wie sie sich weiter unten im Bericht von André Gide findet, war selten. In den Berichten wurde immer wieder betont, dass die Delegierten auf ihren Reisen volle Bewegungsfreiheit hatten.

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«Den Feind demaskieren»

Hans Peter Gansner. Kurz nachdem der erste grosse biografische Dokumentarfilm über ihn ins Kino gekommen ist mit dem Titel «Der Optimismus des Willens», erscheint Jean Zieglers neues Buch «Der schmale Grat der Hoffnung» jetzt auch auf Deutsch. Reflexionen, interessante Beobachtungen rund um den Erdball und illustre Figuren zeichnen das Werk aus.

Jean Ziegler hat allen Unkenrufen zum Trotz, es gehe ihm gesundheitlich nicht besonders gut, ein äusserst wichtiges neues Buch verfasst. «Der schmale Grat der Hoffnung» heisst der Titel, und es trägt den Untertitel: «Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden.» Gerade jetzt, da der potenzielle Weltbrandstifter Donald Trump die Beiträge der USA an die Uno und natürlich – wen wundert’s – an die in Genf beheimateten Institutionen für Menschenrechte drastisch kürzen will, setzt Ziegler ein deutliches Fanal. Das Opus steht ganz im Zeichen der Maxime des italienischen Marxisten Antonio Gramsci, der in seinen Gefängnisheften schrieb: «Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.»

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Widerstand und Flucht im Fokus des Theaterspektakels

theaterspel.jpgBereits zum 37. Mal findet auf der Landiwiese das Zürcher Theaterspektakel statt. Auch in diesem Jahr glänzt das Programm durch hochpolitische Beiträge und bietet Raum für Reflexion und Auseinandersetzung.

Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert und das zeitgenössische Theater erlaubt einen kritischen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Das spiegelt sich auch im Programm des diesjährigen Zürcher Theaterspektakels.

An vielen Orten sind die Hoffnungen auf Aufbruch, Solidarität und mehr individuelle Freiheiten geplatzt und wieder in weite Ferne gerückt. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Armut, diktatorischen Regimes und religiösem Fundamentalismus. Umso wichtiger ist es den MacherInnen des Theaterspektakels, den Bühnenschaffenden und KünstlerInnen, die mutig ihre Stimme gegen die zunehmend autokratischen und nationalistischen Tendenzen differenziert und selbstbewusst ihre Stimme erheben, eine Plattform zu geben.

Formen des Widerstands

Widerstand in ganz unterschiedlichen Formen ist denn auch einer der thematischen Schwerpunkte in diesem Jahr. So handelt das Stück «Nuit blanche à Ouagadougou» des Faso Danse Théâtre vom offenen Protest gegen ein überaltertes und korruptes Regime in Burkina Faso, das jahrzehntelang die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung ignoriert hat. Ein Aufschrei und eine Abrechnung gegen die Machenschaften von Kirche und Staat ist das Solostück «Acceso» des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain. In seinem Beitrag verkörpert der bekannte Regisseur den Randständigen Sandokan, dessen Leben von Missbrauch und Vergewaltigung geprägt ist.

«Wir wollen essen! Wir wollen scheissen!» ist hingegen im Stück des jungen Autors Rogelio Orizondo Thema, das er mit dem Starregisseur Carlos Diaz und dem Teatro el publico auf die Bühne gebracht hat. Basierend auf Versen des kubanischen Nationaldichters José Marti, thematisiert das Schauspiel die aus Unterdrückung und Revolution gewachsene Lebensrealität der kubanischen Bevölkerung. In halsbrecherisch schnellen Szenenfolgen werden Heldenmythos und Heimatliebe gnadenlos zerlegt. Und gleich in mehreren widerständischen Stücken stehen Frauen im Mittelpunkt: Die Regisseurin Laila Soliman aus Kairo präsentiert etwa mit ihrem Frauenensemble die Theaterperformance «Zig Zig». Das neue Stück der jungen Ägypterin beruht auf Gerichtsprotokollen von 1919: Angeklagt waren britische Soldaten, die ein Bauerndorf in Oberägypten überfielen, die Frauen vergewaltigten und die Häuser niederbrannten. Zwölf Frauen, alle Opfer der Vergewaltigungen, hatten damals den Mut, vor Gericht als Zeuginnen aufzutreten. Im Lichte der aktuellen Situation von Frauen, nicht nur in Ägypten, erhält Solimans historische Aufarbeitung ungeahnte Brisanz. Angesichts dessen, dass Vergewaltigung und Missbrauch immer noch zu oft verschwiegen oder verharmlost werden, stellt sich unweigerlich die Fragen: Wie viel hat sich in diesen hundert Jahren verändert?

Ein weiterer Höhepunkt am diesjährigen Theaterspektakel dürfte der Auftritt der bekannten kurdischen Sängerin Aynur sein, die am 26. August auf der Seebühne spielen wird. Sie tritt inzwischen auf der ganzen Welt auf und ihre Videos werden millionenfach angeklickt. Das ist nicht selbstverständlich, den Aynur singt auf Kurdisch. Und das ist in der heutigen Türkei ein starkes Statement.

Aufbruch und Heimatverlust

Ein weiterer Schwerpunkt bilden in diesem Jahr Geschichten rund um Aufbruch, Flucht und Heimatverlust. Milo Rau zeigt mit «Empire» den Abschluss seiner Europa-Trilogie und widmet sich dabei den Biografien von Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa kamen oder ihre Heimat an den Rändern der Festung Europa haben. Und während im Stück «Clean City» die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte das Land von allem Migrantischen «säubern» will, fragen sich die beiden griechischen Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris: «Wer putzt eigentlich das Land?» In ihrem Dok-Theater berichten fünf Migrantinnen, die in Athen als Putzfrauen arbeiten, was es heisst, in Griechenland sauber zu machen. Und der palästinensische Schauspieler Khalifa Natour eröffnet in seinem Monolog überraschende Blickwinkel auf die aktuelle Flüchtlingskrise. In «I Am Not Ashamed of My Communist Past» machen sich die Theatermacherin Sanja Mitrovic und der Schauspieler Vladimir Aleksic auf die Suche nach den Werten des sozialistischen Jugoslawiens und gehen der Frage nach, was von den damals hochgehalten sozialen Errungenschaften im heutigen Europa noch übriggeblieben ist.

Dies sind nur einige der Höhepunkte in diesem Jahr. Daneben gibt es Gefilde zu entdecken, die alle auf ihre Art atemberaubend sind: Die Choreografin Ingvartsen führt uns in das Reich der Lüste, die Marokkanerin Bouchera Ouziguen macht sich mit vier traditionellen Aïtas auf, den Wahnsinn zu entdecken und der Cirque Inextremiste zeigt, was passiert, wenn einer vom Rollstuhl auf den Bagger umsteigt.

Das 37. Zürcher Theaterspektakel findet vom 18. August bis 4. September statt.

Für Tickets und mehr Infos siehe:

www.theaterspektakel.ch

Am Stammtisch der Rebellen

stammtischJahrzehnte lang lag der 520 Seiten umfassende Roman des Kommunisten Harry Gmür in seinen geheimen Schubladen. Jener Harry Gmür, der äusserlich wenig Typisches von einem Kommunisten vor sich hertrug. Doch der Schein trügte. Geschrieben wurde der Roman in den Fünfzigerjahren. Abgetippt auf der Hermes-Schreibmaschine hat er sein Werk in den Sechzigerjahren. Er musste geahnt haben, dass sich sein Werk sehen lassen konnte. Allein das nötigt heute unsere Bewunderung ab. Seinem Sohn Mario Gmür ist es nun gelungen, den Respekt heischenden dicken Schwarten beim Europa Verlag AG in Zürich heraus zu bringen. Und wir stehen nun vor einem Kosmos, der den Namen Zürich trägt. Der Kosmos zeigt uns die Altstadt, ihre Bars und Kneipen, zum Kosmos gehört auch die Welt der Gewerkschaften, seine Büezer, seine Chefs von damals, ihren Kampf um einen grossen, stadtbekannten Streik.Ein Kosmos ist aber auch das Nuttenmilieu. Und natürlich die Implikationen der Zeit: Kalter Krieg, Hochkonjunktur, Kolonialismus, Antikommunismus. Und die politische Rechtslosigkeit der weiblichen Hälfte der Gesellschaft. Keine Angst: Harry Gmür denkt nicht klischeehaft, keine Angst, seine Beschreibungen sind nie plump, eigentlich immer recht intensiv und sehr differenziert. Er ist weit von der Erzählweise eines groben Klassenkämpfers entfernt, und doch wird der Klassenkampf recht drastisch geschildert, wird ein richtiger Kapitalist geschildert und charakterisiert, der rücksichtslos seinen Egoismus auslebt und zudem immer selbstbezüglicher wird. Die für uns heute seltsam anmutende Verschweigung des Ortes, die eigentliche Ortlosigkeit, hinter welcher unsere Stadt steckt, die Geldwährung Krone, die Nichtbenennung des grossen Streiks gehören auch zu jener Zeit, in dem der Kosmos sich ständig um sich dreht, denn es herrscht auch Angst in dieser Welt, Angst, die Dinge beim Namen zu nennen.

Das Kollektiv der Gewerkschaften und Heldenfiguren

Harry Gmür erzählt dann einfühlend von der grossen Gewerkschaftsversammlung, an der 1200 Arbeiter teilnehmen. Die Meister hatten die Forderungen von 15 Cent mit dem Angebot von 2 Cent beantwortet. Wochenlang hatten sie es abgelehnt, zu einer Verhandlung zu erscheinen. Dann haben sie ihre Delegierten geschickt, mit dem Auftrag, die Begehren der Gewerkschaft schlankweg abzulehnen. Die Versammlung gab das Echo mit Wutgeschrei. Der Streik hatte dann mehrere Wochen gedauert. Die Arbeiterschaft war beinahe ausgelaugt danach. Der Sekretär berichtete, die Verhandlungen, die am Vortag vor dem Schlichtungsamt stattgefunden hätten, seien gescheitert. Nicht einmal ein halbes Glas Bier haben sie als Lohnerhöhung verlangt. Und die Meister hätten erklärt, die Kosten der Lebenshaltung seien seit einiger Zeit nicht mehr gestiegen. Doch nach Ansicht der ArbeiterInnen ist die Stadt grösser geworden, der Arbeitsweg ist länger geworden. Es sei den Malern immer seltener möglich, am Mittag nach Hause zu ihren Frauen zu gehen. Die Ferienentschädigungen seien so knapp, sie würden nie für eine zweite Woche reichen. Wochenlang hätten die Meister es abgelehnt, zu einer Verhandlung zu erscheinen. Sie hätten sich verhalten wie Prinzen gegenüber dem Volk.

Harry Gmür wusste auch, was zu einem grossen Roman gehört: eine Liebesgeschichte, eine dramatische, eine tragische ausserdem. Doris und Alf. Sie waren in Geldnöten. Doris hat sich zeitweise helfen lassen von einem Windhund. Alf, ein junger Mann, der sich als Künstler versuchte, schwieg dazu. Aber als ihm bewusst wurde, was das süsse Mädchen getan hatte, um ihnen beiden aus der Patsche zu helfen, packte er seine Sachen und ging. Das war der jähe Bruch. Das vielleicht erstaunlichste an dem Roman ist die Tatsache, dass hier das Kollektiv der Gewerkschaft erscheint, dass es aber auch eine durchgehende Heldenfigur, sowohl eine männliche wie weibliche gibt, die mit grosser Zartheit und Zärtlichkeit beschrieben werden, die jedoch zeitweise auseinander brechen.

Trinker, Zinker, Stinker und Nutten

Harry Gmür profitierte von seinen fast allabendlichen Forschungsspaziergängen im Stadt-Dschungel, von Bar zu Bar, von Beiz zu Beiz. Die Milieuschilderungen sind farbig, lebendig, teilnahmevoll, ja sogar soziologisch und sozial einsichtig. Was für ein heimliches, lange verschollenes, jetzt wieder erwecktes Meisterwerk! Das Milieu der Trinker, Zinker und Stinker wird mit Anteilnahme gezeichnet. Was die sich einbilden, diese Cadilac-Ziegen! Schau diese schmierige stockblaue Rothaarige an. Sie kann kaum mehr auf den Beinen stehen, und hat eine Gesichtsfarbe – wie frisch gekotzt! Schleimige Kröte. Billige Strassen-Flöte!

Diese obergestopfte, versoffene Drecksau! Ein Pfund musst du schütten, bis dich einer fickt. Ja, ich weiss über dein Schweineleben bescheid. Es stellt sich ein billiger Kampf ein um die Lokale, das eine war zu nobel, das andere zu distinguiert. Die billigen Nutten wurden aussortiert. Ich pfeif auf dich, du trüber Molch. Nimm das zurück, du Lumpentier, schrie eine Nutte. Totschlagen hätte man sie sollen. Walfisch-Bar. Flamingo-Bar. Miranda-Bar. Katakombe. Royal-Bar. Glitzernde Schiessbuden-Mamsell, die tragen ja ein Kilo Messing und einen halben Glaswarenladen herum. Was für eine triste Amüsierbude.

Als am Ende die junge, schöne Doris tot da liegt und von der in Tränenfluten heimgesuchten Pierina wie ein krankes Kind angesprochen wird, die sie mein Schätzchen, mein Häslein, mein Ärmstes und Liebstes nennt und ihr schwört, sie werde ihr himmeltrauriges Leben für immer ändern. Alf findet seine Doris sehr vertraut und doch fremd und fern. Sie liegt verklärt in einer Reinheit, das kam ihm ganz und gar fremd vor.

Am Ende der 520 Seiten kommen nochmals die Gewerkschaften zu Wort. Die AnführerInnen des Streiks danken der Bevölkerung für die Solidarität und für den endlich errungenen Sieg und die überwältigende Begeisterung. Der Kampf sei vorbei, nun gelte es wieder zu arbeiten, loyal und ehrlich auch mit den Meistern. Die gesamte Gewerkschaftsbewegung habe mit tatkräftiger Solidarität zu den Streikenden gehalten.

Am Stammtisch der Rebellen, Europa
Verlag Zürich, ISBN 978-3-906272-24-5

 

Aus dem vorwärts vom 12. Februar 2016 Unterstütze uns mit einem Abo!

Das Vipernnest

image_dazoomingIm soeben erschienenen Buch des vorwärts-Mitarbeiters Hans Peter Gansner wird ein Teil verschwiegener Schweizer Geschichte aus der Versenkung ans Tageslicht gehoben.

Es ist eine knallharte historische Epoche: die Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland. Wichtiges über die Schweizer Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg ist schon bekannt geworden. Sozusagen nichts aber über die SchweizerInnen, die sich unter der Drohung der Todesstrafe, die während Kriegszeiten auf Desertion steht, im antifaschistischen Widerstand engagierten. Frédéric Amsler, Eliteschütze in der Schweizer Armee, der im August 1944 auf der Place-de-Crête in Thonon am Genfersee, vor dem damaligen Nonnenkloster Sacré-Coeur unter dem «nom de guerre» Marc Dujonc, im Kampfe heroisch fiel, war einer von ihnen. In Thonon-les-Bains erinnert eine kleine konische Stele an ihn; auf der Fassade über dem Haupteingang der Mairie steht sein Name an erster Stelle auf der Erinnerungstafel an die Gefallenen der Libération, gefolgt vom Geburts- und Todesdatum sowie dem Herkunftsort in der Schweiz. Im Register des Friedhofs, wo er eine Zeitlang in einem Massengrab beerdigt war, erfährt man noch, dass er Wirtschaftsstudent an der Uni Zürich war. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt. Doch die wenigen Informationen, die der Autor hatte, inspirierten ihn zur Romanfigur des Frédéric Lauber. Die SchweizerInnen, die freiwillig in die französische Résistance eintraten und den Krieg überlebten, wurden nach Kriegsende gemäss Schweizer Kriegsrecht wegen Desertion oder/und wegen Eintritts in fremde Kriegsdienste verfolgt und bestraft. Erst 2011 wurden sie, zusammen mit den freiwilligen SpanienkämpferInnen, amnestiert. Es waren leider nicht mehr viele, welche diese verspätete Anerkennung noch erleben konnten.

Reaktionen auf den Roman

«Der Roman ‹Das Vipernnest› von H. P. Gansner ist ein grossartiger, faszinierender Roman. Der Autor versteht es meisterhaft, die Zeitgeschichte – präzis, kritisch, unbarmherzig, aber auch leuchtend (die Résistance!) – mit Tanners so turbulentem Schicksal, seiner starken, aber auch zerrissenen Persönlichkeit zu verbinden. Ein wahrhaft gelungenes Buch», schrieb Jean Ziegler. Und Helmut Vogel kommentierte: «Der Roman ist ein wichtiger Beitrag zur Schweizer Geschichte. Die Edition Signathur hat den Roman graphisch gut begleitet und die Viper erinnert an ein Hakenkreuz.» Prof. Dr. Karl Pestalozzi, emeritierter Professor für neue deutsche Literatur an der Alma Mater Basiliensis, lobte das Werk mit folgenden Worten: «Mit seinem Buch hat der Autor dank seiner langjährigen Vertrautheit mit Genf und seiner französischen Nachbarschaft eine Wissenslücke in der Deutschschweiz gefüllt. Mit grosser Spannung folgt man der Erzählung und ebenso Gegenwärtiges und Vergangenes, was das Buch davor bewahrt, ausschliesslich ein historischer Roman zu sein.» Und auch Georges Vuillomenet, langjähriges Mitglied der Werkstatt Arbeiterkultur Basel, hielt mit seinem Lob nicht hinter dem Berg: «Der Autor hat mit dem Buch einen Teil verschwiegener CH-Geschichte aus der Versenkung ans Tageslicht gehoben.» Zu hoffen ist, dass dem Autor die verdiente Anerkennung, zumindest in linken Kreisen (die Bürgerlichen foutieren sich um diesen Aspekt der Schweizer Geschichte), zuteil wird.

«Das Vipernnest» von Hans Peter Gansner,
Edition Signathur, ISBN: 3906273024

Die Mauer als Wandzeitung der Revolution

Ramy SchweizIm Rahmen eines ethnologischen Seminars der Universität Luzern zu Politik und sozialen Bewegungen in Nordafrika wurde der Dokfilm «?Art War?» von Marco Wilms gezeigt. Zuvor berichtete der ägyptische Musiker Ramy Essam von seiner Geschichte, der aktuellen Situation und wie er zum Sänger der Revolution wurde.

Neben renommierten Forschenden haben auch zwei spezielle Gäste aus dem Bereich der Kunst am 20. September am Seminar teilgenommen. Zum einen der ägyptische Musiker Ramy Essam, der durch seine Auftritte auf dem Tahrir-Platz in Kairo während der Revolution 2011 berühmt wurde. Essam Ramy sprach in seinem Vortrag über «Musik und politischer Aktivismus in Ägypten». Zum anderen war der deutsche Regisseur Marco Wilms zugegen, dessen preisgekrönte Dokumentation «Art War» gezeigt wurde. Der Film beleuchtet das Aufkommen von Graffitis, Streetart und Musik als Ausdrucksmittel des Protests während und nach der Revolution in Ägypten.

Der Sänger der Revolution

Zu Beginn erzählt Ramy Essam über sich und wie er zum Revolutionär wurde. Während sein grösserer Bruder schon zuvor aktiv war, spielte er mit der Band «Mashakel» Lieder über den Alltag und die Liebe. «Ich hängte rum, ging in Clubs und interessierte mich für nichts», erzählt Ramy. Als es am 25. Januar 2011 in Folge der tunesischen Revolution auch in Ägypten zu ersten Demonstrationen kam und für den 28. Januar der «Tag der Wut» – der Tag der Revolution – ausgerufen wurde, entschloss sich Ramy, wie viele andere auch, nach Kairo zu reisen. Nach zwei Tagen Revolte und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit hunderten Toten lag das Regime von Hosni Mubarak am Boden, die Sicherheitskräfte verschwanden aus dem Alltag, das Militär schlug sich auf die Seite der rebellierenden Strasse und überall auf den Plätzen wurde gefeiert. Ramy blieb, mit seiner Gitarre bewaffnet, auf dem Tahrir und wartete wie ganz Ägypten, dass Hosni Mubarak nach dreissig Jahren Unterdrückung und Diktatur die Macht abgibt. Er spielte in den Zelten mitten auf dem Platz und unterhielt die Anderen mit seiner Musik, nahm die wütenden Parolen der Strasse auf und baute sie in seine Lieder ein.

Doch Hosni wollte nicht gehen. In einer surrealen TV-Ansprache machte Mubarak klar, dass er keineswegs daran denke, zurückzutreten. Entsprechend niedergeschlagen war die Stimmung auf dem Tahrir, denn nun fürchteten alle noch grösseres Blutvergiessen. Ramy Essam begann zu spielen. Es war der 31. Januar, für Ramy ein Wendepunkt in seinem Leben. Sein Lied «erhal» (hau ab) wollten nun alle hören. Er wurde zuerst aufgefordert, im Stehen zu singen, dann, dass er doch auf die Bühne soll. Doch Nagib, heute ein enger Freund von Ramy, liess ihn nicht auf die Bühne. Mit den Worten: «Ja, ja, aber nicht jetzt, nicht jetzt!», wimmelte er ihn immer wieder ab. Spät in der Nacht durfte Ramy dann doch noch auf die Bühne, «aber bloss ein Song» wurde ihm zugeraunt. Als er die Bühne wieder verliess, war der Sänger der Revolution geboren und Ramy musste plötzlich überall spielen. Heute kennt in Ägypten jedes Kind seinen Namen und seine Musik.

Kunst als politische Waffe

Auch der Dokumentarfilm «Art War», widmet sich ganz der revolutionären Strasse. Der Regisseur Marco Wilms, der zwei Jahre für die Arbeit an seiner Doku die meiste Zeit in Kairo lebte, begleitete AktivistInnen der ägyptischen Kunstszene, MusikerInnen und GraffitikünstlerInnen, die mit Spraydosen, Mut und anarchistischen Agitationsformen die Revolution auf den Wänden und im öffentlichen Raum weiterführen. Marco Wilms, der sich immer wieder selbst Mitten in den Sturm begibt, begleitet Ramy Essam, die Electropop-Sängerin Bosaina und die jungen Künstler Ganzeer, Ammar Abo Bakr, Mohamed Khaled, Alaa Awad und Hamed Abdel-Samad.

«Es gibt im Grunde keine erfolgreiche und auch keine gescheiterte Revolutionen. Revolutionen sind Motoren der Geschichte. Und egal ob sie scheitern oder nicht, sie bewegen was, sie verändern was, aber langfristig», meint der ägyptisch-deutsche Schriftsteller und Politologe Hamed Abdel-Samad zu Beginn des Films, der im November 2011 einsteigt. Damals starben hunderte junge RevolutionärInnen beim Aufstand gegen den damals regierenden Militärrat (SCAF). Der Film zeigt eindrücklich auf, wie die jungen AktivistInnen ihre Kunst als politische Waffe und als Ausdruck ihres Protestes einsetzen. Wilms gelang mit seinem Film, die neu entstehenden Subkulturen mit lebendigen Bildern einzufangen und aufzuzeigen, wie Kunst als Mittel der Unterdrückten und als treibende Kraft, die noch lange nicht vollendete Revolution vorantreibt. «Die Mauer ist die Wandzeitung der Revolution, wann immer etwas passiert, übertragen wir es auf die Wand, damit es das Volk sieht» erklärt Ammar. Oder in Ganzeers Worten: «Alternative Propaganda gegen die Propaganda der Regierung». Der Film berichtet über die Geburt des ägyptischen Graffitis, darüber, wie der öffentliche Raum und die Wände zum emanzipatorischen Schauplatz werden, wo mit Spraydosen und Pinseln versucht wird, die Gesellschaft aufzubrechen und wachzurütteln. Mit seinem Film hat Marco Wilms ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen.

Eine neue Generation

Ramy Essam berichtete in Luzern aber auch von drei Jahren Kampf und von schweren Zeiten mit vielen Verlusten. «Es war ein Fehler, dass wir so früh den Tahrir verlassen haben. Das Regime gelang es, sich neu zu sammeln und die fragmentierte und unorganisierte Opposition zu spalten», erklärt Ramy. Er erzählt von der zweiten Besetzung des Tahrirs und wie diese am 9. März 2011 brutal geräumt und er mit zweihundert anderen verhaftet und während sechs Stunden im Keller des ägyptischen Museums brutal gefoltert wurde. Nur knapp überlebte er damals die Folter, brechen konnten sie ihn nicht. Und Ramy schilderte die aktuelle Situation, wie das Militär und die Mainstreammedien derzeit versuchen, die Revolution in einen islamistischen Putsch umzudeuten und wie er mit seiner Musik dagegen ansingt. Und auch über die kommende zweite Welle und dass viele in Ägypten fürchten, dass die Hungernden und Ärmsten der Armen diese Welle sein könnten. Dass dies ohne Zweifel sehr hässlich werden und es nicht um Freiheit gehen wird, die Bewegung aber trotzdem versuchen würde, diesen Aufstand mit allen Mitteln zu unterstützen. Ramy Essam hegt gleichzeitig grosse Hoffnung in die neue Generation, die anders ist. Auf die, die noch zu jung waren für die Revolution und die nun eifersüchtig, neidisch und wütend sind, dass sie kein Teil des Aufstands waren und dass sie sich in keine der Strassenschlachten werfen konnten, «um im Kampf sich selbst zu finden», wie es Hamed Abdel-Samad in «Art War» so treffend formulierte.

 

Mehr Infos zu «Art War» und Ramy Essam:  www.facebook.com/ARTWARmovie
www.ramyessam.net

 

Sócrates: Kämpfer, nicht Fussballer

PIXA-04012008-1163Das ganze Spektakel um die Fussball-WM in Brasilien hat gezeigt, dass der moderne Fussball zu einer Ware mutiert ist, bei der es in erster Linie um Geld und Profit geht. Ein Blick in die Geschichte des brasilianischen Fussballs zeigt aber, dass gerade in diesem populären Sport ein revolutionäres Potential liegt. Das Beispiel von Sócrates und der «corinthianischen Demokratie».

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira (1954 – 2011) – kurz Sócrates – sah sich nicht als Fussballer. Zu seiner Karriere sagte er einmal: «Ich wurde Profi, um mir das Benzin, das Bier, die Uni zu bezahlen. Ich wollte nicht Fussballer, sondern Arzt werden.» Als er seinen ersten Profivertrag für Botafogo aus Rio de Janeiro unterzeichnete, schloss er eine Abmachungen mit den Managern: Keine Trainings, nur Spiele. Denn die Zeit benötigte er, um Medizin zu studieren. Tatsächlich schloss er sein Studium ab und wurde nach Karriereende in São Paulo Kinderarzt. «O Doutor» (der Arzt), wie er genannt wurde, hatte Prinzipien. Er verstand sich nur insofern als Fussballer, als dass er in dieser Position den einfachen Leuten eine Stimme geben konnte. Und so kämpfe er – als Fussballer – gegen das 1964 durch einen Staatsstreich eingeführte Militärregime.

Widerstand im Militärstaat

Die blutigsten Jahre des Militärstaates waren von 1968 bis 1970, denjenigen Jahre, während denen der Staat die repressivsten Instrumente anwandte (Folter, Entführungen, Infiltrationen). All dies wurde aber demagogisch vom Erfolg des brasilianischen Teams an der WM in Mexiko 1970 verschleiert. Das Fussball-Team bildete eine soziale Institution mit grossem Einfluss bei der Bevölkerung. Sócrates sagte Jahre später: «Wenn das Nationalteam von Pelé damals etwas gesagt hätte, sich positioniert hätte, wäre die Geschichte wohl anders ausgegangen.»

Während den 70er Jahren erlebte die brasilianische Wirtschaft einen massiven Rückgang. Der gesellschaftliche Druck stieg, das Militärregime war gezwungen, mit der Repression und der Zensur zurückzufahren. Und so verwandelten sich die Fussballplätze und die Stadien zu einem politischen Laboratorium. Der Fussball wurde einer der wenigen Bereiche des Landes, in dem gewählt wurde, in dem Opposition entstand, in dem ganze Tage damit verbracht wurden, demokratisch über das Schicksal einer beschränkten Anzahl von brasilianischen Menschen zu entscheiden: Die Spieler und die ArbeiterInnen des Sport Club Corinthians Paulista bauten die «corinthianische Demokratie» auf – eine Entwicklung, die aus der heutigen Sicht des modernen Fussballs kaum denkbar ist.

Selbstverwaltung als Kampfinstrument

«Alles, was das Team angeht, wird von heute an gemeinsam und demokratisch entschieden» schlug die Nummer 8 von Corinthians vor: «Ein Mitglied, eine Stimme». Alle entschieden mit, von den wichtigsten Spielern bis zum Lagerist oder dem Masseur des Clubs, und alle hatten die Möglichkeit, sich auszusprechen. Auch der Clubleiter hatte nur eine Stimme. Ihm kam sogar die Aufgabe zu, die getroffenen Entscheidungen dem Präsidenten und dem Verwaltungsrat mitzuteilen. Dieser Mechanismus begann langsam aber sicher alle Bereiche des Clublebens zu bestimmen: Die Spielertransfers, die Clubinvestitionen, die Verteilung der Clubeinnahmen, das Sponsoring, die Löhne, die Siegprämien bis hin zur Abschaffung der Team-Besammlungen am Vortag des Spieles. Dadurch wurde die Verantwortung für das Funktionieren des Clubs und des Fussballteams gleichwertig verteilt. Der von Corinthians eingeschlagene Weg der Selbstverwaltung wurde ein Laboratorium der wiederzuerlangenden Demokratie, ein kollektives Partizipationsmodell und ein politischer Prozess, der zum Vorbild für alle Unterdrückten des brasilianischen Militärregimes wurde – also ein Kampfinstrument, das weit über den Fussballclub hinaus reichte.

Durch den gesellschaftlichen und medialen Impact gelang es der «corinthianischen Demokratie», die Leidenschaft für einen populären Sport und die Notwendigkeit des Kampfes für ein anderes Brasilien zusammenzubringen. Sie wurde gleichzeitig Orientierungspunkt der Protestbewegungen, der gewerkschaftlichen Kämpfe und der Streiks auf den öffentlichen Plätzen sowie der progressiven Kultur des Landes.

Die Flucht

Das Datum des 31. März 1983 steht für die Tatsache, wie sich der Fussball und das Politische bei Sócrates durchkreuzten. Nach dem Staatsstreich von 1964 wurde die direkte Wahl des Präsidenten abgeschafft. Nun sollte ein landesweites Referendum die Wahl des Präsidenten durch die Bevölkerung wieder einführen – also faktisch ein Referendum gegen die Diktatur. Die «corinthianische Demokratie» und Sócrates stellen sich auf den öffentlichen Plätzen auf die Seite der Protestierenden und prägten die Bewegung «Diretas Jà» (direkte Wahlen – sofort). Die politische Unterstützung symbolisierte Sócrates auf dem Feld mit kurzen, gelben Socken – der Farbe der Protestbewegung – über den weissen, langen Stulpen, die vom Reglement vorgesehen sind. Als ihn die Journalisten fragten «organisiert ihr gerade die Revolution?» antwortet er: «Nein, wir stellen nur die Dinge wieder richtig.»

Am 25. April 1984 lehnte es das Parlament ab, die direkte Präsidentenwahl wiederherzustellen. Sócrates hatte angekündigt, das Land zu verlassen, falls die Motion für das Referendum im Parlament nicht durchkomme. Die Worte des Teamführers der brasilianischen Nationalmannschaft reichten aber nicht, um die ParlamentarierInnen zu überzeugen. Und so verliess Sócrates Brasilien in Richtung Italien.

Eine WM für wen?

Sócrates bezeichnete sich weder als Krieger noch als Botschafter des Kampfes, sondern als Brasilianer, der an der Seite anderer Leute kämpfte. Er sprach kaum über Fussball, liebte es aber, sich kollektiv über Politik auseinanderzusetzen. Wenn er dann mal über Fussball redete, implizierten seine Worte auch immer politische Werte: «Der Fussball ist ein kollektiver Sport. Je grösser die kollektive Kraft, die Freundschaft, die gegenseitige Hilfe und die kollektive Verbundenheit, desto grösser sind die Chancen zu gewinnen.»

2007, als Brasilien die Fussball WM 2014 zugewiesen wurde, schrieb «O Doutor» in der brasilianischen Tageszeitung «Folha de S. Paulo»: «Was sie absichtlich ignorieren – und sie wollen, dass wir es auch ignorieren – ist das Potential dieses mit den Füssen gespielten Phänomens: Ein Potential der gesellschaftlichen Transformation. Wenn dieser Aspekt des Fussballs in seiner Deutlichkeit aufblühen würde, würde er problemlos die aktuelle Realität verändern können: Kulturen und Menschen zusammenbringen, ein Bewusstsein bilden, und sogar als Mittel für die Entwicklung und die Gleichheit aller dienen. Die WM für wen? Für diejenigen, die ihre Stimmen erheben werden, für diejenigen, die die Strassen besetzen werden und anstelle des Opiums eines Balles Gesundheit, Bildung und Transport für alle fordern werden. Das, was ich hier schreibe, habe ich schon immer gesagt, mit der geballten Faust, mit dem Lächeln, ohne je einen Schritt rückwärts getan zu haben.»

 

Im Staate der Eidgenossen

schweizer fahnWir sind beliebt! In Europa. Und dies nach all dem Mist, der im Ausland über uns geschrieben wurde. Dorthin (gemeint ist das Ausland) beträgt die grösste Entfernung 270 Kilo-meter gemessen ab dem geographischen Herzen der Schweiz und das ist bekanntlich die Ällgialp im Kanton Obwalden. Aber von der idyllischen Alp zurück ins Europa des Freien Personenverkehrs. Richtiggehend euphorisch und enthusiastisch wurden wir gefeiert. Sogar im Europaparlament, dem wir gar nicht angehören. Krass, nicht wahr? Eine ganz spezielle Ehrung hat die Eidgenossenschaft vom Abgeordneten Mario Borghezio erhalten: Er stürmte während der Ratsdebatte mit einer Schweizer Fahne in die Mitte des Plenarsaals. Dort schwenkte er voller Begeisterung das rote Stofftuch mit dem weissen Kreuz drauf. Er unterbrach lautstark den Kommissar mit Zwischenrufen wie «Freie Schweiz» oder «Stopp der europäischen Diktatur über seine Völker». Mario Borghezio, aus der ehemaligen ArbeiterInnenstadt Turin stammend, gehört der separatistischen Lega Nord an. Im Jahre 1993 musste er wegen Nötigung eines marokkanischen Kindes 750 000 Lire (etwa 380 Euro) Busse bezahlen. Am 19. Oktober 2005 wurde Mario Borghezio zu einer Geldstrafe von 3040 Euro verurteilt, weil er im Jahr 2000 in Turin Zelte von Einwanderern angezündet hatte, die unter einer Brücke schliefen. Und da ist noch ein Radiointerview nach dem Massaker in Norwegen von 2011. Der Freund der Eidgenossen meinte, dass viele Ideen des Attentäters der Anschläge «gut und manche ausgezeichnet» seien. Die Freude und Begeisterung dieses Mannes über das Ja zur SVP-Initiative war so gross, dass er fast in Trance verfiel und aus dem Parlamentssaal verwiesen wurde. Aber kein Problem, -andere gute Freunde traten an seine Stelle. Als so ein Grüner aus Deutschland (immer wieder die) forderte, die Schweiz müsse «in Knien angekrochen kommen», löste er eine massive und emotionale Protestwelle der Kameraden des französischen «Front National» von Le Pen aus. Schön, so charmante, neue Freunde gewonnen zu haben. Danke SVP. Freude herrscht im Lande, juhui. 

Der Zürcher «Tages-Anzeiger» kommentiert den Vorfall im EU-Parlament mit den Worten: «Die falschen Freunde der SVP». Falsch? Was ist daran so falsch? Richtig ist, dass die politischen Vorstösse und Ansichten von Borghezio und seiner Partei oft deckungsgleich mit jenen der SVP sind. Etwas Kenntnis der italienischen Fremdsprache (ausser im Tessin) und ein Blick auf die Homepage der Lega Nord genügen, um es selber nachlesen zu können. Gleiches gilt für die vielen nationalistischen und rassistischen Rechtsaussenparteien aus ganz Europa, die am 9. Februar der SVP gleich zum Sieg gratuliert haben. Es ist nun mal so, dass die politischen FreundInnen gratulieren und nicht die GegnerInnen. Der «Tagi» bezeichnet Borghezio als «Spinner». Wohl kaum aber wegen seinen politischen Überzeugungen, denn sonst müsste der liebe «Tagi» – wenn er kohärent und konsequent bleiben wollte – auch Blocher und die ganze SVP als «Spinner» bezeichnen. 

Tja, aber mit solchen Feststellungen, so richtig und nett sie auch sein mögen, kommen wir keinen Schritt weiter. Und was ist mit der Forderung der Juso, die SP solle wegen der Abstimmung vom 9. Februar vom Bundesrat zurücktreten? Stellen wir uns das Unvorstellbare mal vor und nehmen wir an, die SP würde den Bundesrat verlassen, was wäre dann so viel anders und /oder besser? Was würde sich ändern?

Aber eben, was tun? Eine Patentlösung hat niemand; wie auch? Vielleicht lohnt es sich mal, nach den Ursachen des Rassismus zu fragen. Sich ernsthaft zu fragen. Hilfreich dazu ist möglicherweise, sich wieder mal in Erinnerung zu rufen, dass die Grenzen nicht zwischen In- und AusländerInnen, sprich unter uns sondern zwischen oben und unten verlaufen. Vielleicht, wer weiss, sollten wir mal wegen den Ursachen des Rassismus nach Bern an eine Demo. So als Aktion und nicht als Reaktion auf einen Sieg der RechtspopulistInnen. Aber eben… wir laufen die Gefahr, dass wir selbst im Nachhinein nicht viel schlauer werden. Wir, die 49,7 Prozent, die in Bern demonstriert haben, weil wir verloren haben.

Aus der Printausgabe vom 14.März. Unterstütze uns mit einem Abo! 

Am Rande der Zeit oder Bebels Tod

Hans Peter Gansner. Am 13. August 2013 wird sich das Todesdatum des sozialistischen «?Arbeiterkaisers?» August Bebel zum 100. Male jähren. August Bebel starb in Bad Passugg ob Chur. Die Gedenkvorbereitungen sind jetzt schon in vollem Gange. Ich habe aus diesem Anlass ein Theaterstück geschrieben, das eben als Buch herausgekommen ist, und ich im Folgenden den vorwärts-LeserInnen vorstelle.

Aus dem vorwärts vom 23. Juni. Unterstütze uns mit einem Abo!bebel

Wie lebten am Vorabend des Ersten Weltkriegs Jugendliche in unseren Gegenden? Wie waren die Familien-, Lehr- und Arbeitsbedingungen damals in Graubünden? Was taten die damaligen Arbeiterorganisationen? Diese spannenden historischen Themen stelle ich in meinem neuen Stück «Bebels Tod» lebendig dar und möchte damit die Bündner Vergangenheit anhand eines beinah vergessenen Kapitels Sozialgeschichte wieder zu dramatischem Leben erwecken. Denn in Passugg verstarb am 13. August (!) 1913 der grosse deutsche Arbeiterführer August Bebel, dem man zu seiner Zeit die halb spöttischen, halb respektvollen Übernamen «Arbeiter-Kaiser» und «Roter Kaiser» verlieh, und den man seiner markanten Gesichtszüge wegen mit einem «ehrwürdiger alten Adler» verglich. Nach der längst fälligen Götterdämmerung des Personenkults mit den «grossen Männern» der Geschichte seit dem Ende des 20. Jahrhunderts scheint es endlich angezeigt, diese auch einmal in Gesellschaft der «kleinen Leute» zu zeigen; vielleicht werden sie so ihre Bedeutung von neuem, aber diesmal ganz unpathetisch, als gewöhnliche Menschen wie du und ich nämlich, als Menschen von hier und heute unter Beweis stellen können. Diese «Grossen» bekommen dann sozusagen eine zweite Chance, nachdem man sie mit monströsen Pharaonen-Begräbnissen beerdigt zu haben glaubte. Immerhin wurde August Bebels Beisetzung 1913 in Zürich zum «grössten Begräbnis aller Zeiten in der Stadt Zürich» mit einer halben Million Menschen im Trauerzug. (Siehe den im Buch abgedruckten Essay von Urs Kälin «Das Begräbnis des ‹roten Kaiser›»). Und alle, welche die Gewalt kennen, mit der die Rabiusa, die «Wütende» also, durch ihre enge Schlucht aus dem Schanfigg herunter und hinaus Richtung Churer Rheintal ins Freie drängt, werden das Rollen, Rauschen, Zischen, Gischten, Donnern und Toben dieses einmaligen und bis heute undomestiziert gebliebenen Bergbachs in diesem historischen Drama über den «Shadow Emperor of the German Workers», wie der Historiker W. H. Maehl schrieb, wiedererkennen.

 

Der «Arbeiter-Kaiser» in der Rabiusa-Schlucht

August Bebel gehörte einst zu den bekanntesten deutschen Politikern. Als Gegenspieler Bismarcks und des Kaisers Friedrich Wilhelm II., der in seinem Wahn den Ersten Weltkrieg lostrat, machte er zwar Weltgeschichte, konnte aber ihren fatalen Lauf nicht ändern, obwohl er bis in seinen letzten Lebenstagen in Bad Passugg oben mit ganzer Kraft für die Erhaltung des Weltfriedens kämpfte. Seine Briefe aus Passugg legen ein beredtes Zeugnis ab von einem Menschen, der im eigentlichen Sinne bis zum ultimativen Herzschlag versuchte, das Schlimmste zu verhindern. Dass dem Soldatensohn, der 1840 in extrem ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, einst diese weltgeschichtliche Rolle zukommen würde, hätte ihm wohl niemand an seiner Wiege prophezeit. Diese bestand nämlich aus nichts anderem als einem Haufen aus feuchtem Stroh und befand sich in einer Kasematte der Kaserne von Deutz-Köln, wo sein Vater und wenig später sein Stiefvater förmlich verhungerten. Bebel, später gelernter Drechsler geworden, schloss sich 1860 der Arbeiterbewegung an und wurde einer ihrer begabtesten Redner. Schon 1867 wurde er als Mitbegründer der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei (SPD) in den Deutschen Bundestag gewählt. Wegen der Verfolgung durch die Bismarck‘schen Sozialistengesetze psychisch und physisch geschwächt, weilte er im Alter wegen seines Herzleidens immer häufiger in der Schweiz. Mit seinem Weltbestseller «Die Frau und der Sozialismus» wurde er Multimillionär. Sein Zürcher Freund, der Arzt Ferdinand Simon, begleitete ihn immer öfter zu Kuraufenthalten in verschiedene Kurorte Graubündens, gegen Schluss zunehmend nach Passugg, was dem greisen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte grosse Linderung brachte. Passugg war damals berühmt für die Heilung von Herzleiden, und man hatte bei Bebel Herzrhythmusstörungen festgestellt. Die Schweiz und Passugg war ihm so «eine Art zweiter Heimat geworden», wie er 1912 dem sozial engagierten Dichter des Naturalismus, Gerhart Hauptmann, schrieb. Am 13. August, nach einem knappen Monat Kur, entschlief er 1913 friedlich während seines letzten Kuraufenthaltes. Und ganz bestimmt wird niemand dem Autor des vorliegenden Theaterstücks nun deshalb einen Vorwurf machen, wenn er den Tod dieses bedeutenden Menschen, eines der bedeutendsten des 19. Jahrhunderts, etwas dramatisiert hat, um die Zerrissenheit der Epoche und die Bedrohung, die über ihr lag, dramaturgisch schärfer hervortreten zu lassen.

Bebel warnte früh vor der Kriegsgefahr.?.?.

Einige könnten vielleicht mäkeln, es sei keine besonders gute Reklame für Passugg, dass Bebel dort gestorben sei. Aber man kann doch mit Fug und Recht sagen, dass er weniger lang gelebt hätte, wenn ihn, den Nimmermüden, Immergestressten, sein Freund und Arzt Ferdinand Simon, sein Schwiegersohn, nicht hin und wieder von Zürich, dem internationalen Unruheherd, ins ruhige Passugg hinauf verfrachtet hätte. Leider ist sein Arzt und Schwiegersohn dann noch vor ihm gestorben. Vor den Vätern sterben zu gewissen Zeiten nicht nur die Söhne, sondern vor den Patienten auch die Ärzte. Bis an sein Lebensende hatte August Bebel vor der drohenden Kriegsgefahr gewarnt; er schrieb: «Alsdann wird in Europa der grosse Generalmarsch geschlagen, auf den hin 16 bis 18 Millionen Männer, die Männerblüte der verschiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwerkzeugen, gegeneinander ins Feld rücken. Was wird die Folge sein? Hinter diesem Krieg steht der Massenbankrott, steht das Massenelend, steht die Massenarbeitslosigkeit, die grosse Hungersnot…» Dies schrieb Bebel, visionär, schon im November 1911. Leider vergebens: ein Rufer in der Wüste .?.?.

Das Leben der Bündner Jugend am Vorabend des Ersten Weltkriegs.?.?.

Sicher haben die (damals noch weitgehend) unberührte Landschaft Graubündens und die pralle, lebensvolle Bergwelt um die Rabiusa-Schlucht, nicht zuletzt aber auch die lebenslustig zu Tale hüpfenden, gischtenden, übermütig schäumenden, rauschenden und singenden Fluten der Rabiusa zu August Bebels lebensbejahender Philosophie bis zum Schluss und trotz aller Schatten, die sich über seiner Gesundheit und über der Weltpolitik zusammenbrauten, wesentlich beigetragen. So gesehen wäre er vielleicht ohne die Kur in Passugg und ohne das «Passuggerwasser», (wie man es früher in Anlehnung zum weltweit bekannten «Vichywasser» nannte) noch früher gestorben… (Auch wenn die Rabiusa natürlich zu gewissen Zeiten auch recht «rabiat» sein kann und dann einem Leidenden eventuelle eher wenig Trost bringt…) Die Dialektik dieser dauernd wechselnden Wassermelodie, zwischen Angst und Hoffnung, Wut und Beruhigung, Zorn und Gewissheit changierend, spielt durch die dramaturgische Konzeption des Stücks: Komödie, Farce und Tragödie durchdringen sich, wie im echten Leben eben…! Der allerletzte Brief, der letzte Text von deiner Hand in der mehrbändigen, viel hundertseitigen Gesamtausgabe seiner Schriften (das Gesamtwerk Bebels erscheint im saur-Verlag, München), ein Brief, den er in Bad Passugg geschrieben hat, zeugt noch von ungebrochenem Unternehmungsgeist, beflügelt vom Geist des «Theophil»- und «Helene»-Mineralwassers: der 73-Jährige bereitete in der Tat bis zur letzten Minute Reisen und Kongresse vor.

Bebel war der Vereiniger

Jean Ziegler schreibt zum Stück: «Am Saum der Zeit oder Bebels Tod von H.P. Gansner ist ein Meisterwerk! – Willy Brandt hatte mir vor Jahren Bebels Biografie und fast alle Reden geschenkt. Er trug auch Bebels Uhr. Bebel war der Vereiniger, das lebende Beispiel der kämpfenden Sozialdemokratie. Hätte er 1914 noch gelebt, hätte es keinen ‹Burgfrieden›, keinen Zerfall der Zweiten Internationale und wahrscheinlich (fast sicher) keinen Zweiten Weltkrieg gegeben. Dass H.P.Gansner ihn mit einem so klugen, brillanten Theaterstück ehrt, finde ich hervorragend und für unsere Zeit sehr nützlich.»

«Am Rand der Zeit oder Bebels Tod» von Hans Peter Gansner, Edition SIGNAThUR, Dozwil. Herausgegeben von Bruno Oetterli Hohlenbaum, Buchgestaltung: Belinda Oetterli, mit einem Essay von Dr. Kälin vom Schweizerischen Sozialarchiv, Zürich, 128 Seiten mit diversen zeitgenössischen Abbildungen.
21.00 Franken/16,80 Euro. ISBN 978-3-908141-33-4. 

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Gegen die von oben: Kanton Oberland

Karte_Helvetik_3Im Schloss Thun ist bis Ende Februar die Ausstellung  „Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte“ zu sehen, um deren Thema sich allen voran das Berner Oberland selber lange gedrückt hat. Es geht um einen Teil der eigenen Geschichte, um den des kurzlebigen Kantons Oberland während der Helvetik 1798 bis 1803.

Der Stein des Anstosses für die Ausstellung „Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte“ ist im Kleist-Jahr zu suchen. Im Jahre 2011 gab es eine Serie von Veranstaltungen in Thun, weil der Schriftsteller auf dem Oberen Inseli 1802 und 1803 weilte, um ein einfaches Bauernleben zu führen. Das Inselchen wurde dann auch im Zuge des Jubiläums in Kleist-Inseli umbenannt. Verdutzt stellte man fest, dass im Rahmen der Kleist-Ausstellung im Schlosse zu Thun nicht auf Kleists Verhältnis zur Helvetischen Revolution verzichtet werden konnte, eine Stellwand wurde dieser ambivalenten Liaison gewidmet. Daraus wurde dann mehr.

Nie hat man sich im Kanton Bern an die die Helvetischen Republik gross erinnert, geschweige denn das Jubiläum gefeiert, ausser in den alten, befreiten Teilen davon wie im Kanton Waadt oder im Kanton Aargau, ebenso wenig im Kanton Oberland, der bei der eigenen Bevölkerung nicht gut ankam und dem ein kurzes Dasein beschieden war.

Widerstand gegen Fortschritt

Die Oberländer waren schon immer rückständig. Während der Reformation im 16. Jahrhundert wehrten sie sich und kämpften erfolglos für den Katholizismus, während des Bauernkrieges 1653 unterstützten sie nicht die aufständischen Genossen aus dem Emmental und Entlebuch, sondern kämpften grösstenteils an der Seite der Stadtberner Patrizier gegen sie. Diese Sympathie für die Unterdrücker hatten sie auch 150 Jahre später nicht verloren, als 1798 Napoléon die Untertanenlande und die gemeinen Herrschaften von der Eidgenossenschaft der 13 Orte befreite. Der Kanton Bern, der damals als kleinste Grossmacht Europas galt, oder wahlweise auch der grösste Kleinstaat genannt wurde, wurde in vier Kantone aufgespalten: Waadt, Oberland, Aargau und (Rest-)Bern. Die Kantone wurden von eigenständigen Staaten in Verwaltungsregionen umfunktioniert. Alle waren gleichberechtigt. Andere Kantone wurden zusammengelegt, wie es zum Beispiel für Uri, beide Unterwalden, Zug und Teile von Schwyz geschah, die zum Kanton Waldstätte verschmolzen.

Doch die Oberländer wussten, im Gegensatz zu den Waadtländern und Aargauern, nichts mit dem Geschenk anzufangen. So gesehen ist es auch heute noch evident, wie sie mit einer Art Neid auf den Kanton Jura schauen und jegliche Autonomie- oder Fusionstendenzen des Südjuras, der immer noch zum Kanton Bern gehört, vehement ablehnen.

Thomas Knutti, SVP-Grossrat aus Weissenburg, ist so ein Beispiel. Als es um die teilweise Schliessung, resp. um die Zusammenlegung der Spitäler im Obersimmental und im Saanenland ging, hat er nicht die vielen teuren Privatspitäler für die Oberschicht in und um die Stadt Bern angegriffen, sondern die öffentlichen im Berner Jura, bei denen nicht gespart und zusammengelegt werde.

Dieser Geist, dass die Oberländer immer auf der falschen Seite standen, schimmert auch etwas an der Ausstellung durch. Das Beste sind die Stellwände, welche die Sachverhalte und Widersprüche zum Teil sehr schön aufzeigen. Wenn man die Ausstellung der Reihe nach anschauen will, muss man sich aber zuerst durch die Familienwappen und -namen mit den dazugehörigen Amtszeiten der alten Berner Geschlechter durchkämpfen, die als Schultheissen in Thun eingesetzt worden sind. Man kann sie aber getrost links liegen lassen. Neben ein paar Schriftstücken und Ausstellungsgegenständen gibt es auch noch eine Nachbildung eines Freiheitsbaums zu bewundern, wie sie in der Zeit gestellt wurden. Die Jakobinermütze aus Filz sieht zwar eher etwas billig aus, und trotz der grünen Farbe Wilhelm Tells sahen und sehen die meisten Oberländer darin wohl eher einen Gesslerhut, ohne zu merken, dass die Herren von Bern die fremderen Vögte waren als die Armee der französischen Bürger, welche ihnen z.B. die Pressefreiheit brachten, bis erstere diese wieder erstickten.

Die Segnungen der Helvetischen Revolution kamen wegen deren Kurzlebigkeit nicht über das geduldige Papier hinaus, doch im Oberland wären sie wohl auch noch nicht angekommen. Schulpflicht und demokratische Rechte wurden im ersteren Falle abgelehnt und im letzteren nicht wahrgenommen.

Brot und Spiele

Aber das war nicht überall so. Während das westliche Oberland, allen voran das Simmental, aber auch das Frutigland, das in den Dreissigerjahren eine faschistische Hochburg war und wo noch heute Schwarzenbachs Republikaner-Nachfolgerin, die EDU, sehr stark ist, war das östliche Oberland immer fortschrittlicher. Die Herren von Bern mussten diese Region nach dem Ende des autonomen Kantons sogar entschädigen, indem sie ihnen Brot und Spiele anboten, und auf dem Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee das Unspunnenfest installierten. Dieser Klassenfrieden wurde „Versöhnung zwischen Stadt und Land“ genannt. Doch auch das war nicht lange nötig, nach 1805 gab’s nur noch 1808 eine Ausgabe. Danach war fast hundert Jahre Funkstille, 1814 fand zwar noch ein Aufstand der Oberländer gegen die Stadt statt, aber ein Jahr später, mit dem Wiener Kongress, wurde aus dem Bundesstaat wieder ein Staatenbund, das Ancien Régime war zurück. 1905 wurde das Fest folkloristisch wieder aufgenommen und entleert, zuerst durch Tourismusorganisation, dann durch Trachtengruppe. Heutzutage findet der Anlass alle zwölf Jahre statt, dazwischen ein Unspunnenschwinget. Politik ins Spiel brachte erst wieder die 17 Jahre andauernde Entführung des Unspunnensteins durch die jurassische Jugendorganisation Béliers.

Von all diesen Zusammenhängen ist an der Ausstellung nicht die Rede, aber einen Ausflug ist sie wegen der Fakten trotzdem Wert. Sie beschränkt sich, bis auf die erwähnte Ahnengalerie, auf die Periode von 1798 bis 1803. Die Ausstellung ist wegen des Interesses sogar verlängert worden, eigentlich wäre letztes Jahr Schluss gewesen. Im Museum lohnt sich ansonsten noch die Dauerausstellung über eine historische nachgebaute Porzellanmanufaktur aus Heimberg eine Étage tiefer, und auch auf dem Boden darüber die industriegeschichtliche Relevanz der verkehrstechnischen Erschliessung des Tors zum Oberland durch die Eisenbahn. Doch die Reaktion ist auch dort präsent und der Fortschritt, räumlich von unten nach oben angeordnet, wird etwas getrübt. Der grösste Teil dieses dauerhaften Ausstellungsteils handelt von der Thuner Militärgeschichte und Kadettentradition, die jedes Jahr im närrischen „Fulehung“ und dem damit verbundenen „Ausschiesset“ gipfelt. Als Zwischenstation zu den vier Türmen des Schlosses, welche einen wunderschönen Ausblick auf Stadt, See und Berge bietet, lohnt sich dieser Spiessrutenlauf aber alleweil.

 

Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte

Ausstellung bis 28. Februar 2013, täglich 13–16h, Schlossmuseum Thun, Schlossberg 1, Thun.

Die Helvetische Revolution 1798 brachte die kurzlebige Helvetische Republik hervor, diese wiederum den Kan­ton Oberland, dessen Verwaltungssitz Thun war. 1803 mit der Mediation war alles wieder vorbei, viele Fortschritte wurden rückgän­gig gemacht, und 1815, mit dem Wiener Kongress und der damals eingeleiteten Restauration, kam es abermals zu einem Backlash.

Eintritt frei mit Museumspass/Raiffeisen-Mitgliederkonto, ansonsten Wegzoll…

www.schlossthun.ch/ausstellungen/sonderausstellungen/canton-oberland.html

Von Hollywood nach Pankow

07_eisler_2Der musikszenische Abend zu Hanns Eisler verknüpft Briefmaterial mit Liedern, in dem über die Persönlichkeit Eislers hinaus die Geschichte des 20.Jahrhunderts erfahrbar wird. Ab Mitte Januar im Cabaret Voltaire in Zürich.

Hanns Eisler gilt als Protagonist politisch engagierter Musik im 20. Jahrhundert, als Komponist, der seine sozialistische Position auch in zahlreichen Aufsätzen und Manifesten äusserte. Über den privaten Hanns Eisler war bis vor kurzem wenig bekannt. Nun ist der erste Band seiner Briefe erschienen. Drei weitere Bände mit insgesamt über 1 500 Briefen sind in Vorbereitung und stehen für dieses Projekt als Material erstmals und exklusiv zur Verfügung. Darin lernen wir Eisler von einer ganz anderen Seite kennen: als äusserst spontanen, ebenso liebevollen wie in seinen Depressionen obsessiven Menschen. Vor den Nazis in die USA geflüchtet, schreibt er in Hollywood fast täglich einen Brief an seine Frau Lou, die vorerst in New York geblieben ist. Zurück in Berlin ist es seine spätere Frau Steffy in Wien, die er mit Liebesbriefen umwirbt. Die scharfsinnige Analyse der gesellschaftlichen Zustände findet sich auch in den Briefen, sie ist jedoch in Beziehung gesetzt zur eigenen Befindlichkeit. Die Kluft zwischen den eigenen Idealen und der rauen Wirklichkeit, sei es die der Kulturindustrie Hollywoods oder die der Funktionärskultur der DDR, trieb Eisler immer wieder in eine Verzweiflung, die sich in seinen Briefen ungefiltert mitteilt.

Das Private ist politisch

Eisler war dreimal verheiratet. Seine Frauen haben auf ganz verschiedene Weise sein Werk und sein Leben geprägt. Die erste Frau, Charlotte geboren Demant, war Sängerin und gehörte zum Schönberg-Kreis; musikalisch stand sie ihm am nächsten. Steffy, zwei Jahrzehnte jünger und musikalisch wie politisch hoch sensibel, half ihm durch die letzte Lebensphase. Jedoch die Wichtigkeit von Lou dürfte sich sogar mit der von Brecht und Schönberg messen lassen. Mit Lou war Eisler während des gesamten Exils zusammen. Sie löste die lebenspraktischen Probleme, fungierte als Sekretärin, Managerin; und vor allem war sie seine Diskussionspartnerin.

Im Musiktheater «Von Hollywood nach Pankow werden Briefe von Eisler an seine Frauen in Beziehung gesetzt zu Vertonungen von Liebeslyrik, beginnend mit den Heiratsannoncen aus den «Zeitungsausschnitten», über Brecht-Vertonungen wie «Die Spaziergänge» aus «Kuhle Wampe» («Das Spiel der Geschlechter erneuert sich jedes Frühjahr») bis zu den resignativen späten Liedern nach Heine («Verfehlte Liebe, verfehltes Leben») und Altenberg («Und endlich stirbt die Sehnsucht doch»). Bei einem so gesellschaftskritischen Menschen wie Eisler ist das Private immer auch politisch, und so sind auch seine Liebeslieder alles andere als unpolitisch. Wie in den Liedern durchdringen sich in den Briefen Privates und Politisches und ergeben ein widerspruchsvolles Porträt von Hanns Eisler. Es spiegelt sich in ihnen nicht nur die Persönlichkeit des Komponisten, sondern darüber hinaus die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die er durchlebte.

Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, 8001 Zürich

Prämiere 11.1, 20.00 Uhr
17.1; 18.1; 24.1; 25.1 jeweils 20.00 Uhr
20.1 und 27.1 jeweils 18.00 Uhr
Eintritt: 35.00 / 25.00 Franken
Vorverkauf: Notenpunkt, Froschaugasse 4, 8001 Zürich
Tel. 043 268 06 45; Email: zuerich@noten.ch
Weitere Infos: www.christoph-keller.ch/de/termine.php
 
Musik und Politik: Zur Biographie Hanns Eislers

Der Komponist und Schriftsteller Hanns Eisler (1898–1962) hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts hautnah erlebt, und von ihren grossen Ereignissen war er oft in übler Weise persönlich betroffen. Der «Karl Marx der Musik» hat aber die Unbilden der Welt nicht bloss ertragen, sondern sich mit scharfem Verstand gegen sie zur Wehr gesetzt – und mit seiner Musik.

Es begann damit, dass Eisler bereits als 18jähriger als Soldat in die K. und K.-Armee eingezogen wurde und im 1. Weltkrieg an der italienischen Front dienen musste. Aus dieser Zeit datieren seine ersten erhaltenen Kompositionen; so vertonte er im August 1917 das Klabund-Gedicht «Der müde Soldat», eine Absage an den Krieg, die mit den Worten endet: «Ich will mich unter Blumen schlafen legen und kein Soldat mehr sein.» Nach Kriegsende begann er ein Musikstudium am Neuen Wiener Konservatorium, was er aber bald aufgab zugunsten von Privatstunden bei Arnold Schönberg, der anfangs Jahrhundert das hergebrachte tonale System revolutioniert hatte und deswegen in der konservativen Musikhochburg Wien zum Aussenseiter geworden war.

Gemeinsam mit Bertolt Brecht

Schönberg war von Eislers Begabung so überzeugt, dass er den mittellosen jungen Mann unentgeltlich unterrichtete. Für Eisler waren die vier Jahre Lehrzeit bei Schönberg fundamental. Erst bei ihm habe er überhaupt musikalisches Verständnis und Denken gelernt, bekannte Eisler später, als er sich ästhetisch längst von ihm entfernt hatte. Dank Schönbergs Fürsprache erschien 1924 bei der renommierten «Universal-Edition» (UE) seine 1. Klaviersonate, und 1925 schloss die UE einen Fünfjahresvertrag mit ihm ab.

Doch das Komponieren für eine gebildete Elite befriedigte Eisler nicht. Er war davon überzeugt, dass Musik eine Gemeinschaftskunst ist, und diagnostizierte bei der zeitgenössischen Musik just den Verlust dieser Bindung an eine Gemeinschaft. «Trotz aller technischen Finessen läuft sie leer, denn sie ist ideenlos und gemeinschaftslos. Eine Kunst, die ihre Gemeinschaft verliert, verliert sich selbst», schrieb er 1927 in einem Artikel in der KPD-Zeitung «Die Rote Fahne». Zu dieser Zeit hatte er für sich selber bereits die Konsequenz gezogen und war nach Berlin übergesiedelt, wo er sich er der Arbeiterbewegung anschloss. Statt Klaviersonaten und Kunstlieder schrieb er nun Chöre für Arbeitergesangsvereine und Songs für die Agitproptruppe «Das Rote Sprachrohr». Legendär wurden seine Auftritte mit dem Sänger-Schauspieler Ernst Busch in Kneipen und an politischen Veranstaltungen. 1930 begann die intensive Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, dem er bis zu dessen Tod 1956 eng verbunden blieb. 1930/31 entstanden die Lehrstücke «Die Massnahme» und «Die Mutter» sowie der Film «Kuhle Wampe», für den auch das «Solidaritätslied» (mit Ernst Busch als Sänger) geschrieben wurde – wie das «Einheitsfrontlied»  eines jener Brecht-Eislerschen Lieder, die bis heute populär geblieben sind.

Im Exil in der USA

1933 musste Eisler (wie auch Brecht) wegen des Naziregimes Deutschland verlassen. In den ersten Jahren des Exils war er in vielen Ländern unterwegs – «öfter die Länder als die Schuhe wechselnd», wie es in Brechts Gedicht «An die Nachgeborenen» heisst. Nachdem er bereits 1935 eine Lehrtätigkeit an der «New School for Social Research» in New York ausgeübt hatte, war er von 1938 bis 1942 wiederum an diesem Institut tätig, wobei er wegen abgelaufener Visa zeitweilig nach Mexiko ausweichen musste. Im Zentrum dieser Tätigkeit stand das «Film Music Project», in dem Eisler theoretisch und praktisch Alternativen zur Filmmusik à la Hollywood erarbeitete. Daraus gingen das zusammen mit Adorno verfasste Buch «Komposition für den Film» hervor, sowie die «14 Arten den Regen zu beschreiben» als Musik zum Experimentalfilm «Regen» von Joris Ivens. Nach dem Auslaufen des Filmmusikprojekts blieb Eisler nichts anderes übrig, als sich just jener Filmindustrie von Hollywood anzudienen, deren stupide Musik Objekt seiner Kritik gewesen war. Seine Bemühungen, eine Dozentenstelle zu finden, um der Filmprostitution zu entgehen, blieben erfolglos, und so musste er des Geldes wegen Musik für «idiotische Schinken» (so Eisler) wie den Piratenfilm «The Spanish Main» machen. Dennoch entstanden auch im USA-Exil bedeutende Werke, denn «zur Vertreibung der Langeweile» – wie er selber sagte –  schrieb Eisler viele Lieder auf Gedichte von Brecht, die im «Hollywooder Liederbuch» zusammengefasst sind. Das war damals alles für die Schublade, stösst aber heute auf stets noch wachsendes Interesse, und hat auf jeden Fall die Zeit überdauert.

Gespanntes Verhältnis trotz Nationalhymne der DDR

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs geriet Eisler im Zuge des aufkommenden Kalten Krieges in die Fänge des «Ausschusses für unamerikanische Umtriebe». In den Verhören vor diesem Ausschuss des Repräsentantenhauses wurde er als «Karl Marx der Musik» bezeichnet und schliesslich 1948 des Landes verwiesen. Dies obwohl sich renommierte Künstler wie Charlie Chaplin und Thomas Mann für ihn eingesetzt hatten. So musste er zum zweiten Mal das Land, in dem er gelebt und gewirkt hatte, gezwungenermassen verlassen. Im zerstörten Europa Arbeit zu finden, war nicht einfach. Er war zunächst in Prag und Wien tätig, aber als sich daraus keine längerfristige Perspektive ergab, übersiedelte er 1950 nach Berlin-Pankow. In Berlin übernahm er eine Professur an der Musikhochschule sowie eine Meisterklasse an der Akademie der Künste. Doch trotz dieser prominenten Stellung, und obwohl er 1949 die Nationalhymne für die neugegründete DDR komponierte hatte, war sein Verhältnis zur regierenden SED gespannt. Nicht nur, weil Rückkehrer aus dem westlichen Exil in den vom Stalinismus geprägten sozialistischen Staaten Osteuropas grundsätzlich suspekt waren, sondern auch, weil erhebliche Differenzen ästhetischer Art bestanden. Im Falle Eislers lassen sie sich darauf zurückführen, dass er als Schüler Schönbergs eine Richtung vertrat, die als «formalistisch» bekämpft wurde. Als er das Textbuch zu einer Faust-Oper vorlegte, die statt an Goethe am mittelalterlichen Puppenspiel anknüpfte, warf man ihm vor, das klassische Erbe zu besudeln. Offensichtlich hatte es Eisler in der DDR mit Machthabern zu tun, deren Kulturverständnis höchst spiessbürgerlich war.

Kunst kann versöhnen

Einmal mehr war er vom Regen in die Traufe geraten. Politisch hielt er zwar der DDR bis zu seinem Tod im Jahr 1962 die Treue. Eisler erklärte, er könne sich seinen Platz als Künstler nur in dem Teil Deutschlands vorstellen, wo die Grundlagen des Sozialismus aufgebaut würden. Doch nach der Faust-Debatte zog er sich zeitweilig resigniert nach Wien zurück. Von dort schrieb er an den in Berlin gebliebenen Brecht, er wolle zu Charlie Chaplin, um sich «von den Unbilden der Welt zu erholen durch etwas Gelächter». Und im November 1956, als Sowjettruppen Ungarn besetzt hatten, schrieb er an seine Ex-Frau Lou: «Hohe Kunst kann im guten Sinn versöhnen und unsere Sache anziehend machen, auch dann wenn es die Politiker nicht mehr können». So traute der Komponist, der seine Musik in den Dienst des Sozialismus stellen wollte, am Ende der hohen Kunst mehr zu als der Politik.

Il violino die Cervarolo

cervarolo-violino_cervarolo-1Vor dem Film wird jeweils ein kurzer Überblick zum historischen Kontext und den aktuellen Prozessen gegeben, danach steht Zeit für eine Diskussion mit den Filmemachern zur Verfügung. Für Übersetzung ist gesorgt.

Zum Film

Während des Zweiten Weltkriegs, kurz bevor er selbst an die Front geschickt wird, vertraut Virgilio Rovali, ein Geiger aus dem Appennin bei Reggio Emilia, der Mutter seine wertvolle Geige an. Er ist noch nicht nach Hause zurückgekehrt, als im März 1944 seine und viele andere Familien aus dem kleinen Dorf Cervarolo Opfer eines Massakers durch deutsche Wehrmachtseinheiten und italienische Faschisten während einer grossangelegten Vergeltungsaktion werden. Mit Hilfe der Erinnerungen derer, die als Kinder damals alles mit ansehen mussten und den Überlieferungen seiner Familie, versucht Italo, der Sohn Virgilios, fast siebzig Jahre danach die Verantwortlichen für das Verbrechen zu finden.

Dank seiner unermüdlichen Nachforschungen und den Ermittlungen einer Gruppe von Staatsanwälten wird endlich ein Prozess eröffnet. Die Tragödie des Massakers hat für immer das Leben von Italo und seiner Familie gezeichnet. Seine Erinnerungen leben im Laufe des Prozesses wieder auf, einschliesslich der unglaublichen Geschichte der Geige seines Vaters.

«Il Violino di Cervarolo» beschränkt sich nicht auf Geschichte und Erinnerung; gleichzeitig dokumentiert der Film die Kriegsverbrecher-Prozesse vom vergangenen Jahr in Verona aus der Perspektive der Überlebenden und Angehörigen und gibt diesen eine Stimme.

75 Min., Italien 2012, Italienisch mit deutschen Untertiteln

Freitag, 11. Januar: St. Gallen, Kinok, 19.30 Uhr
Samstag, 12. Januar: Luzern, Sentitreff, 19.30 Uhr
Sonntag, 13. Januar: Zürich, Kino Xenix, 14.30 Uhr

 

Ins «heute» tragen

Der Dokumentarfilm zeigt, wie wichtig heute Erinnerung an vergangene aber nicht vergessene Ereignisse, die nichts von ihrer Aktualität eingebüsst haben, ist. Während des Prozesses von Verona wurden im Juli 2011 sechs Offiziere/Unteroffiziere der Wehrmachtseinheit «Herman Göring» in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen und Entschädigungszahlungen verurteilt. Von diesen sechs sind drei im Oktober 2012 in zweiter Instanz freigesprochen worden. Drei lebenslängliche Strafen sind bestätigt worden, aber trotz dieser Verurteilung erwartet die Täter keine Strafe, da Deutschland ihre Auslieferung verweigert. Ähnlich ist das Kräfteverhältnis bei den zivilrechtlichen Schadenersatzforderungen für Kriegsverbrechen. Von Italien und Griechenland rechtskräftigt zu Entschädigungszahlungen verurteilt, hat Deutschland im Februar 2012 vom internationalen Gerichtshof in Den Haag seine «Staatenimmunität» zugesichert bekommen.

Das beruhigt im Hinblick auf die nächsten Kriege…

Das Urteil von Verona hat darum nur symbolische Ausstrahlung – die Täter sind benannt und die kollektive Erfahrung anerkannt worden, zumindest teilweise. Entschädigungen für die Überlebenden und Angehörigen, die ihr Leben lang unter den Traumatisierungen und materiellen Folgen der Massaker leiden mussten, werden aber genauso unerfüllte Forderungen bleiben, wie die späte Konfrontation und Strafbarkeit der Nazi-Täter.

Um dieser Situation nicht ohnmächtig und untätig entgegen zu stehen, wird «Il Violino di Cervarolo» die Erinnerung an die Vergangenheit ins «heute»  tragen, unter anderem dorthin wo die Täter heute wohnhaft sind.

Weitere Informationen:

http://maipiufascismo.blogsport.de

http://www.istoreco.re.it

«Kein Vergeben, kein Vergessen! Nie wieder Faschismus!»

 «Vogliamo giustizia! La memoria non si cancella! Mai più fascismo!»

Marx ohne Zähne

Michael Heinrichs Bücher über die Kritik der politischen Ökonomie geniessen einen guten Ruf – nicht ganz zu unrecht. Und doch muss man sie mit einigem Vorbehalt lesen: Zu schnell begräbt der Autor darin wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Krise und die Klassenfrage.

Aus der Printaugabe vom 9. November. Unterstütze uns mit einem Abo.

Wo ein neuer Kapital-Lesekreis gegründet wird, hat man heute meist schnell Michael Heinrichs bereits in 10. Auflage erschienene «Kritik der politischen Ökonomie» zur Hand. Tatsächlich ist dem Autoren mit seinem Einführungsbüchlein eine plastische und gut verständliche Einführung in das Werk von Karl Marx gelungen. Mit «Wie das Marxsche Kapital lesen?» legte er eine Leseanleitung für die ersten Kapitel des ersten Bandes des «Kapitals» nach, die die Befassung mit der schwierigen Wertformanalyse und dem viel diskutierten Fetischkapitel erleichtert. Auch in der marxistischen Diskussion hat es der Autor zu hoher Reputation gebracht. Seine Dissertation «Die Wissenschaft vom Wert» gilt längst als Standardwerk. Der Mathematiker und Politologe beherrscht es, die komplexe und vielschichtige Materie der marxschen Kritik einfach und doch fundiert darzustellen. Und doch muss man Heinrich mit gewissen Vorbehalten lesen. Was Heinrich in seiner ausführlichen Beschäftigung mit Marx entwickelt, ist eine bestimmte Interpretation, die auch in seinen Einführungsbüchern durchscheint.

Die «Neue Marx Lektüre»

Die «Schule», der Heinrich angehört, wird heute «Neue Marx Lektüre» genannt und hat neben einigen Vorläufern ihren Ursprung etwa in den 1970er Jahren. Sie ist als direkte Reaktion auf die Krise des Marxismus zu verstehen und war von Beginn an geprägt von einer scharfen Abgrenzung gegenüber der marxistisch-leninistischen Leseweise von Marx, die zu grossen Teilen zur Legitimationswissenschaft des realsozialistischen Regimes geworden war. Die AutorInnen dieser neuen Leseweise kritisieren die historisierende Interpretation der Marxschen Formanalyse, die sie meist auf Engels zurückführen. Sie problematisieren die staats- und revolutionstheoretischen Implikationen dieser Interpretation und fokussieren selber sehr viel stärker auf die Formbestimmungen bei Marx. Man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie mit vielerlei politisch verheerenden Verirrungen in der traditionellen Auslegung der marxschen Theorie aufgeräumt haben. Gleichzeitig haben viele AutorInnen aber in bestimmten Fragen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Zudem bleibt die «Neue Marx Lektüre» meist im akademischen Diskurs befangen, der zwar ungeheur penibel ist, sich aber gerade deswegen scheut, klare politische Folgerungen aus der neuen Lektüre zu ziehen.

Differenzen und Kritik

Die «Neue Marx Lektüre» ist in sich nicht homogen, sondern weist Widersprüche und Brüche auf, und es wäre verkehrt, sie als geschlossenes Ganzes behandeln zu wollen. Hier soll es um die bestimmte Leseweise von Michael Heinrich gehen, der sich seit einigen Jahren zum prominenten Aushängeschild dieser Lektüre-Bewegung gemausert hat. Es gab auch innerhalb dieser Neulektüre berechtigte Kritik an Heinrichs Auslegung: Etwa an der «Zweiweltenlehre» von Heinrich, in der Produktionssphäre und Zirkulation nur noch formell verbunden sind oder an der Behauptung Heinrichs, dass das Geld keine Geldware sein müsse, sondern blosses Symbol sein könne. Es soll in diesem kurzen Artikel aber nicht um diese marxologischen Dispute gehen, obwohl diese oftmals schwerwiegende politische Konsequenzen haben. Stattdessen soll an zwei Beispielen veranschaulicht werden, wo Heinrich mit einer politisch-revolutionären Leseweise von Marx in Widerspruch gerät: An der Krisentheorie und an der Klassenfrage.

Entschärfung der Krisentheorie

Heinrich unterzieht die verschiedenen krisentheoretischen Stränge des traditionellen Marxismus einer Kritik. Insbesondere mit dem berühmten «tendenziellen Fall der Profitrate» verfährt er dabei hoch formalisierend. Er weist nach, dass dieses marxsche Gesetz sich mathematisch nicht beweisen lässt. Unter der Prämisse, dass variables Kapital nur durch konstantes ersetzt wird, wenn es weniger kostet als das zu ersetzende, kommt Heinrich rechnerisch sogar auf das Gegenteil: Eine sinkende organische Zusammensetzung des Kapitals und damit ein Ansteigen der Profitrate. Einerseits überzeugt er zwar argumentativ, dass sich dieses marxsche Gesetz nicht mathematisch beweisen lässt. Andererseits sind die Prämissen von Heinrich nicht plausibel: Das Kapital ersetzt variables Kapital auch, um seine Produktivität zu steigern und die erhoffte Profitmasse auszudehnen. Zudem weist Marx schon darauf hin, dass die Maschinerie «ein Kriegsmittel wider Arbeitermeuten» ist und entsprechend eingesetzt wird. Man muss nur etwas die Augen offen halten, um zu sehen, wie sehr sich die organische Zusammensetzung des Kapitals zumindest in den Metropolen erhöht hat. Was Heinrich mit der Tendenz der fallenden Profitrate macht, ist bezeichnend für seine Auslegung der Marxschen Theorie: Er abstrahiert von den konflikthaften Prozessen und vom permanenten Klassenkampf und fasst das Kapital weitgehend als «automatisches Subjekt».

Krise und die Klassenfrage

Was Heinrich zur Krise abschliessend zu sagen hat, zieht der marxschen Theorie als Theorie der Revolution die Zähne: Das Kapital ist nicht mehr prozessierender Widerspruch, sondern wird einerseits von zyklischen Krisen heimgesucht und andererseits von Krisen geschüttelt, in deren Folge das Akkumulationsmodell geändert werden muss. Hier verkürzt Heinrich die marxsche revolutionäre Kritik zu einem Entwicklungsmodell. Stattdessen müsste man das Kapital als konflikthaften Prozess auffassen, der immanente Schranken hat, die zwar gewaltsam überwunden werden können, die aber immer wieder potentiell revolutionäre Situtationen erzeugen, in deren Folge sich ein Subjekt konstituieren kann, das das Ganze über den Haufen zu werfen fähig ist.

Dieses Problem ist eng mit der Klassenfrage verknüpft: Bei Heinrich existiert eine Kapitallogik, die dem Handeln der Menschen vorausgesetzt ist. Auch wenn Heinrich eingesteht, dass die Menschen diese Strukturen tagtäglich reproduzieren, liegt das Hauptaugenmerk doch auf den ihnen vorausgesetzten Strukturen, auf dem Kapital als «automatischem Subjekt». Statt in eine solche Schlagseite zu verfallen, müsste man herausarbeiten, warum die kapitalistische Gesellschaft notwendig auf dem Klassenkampf beruht und sich durch diesen entfaltet. Marx macht das etwa im Kapitel über den Arbeitstag. Man muss dabei nicht jeden illegalen Download als Klassenkampf auffassen, aber man sollte die realen Prozesse des Klassenkampfes und ihre Bedeutung für die Konstitution des Kapitals nicht aus den Augen verlieren. Genau diese Gefahr besteht aber, wenn man statt des Originals nur Michael Heinrichs Bücher über das «Kapital» liest, auch wenn sie den Einstieg in die schwierige Materie erleichtern können.

Opération Libertad

In «Opération Libertad» erzählt der Filmemacher Nicolas Waldimoff die Geschichte einer militanten linken AktivistInnengruppe aus der Westschweiz, die in eine Bank einbricht, um Verbindungen zur Diktatur in Paraguay nachzuweisen. Der vorwärts hat ihn zum Gespräch über seinen Film getroffen.

Beginnen wir mit der vielleicht schwierigsten Frage: Ist «Opération Libertad» nur ein Film über Politik oder ist er auch ein politischer Film?

In einem Film politisch zu sein heisst für mich, eine Verbindung zwischen den Charakteren und der Gesellschaft herzustellen, in der sie leben. Die Story von «Opération Libertad» ist politisch, weil diese Geschichte von Menschen handelt, die die Gesellschaft verändern wollen. Der Film erzählt aber auch von einer Zeit, in der sich politisch mehr bewegt hat.

Ihr Film ist also auch nostalgisch?

Keinesfalls. Mein Film spielt Ende der Siebzigerjahre. Ich war zu dieser Zeit noch ein Kind, die Themen dieser Zeit beschäftigen mich also nicht persönlich. Mein Film sollte daher auch nicht historisch sein. Was mich dagegen schon lange sehr interessiert, ist das politische Engagement. Schon im Alter von dreizehn Jahren las ich Bücher über die «Rote Armee Fraktion». Meinen ersten Film in der Filmschule drehte ich über die Gruppe «Vancouver Five», die in den frühen Achtzigern agierte.

Kann uns diese Geschichte heute noch etwas sagen?

Ich habe diese Zeit gewählt, weil in unseren Gebieten politisch derzeit wenig läuft. Anhand der Geschichte versuche ich zu zeigen, was es heisst, wenn sich jemand dazu entscheidet, die Linie der Legalität aus politischen Gründen zu überschreiten, und welchen Preis diese Person dafür zu bezahlen hat.

Welche Menschen sind es denn, die bereit sind, diese Linie zu überschreiten?

Vor zwanzig Jahren habe ich einen Film über eine Gruppe militanter Aktivisten aus der Schweiz gedreht, die wegen Verbindungen zur Stasi von Carla del Ponte verhaftet wurden. Ich hatte die Chance, mich mit ihnen zu unterhalten, und kam zum Schluss, dass diese militanten Aktivisten vor allem keine aussergewöhnlichen Menschen sind. Ich wollte auch die Protagonisten in meinem Film anders darstellen, wie das etwa in «Der Baader Meinhof Komplex» geschieht.

Wie zeichnet dieser Film seine Figuren?

Der Film ist vor allem ein Actionfilm. Er verhindert aber die Identifikation mit den Figuren. Sie sehen entweder aus wie Superhelden oder wie riesige Psychopaten, sind aber in jedem Fall meilenweit von uns weg.

Der Film ist auch ziemlich ideologisch.

Klar! In diesem Film wird für den Zuschauer oder die Zuschauerin nicht erkennbar, dass diese Aktivist-Innen zur gleichen Welt gehören wie sie oder er. Sie werden behandelt wie Aliens.

Wie stellen Sie die AktivistInnen dar?

Ich versuche sie so darzustellen, wie mir die militanten AktivistInnen begegnet sind, die ich getroffen habe. Diese Leute sind nicht an Waffen, Gewalt oder Action interessiert. Sie sehen Gewalt höchstens als notwendige Folge ihrer politischen Überzeugung. Umso besser aber, wenn sie sie verhindern können. In «Opération Libertad» wollte ich daher von normalen Leuten erzählen, die eine spektakuläre Aktion planen. Die Aktion geht aber schief und sie geraten in eine Situation, die sie komplett überfordert. Plötzlich kippt alles in einen Ernst, den die AktivistInnen nicht beabsichtigt hatten. Die Revolution ist eben kein Spiel.

Für den Film haben Sie eine interessante Erzählform gewählt: Wir sehen vermeintliches Amateur-Filmmaterial, in dem ein Aktivist den Überfall auf
die Bank festhält. Warum?

Ich wollte erreichen, dass der Zuschauer/die Zuschauerin spüren kann, was dieses politische Engagement bedeutet und was schwierig daran ist. Ich zeige auch die Ängste und Zweifel der AktivistInnen und wie sie sich immer wieder selber kritisieren. Um diese Intimität herzustellen, eignet sich ein Familienfilm doch am besten. Ich spiele mit dem Anschein, dass es sich um dokumentarisches Material handelt. So entsteht nicht diese Barriere und das Gefühl, der Inhalt habe nichts mit einem zu tun. Ich mag die Vorstellung, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist, wenn die ZuschauerInnen den Kinosaal verlassen.

Am Schluss des Films spricht der Kameramann zu seiner Tochter, der er das Filmmaterial zeigt, sie könne nun ihre eigene Geschichte daraus  gestalten. Was meinen Sie damit?

Es geht mir nicht um die Frage, ob solche Aktionen gut oder schlecht sind. Junge, politisch denkende Leute können sich meinen Film anschauen und vielleicht werden sie davon inspiriert. Es geht mir darum, dass wir weiter über Geschichten wie die von Hugues diskutieren und nicht vergessen, dass solche Dinge möglich sind.

Die Geschichte von «Opération Libertad» erinnert an den Film «Die fetten Jahre sind vorbei». Wurden Sie von diesem Film beeinflusst? 

Ich habe mir diesen Film natürlich angesehen und auch einen der Schauspieler, Stipe Erceg, übernommen. Der Film ist gut gemacht, aber ich finde es problematisch, dass er in der Gegenwart spielt. Alles, was der Film zeigen kann, sind symbolische Aktionen: Leute, die in ein Haus einbrechen und Möbel verrücken. Und dennoch werden die AktivistInnen erwischt. Der Film hat aber Recht, wenn er zeigt, dass es heute nicht mehr viele Spielräume gibt. Man wird heute viel schneller erwischt oder gar getötet. Man muss sich bewusst sein: Für militante Aktionen muss man heute bereits sein zu sterben. Die einzigen, die das auf breiter Basis bereit sind zu tun, sind islamistisch Terroristen. Andere politische AktivistInnen weichen daher auf die symbolische, mediale Ebene aus.

Auch die Gruppe in Ihrem Film plant ein solche Medienspektakel, das aber misslingt. Ihre Aktion wird von den Medien totgeschwiegen. Sind Sie diesbezüglich also pessimistisch?

Die Aktion im Film geht ja nicht völlig schief, denn das gestohlene Geld aus der Bank wird danach an GenossInnen im Ausland weitergegeben. Die Aktion ist zur Hälfte erfolgreich und scheitert zur Hälfte. Aber so ist das ja immer mit dem politischen Kampf. Man gewinnt oder verliert nie klar. Für mich ist es wichtig, schon den Willen, bis zum Ende zu gehen, als Erfolg zu sehen. Oder um es einfach zu sagen: Die Bewegung ist wichtiger als ihr Ziel.

Dieser Wille ist heute eine Seltenheit geworden.

Man sieht aber auch überall auf der Welt Leute, die den Atem dazu haben, Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Es gibt ja auch in Europa und den USA wieder Protestbewegungen. Doch es sieht für mich manchmal so aus, als würden sie gegen eine riesige Wand anrennen. Es scheint heute klar zu sein, dass wir etwas verändern müssen. Wir müssen aber noch nach einem Weg dafür suchen. Mit meinem Film kann ich höchstens zu dieser Suche anregen.

Ihr Film ist aber keineswegs neutral. Sie haben doch offensichtliche Sympathien mit Ihren ProtagonistInnen.

Mein Herz schlägt für eine Seite, das ist klar. Ich bin nicht jemand, der den Kompromiss sucht, ich will aber auch nicht belehrend oder paternalistisch sein. Ich fühle mich auf jeden Fall tief verbunden mit den Aufständischen auf der ganzen Welt.

Aus der vorwärts-Ausgabe vom 26. Oktober 2012

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